Wo Drohnen noch Drohnen sein dürfen

Geschrieben wird viel über die verschiedenen Lieferdrohnen, mit denen künftig Expressbestellungen direkt zum Kunden befördert werden sollen. Aber kaum jemand bekommt sie zu sehen. Sie fliegen vor allem dort, wo wenig Menschen sind.

In der Grafschaft Cambridgeshire in Ostengland zum Beispiel, eine Autostunde nördlich von London. Laut einem Bericht der New York Times hat Amazon dort ein geheimes Übungsgelände angemietet, um den Dienst Prime Air auszuprobieren. Das ist nicht nur vergleichsweise ungefährlich, es bietet der Konkurrenz auch wenig Einblick in die eigene Forschung. Allerdings haben sich einige Anwohner beschwert, weil sie sich nicht ausreichend informiert fühlen.

Auch im dünn besiedelten British Columbia in Kanada, nahe der US-Grenze, wurden Amazons kleine Fluggeräte und ihre Sensoren schon getestet

Google-Mutter Alphabet fliegt über einen Uni-Campus

In den USA hingegen sind Lieferdrohnen derzeit praktisch verboten. Die US-Luftaufsichtsbehörde Federal Aviation Administration (FAA) hat im Juni 2016 Regeln für die kommerzielle Nutzung erlassen. Demnach sind selbstständige Auslieferungen per Drohne nicht gestattet. Der Pilot am Boden muss immer Sichtkontakt mit dem unbemannten Fluggerät haben. Das macht den kommerziellen Betrieb von Diensten wie Amazon Prime Air oder Googles Project Wing erst einmal unmöglich, denn diese Drohnen sollen autonom und ohne menschliche Aufsicht fliegen.

Ausnahmen gibt es aber natürlich. Googles Mutterkonzern Alphabet etwa liefert seit Kurzem auf dem Gelände der Virginia Polytechnic Institute and State University (Virginia Tech) Burritos per Drohne aus. Transportiert wird das Fast Food mit dem Fluggerät Project Wing. Die Eigenentwicklung von Google ist ein Kippflügler, der die Eigenschaften von Hubschraubern und Flugzeugen verbindet. Die Drohne startet und landet mit hochgeklappten Tragflächen, arbeitet beim Geradeausflug aber wie ein Flugzeug. Die Konstruktion soll energiesparender arbeiten als ein Quadcopter mit horizontal angeordneten Propellern. Die Drohnen landen auf dem Campus, nachdem sie von einem Foodtruck mit Burritos beladen wurden.

Mit dem Projekt will Google die Zulassungsbehörden von der Ungefährlichkeit der Technik überzeugen. Die US-Regierung steht offenbar auf Googles Seite. Sie will die Entwicklung weiter fördern und sechs Testgebiete ausweisen. Dort soll es Unternehmen gestattet werden, Drohnen für bestimmte Einsatzzwecke zu testen.

Deutschland ist vorne mit dabei

Auch die Deutsche Post DHL Group testet Lieferungen per Drohne und hat nun schon die dritte Generation der unbemannten Fluggeräte auf den Weg geschickt.

Die erste Generation, ein Quadcopter, flog 2013 Arzneimittel über den Rhein in die Postzentrale. 2014 flog DHL dann Versorgungsflüge zur Insel Juist. Zwölf Kilometer lang war die Strecke, sie endete vor einer Apotheke.

Der aktuelle Paketkopter 3 ist wie Amazons Gerät ein Kippflügler. Im Januar und März 2016 wurden damit auf einem abgelegenen Gebiet im oberbayerischen Reit im Winkl und auf der Winklmoos-Alm mehr als 100 Transportflüge von jeweils acht Kilometern Länge absolviert.

Paketdienst - So arbeitet die DHL-Lieferdrohne Amazon und DHL testen seit einiger Zeit Lieferdrohnen. Ein Testlauf in Bayern galt einer Drohne, die vollautomatisch be- und entladen wird.

