In diesen Tagen musste ich wieder an mein allererstes Smartphone denken. Es war ein Samsung Galaxy S1, und als ich es das erste Mal in meinen Händen hielt, dachte ich: Ui, ganz schön groß, das Teil. Zwei Jahre später hatte ich ein S3 und dachte das Gleiche. Und wieder drei Jahre später mit dem S6. Mit jedem meiner Smartphones wurde es enger in der Hosentasche, weshalb ich mich während des Tests des neuen Huawei Mate 9 in den vergangenen Tagen fragte: Brauche ich jetzt wirklich neue Hosen?

Das Mate 9 ist nämlich ein Phablet, wie die Riesensmartphones aus einer Mischung aus Smartphone und Tablet seit einigen Jahren bezeichnet werden. Der Trend zum größeren Bildschirm ist in den vergangenen Jahren an keinem namhaften Hersteller vorbeigegangen: Apple hat seit zwei Jahren ein iPhone Plus im Angebot, Google eine XL-Version seines neuen Pixel-Smartphones, und Samsung war mit seiner Note-Serie lange Zeit quasi der Vorreiter – bis die jüngsten Modelle anfingen zu brennen.

Größerer Bildschirm, geringere Pixeldichte

5,9 Zoll ist der Bildschirm des Mate 9 groß und damit einer der größten, die es derzeit auf dem Markt gibt. Trotzdem ist das Gerät kaum größer ist als ein iPhone 7 Plus oder das Pixel XL , denn der Bildschirm nimmt fast das gesamte Gerät ein. Vielleicht auch deshalb wirkt das Mate 9 auf den ersten Blick so riesig und wuchtig. Mit knapp 190 Gramm ist es aber tatsächlich gar nicht so viel schwerer als die Phablets der Konkurrenz.

Dafür sieht es besser aus, jedenfalls im Vergleich zum meiner Meinung nach wirklich nicht schönen Pixel XL. Dem iPhone 7 Plus dagegen ist es recht ähnlich. Es gibt keine auffälligen Antennenstreifen, die gebürstete Metallrückseite hinterlässt keine Fingerabdrücke, und die Kameralinsen ragen nur minimal aus dem Gehäuse raus. Einziger Unterschied: Der Homebutton mit integriertem Fingerabdruckscanner ist auf der Rückseite verbaut und es ist der schnellste, der mir bislang untergekommen ist. Es genügt wirklich nur ein minimales Antippen, um das Gerät sofort zu entsperren.

Trotz seiner Größe löst der Bildschirm bloß mit 1.920 mal 1.080 Pixeln, also in Full HD auf. Das iPhone 7 Plus tut das ebenfalls, allerdings auf einem 5,5-Zoll-Bildschirm. Und das Pixel XL bietet bei 5,5 Zoll sogar eine Quad-HD-Auflösung von 2.560 mal 1.440 Pixeln. Beide kommen somit auf höhere Pixeldichten als das Mate 9. Im Alltag stört das nicht, interessant könnte es aber werden, wenn das Mate 9 in Googles Daydream-VR-Brille steckt. Hier könnte die geringere Pixeldichte auffallen, wenn man durch die Linsen der Brille guckt. Wir ergänzen diesen Test um die entsprechenden Informationen, sobald Daydream offiziell verfügbar ist.

Von links nach rechts: Das Huawei Mate 9, das iPhone 7 Plus, das Google Pixel XL © ZEIT ONLINE

Zwei SIM-Karten, geklonte Apps

Huawei hat mit dem Mate 9 eine bestimmte Zielgruppe im Auge, die ihr Smartphone gerne und häufig nutzt. Ein Feature für diese Poweruser ist dabei die Unterstützung zweier SIM-Karten. Für jemanden wie mich, der immer noch nicht bereit ist, seine Arbeits- und Privatnummern zusammenzufügen und stattdessen häufig zwei Smartphones mit sich herumträgt, klingt das Konzept interessant. Es funktioniert dann auch wie erwartet: Wer seine beiden Nano-SIM-Karten einlegt, kann in der Software anschließend auswählen, welche der beiden für mobile Daten verwendet wird und welche für Anrufe. Das ist praktisch, da mein Diensthandy einen weitaus besseren Datenvertrag hat als mein privates Smartphone.

Einen Haken gibt es: Weil die zweite SIM-Karte den gleichen Slot belegt wie eine externe SD-Karte, müssen sich die Nutzer entscheiden: Speicher oder zweite SIM? Glücklicherweise gibt es das Mate 9 ohnehin nur mit 64 Gigabyte Speicher, wovon etwa 55 Gigabyte ab Werk frei sind. Es ist also reichlich Platz auch ohne zusätzliche Karte vorhanden. Hier könnten sich andere Hersteller etwas von den Chinesen abschauen und auf Oberklasse-Smartphones mit 32 oder gar nur 16 Gigabyte Speicher gleich verzichten.