Die DHL-Drohne fliegt von Paketstation zu Paketstation

Der auffällig gelb-rot lackierte Paketkopter 3 zeigte auch, wie sich DHL die Beladung und die Auslieferung vorstellt. Die Drohne holt sich selbstständig das Transportgut aus einer Paketstation und liefert sie am Zielort auch wieder an einer solchen ab. Eine gefährliche Landung direkt neben dem Kunden oder gar das Abseilen der Ware aus der Luft sind überflüssig.

DHL will nun die Daten auswerten und mögliche weitere Testgebiete auskundschaften. Auf Nachfrage nannte das Unternehmen bisher aber keine neuen Erprobungsorte. Der Test in Bayern war nur möglich, weil das Bundesverkehrsministerium ein Flugbeschränkungsgebiet eingerichtet und das Luftamt der Regierung von Oberbayern die erforderlichen Flugaufstiegsgenehmigungen erteilt hatte.

Nach Ansicht von Gleitschirm- und Drachenfliegern sind die Drohnen ein Sicherheitsrisiko. Gerade in schwach besiedelten Bergregionen könne es zu Kollisionen kommen, warnen die Drachenflieger. Auch die Tourismusbranche wehrt sich, wenn auch bislang erfolglos: Ende 2015 wandten sich Hoteliers und Restaurantbetreiber an die Öffentlichkeit, weil die Paketstation auf einem bisher nur für landwirtschaftliche und touristische Belange gedachten Areal aufgebaut wurde. Nach dem Ende der Tests wurde sie aber wieder entfernt.

Frankreichs Post erprobt Abwurf der Ladung

GeoPost, ein Ableger der französischen Post, testete monatelang Lieferdrohnen in der Nähe von Pourrières in der Region Provence-Alpes-Côte d’Azur im Südosten Frankreichs. Dort befindet sich mit dem CEEMA (Center for Studies and Tests for Independent Models) ein Drohnentestgelände, das schon 2008 gegründet wurde.

Die mit sechs Rotoren ausgerüstete Géodrone transportierte bei den Versuchen ein vier Kilogramm schweres Paket über eine Distanz von 20 Kilometern. Wer künftig damit seine Pakete versenden will, sollte auf eine gute Verpackung achten, da die Drohnen ihre Ladung beim Empfänger aus geringer Höhe abwerfen. Sie könnten künftig zur Versorgung besonders schlecht zugänglicher Gebiete – beispielsweise mit Medikamenten – genutzt werden.

Australien will abgelegene Gebiete mit Drohnen versorgen

Auch in anderen Teilen der Welt werden Lieferdrohnen ausgiebig getestet. Die australische Post ließ im April 2016 mit einer Sondergenehmigung der örtlichen Flugsicherheitsbehörde Civil Aviation Safety Authority für zwei Wochen ein Flugsystem des Unternehmens ARI Labs fliegen. Die Quadcopter sind mit Warnlichtern und sogar mit Fallschirmen für den Notfall ausgerüstet. Noch in diesem Jahr sollen öffentliche Tests beginnen, um in ländlichen Gegenden Lieferungen zu übernehmen. In Australien sind die Briefkästen mancher Großgrundstücke kilometerweit von den Haustüren entfernt. Da ist es natürlich sinnvoll, die Lieferungen näher am Haus zu platzieren.

Der Pizzalieferdienst Domino's will ebenfalls Luftzustellungen anbieten. Dazu fanden im August 2016 Tests im neuseeländischen Auckland statt. Die Pizzakartons werden von der Drohne auf Knopfdruck an einem Seil herunter gelassen, wenn der Kunde auf seinem Smartphone einen Button drückt.

Luftraumüberwachung für winzige Fluggeräte geplant

Doch was passiert, wenn künftig wirklich Lieferdrohnen die Lüfte erobern? Die Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa) lässt in den USA zur Vermeidung von Chaos am Himmel bereits ein Luftraumüberwachungssystem entwickeln, das auch kleine Multicopter erfassen kann. Amazon selbst hatte vorgeschlagen, Transportdrohnen auf verschiedenen Spuren in unterschiedlicher Höhe fliegen zu lassen. Die Steuerung der Drohnen solle zentral vom Boden aus erfolgen. Bis es soweit ist, dürften aber noch viele Jahre vergehen.