Dual-SIM schön und gut, aber was ist mit Apps, die eigentlich an eine einzige Rufnummer geknüpft sind? Huawei löst das Problem mit dem App-Klonen, wie die Funktion heißt: In den Systemeinstellungen ist es möglich, sowohl für WhatsApp als auch für Facebook einfach eine zweite Instanz der App zu installieren, die sich dann mit dem jeweiligen Account oder der Nummer einrichten lässt. Das klappt gut, allerdings gibt es App-Klone bislang anscheinend tatsächlich nur für Facebook und WhatsApp. Als ich den Messenger Threema installiere, kann ich ihn ebenso wenig klonen wie die Apps von AirBnB oder Instagram.

Wie gut ist die Dual-Kamera wirklich?

Natürlich preist Huawei die Kamera des Mate 9 als die derzeit beste auf dem Markt an. Und wie schon beim im Frühjahr veröffentlichten P9 setzt das Unternehmen auf zwei Linsen und eine Kooperation mit dem deutschen Kamerahersteller Leica. Das Prinzip hinter der Dual-Kamera haben wir am Beispiel des iPhone 7 Plus bereits beschrieben. Hinter den beiden Linsen des Mate 9 arbeiten zwei Sensoren: Einer, der eine Auflösung von zwölf Megapixel in Farbe liefert, und ein 20-Megapixel-Monochrom-Sensor. Letzterer soll extrem kontrastreiche Schwarzweißbilder ermöglichen. Wobei sich die Frage stellt, ob im Jahr 2016 eine besonders gute Schwarzweiß-Kamera in einem Smartphone wirklich das ist, was die Kunden wollen.

Richtig gut gelungen ist Huawei jedenfalls die Kamerasoftware. Ich würde sogar so weit gehen, sie als die bislang beste zu bezeichnen, die ich in Android-Smartphones genutzt habe. Und auch professionelle Fotografen haben sie am Beispiel des P9 bereits gelobt. Erfreulich ist etwa, dass der Pro-Modus nicht versteckt ist, sondern in einem Drawer an der Unterseite der App steckt. Nutzer bekommen also ganz einfach Zugriff auf ISO-Werte, Weißabgleich und Fokus. Die allgemeinen Einstellungen öffnen sich per Wisch von rechts, die verschiedenen Kameramodi auf einen Wisch von links. Keine Untermenüs, keine verschachtelten Einstellungen, alles ist intuitiv mit einem Wisch zu erreichen.

Es ist auch möglich, die Kamera mit einem doppelten Klick auf die Leiser-Taste am rechten Gehäuserand auszulösen. "Ultra-Schnappschuss" nennt Huawei das, und wer es nutzt, bekommt prominent eine Auslösegeschwindigkeit von 0,8 Sekunden angezeigt. Das ist schnell, vielleicht etwas zu schnell. Gleichzeitig die Taste doppelt drücken und das Gerät still zu halten funktioniert in der Theorie nämlich besser als in der Praxis; bei mir waren die meisten Ultra-Schnappschüsse jedenfalls ziemlich verwackelt. Alternativ lässt sich einstellen, bei doppeltem Druck einfach die Kamera zu öffnen. Dann lässt sich immer noch sehr schnell fokussieren und auslösen (großes Vergleichsbild hier).

V.l.n.r.: Pixel XL, Mate 9, iPhone 7 Plus © ZEIT ONLINE

Was die Bildqualität betrifft, ist ein definitives Urteil wie immer schwierig, hier müssen Tests unter Laborbedingungen zeigen, wie sich das Mate 9 schlägt. Bei Tageslicht wirken die Aufnahmen (allesamt ohne HDR) im Vergleich zu denen des Pixel XL und iPhone 7 Plus generell ein wenig kühler in der Farbtemperatur, dafür ist der Kontrast in einigen Fällen etwas stärker hervorgehoben – möglicherweise ein gewünschter Effekt des Scharzweiß-Sensors. Am Ende sind das aber Details, die sich ohnehin mit etwas Nachbearbeitung oder entsprechenden Filtern beheben lassen. Insgesamt war ich mit den Aufnahmen bei Tageslicht zufrieden, ohne dass mich die Kamera des Mate 9 im Vergleich zur Konkurrenz von Apple oder auch Samsung umgehauen hätte.