Ein bisschen Größenwahnsinn gehört zum Geschäftsmodell von Start-ups. Doch bleibt der Erfolg aus, dienen die Visionen bloß noch zum Spott. Das weiß Kirt McMaster mittlerweile. Im April vergangenen Jahres kündigte der damalige CEO des Softwareunternehmens Cyanogen Inc. an, eine "Kugel durch den Kopf von Google" schießen zu wollen. Mit Cyanogen OS wollte er ein alternatives Android-Betriebssystem auf die Smartphones bekannter Hersteller bringen, das nicht an die Dienste von Google gebunden war.

Nun steht fest: Der Plan ist gescheitert. "Cyanogen wollte Google töten, hat sich aber stattdessen selbst umgebracht", schrieb das US-Magazin Forbes nachdem die Verantwortlichen des Unternehmens am vergangenen Freitag in einem Blogbeitrag ankündigten, alle Dienste und die Infrastruktur von Cyanogen OS abzuschalten. Zwei Sätze genügten, um eines der ambitioniertesten Projekte in der Entwicklung des Android-Betriebssystems zu begraben.

Dessen Geschichte begann bereits im Jahr 2009. Der Programmierer Steve Kondik, Spitzname Cyanogen, spielte damals mit einem neuen Betriebssystem namens Android herum, das von dem Technikkonsortium Open Handset Alliance unter der Leitung von Google kurz zuvor vorgestellt wurde. Weil Android zu großen Teilen freie Software ist – Ausnahmen sind etwa die vorinstallierten Google-Apps wie der Play Store –, kann sie von Dritten verändert werden. Genau das tat Kondik. Er passte die Firmware eines Android-Smartphones an, fügte einige Funktionen hinzu und optimierte andere. Die Ergebnisse teilte er unter dem Namen CyanogenMod im Sinne der Open-Source-Bewegung öffentlich im Netz.

Der Aufstieg von CyanogenMod

Schnell wuchs die Szene um CyanogenMod. Hunderte Programmierer beteiligten sich an der Weiterentwicklung und bis zum Jahr 2011 war das System bereits auf geschätzt mehr als fünf Millionen Geräten installiert. Erfahrene Android-Nutzer schätzen die Anpassungsmöglichkeiten. Vor allem schätzen sie, nicht auf die Dienste von Google angewiesen zu sein. Während Android immer mehr Marktanteile unter Smartphones einnahm, stieg auch das Interesse an alternativen Versionen. CyanogenMod galt als eine der besten, etwa weil sie mit älteren Smartphones kompatibel war und zudem fast fehlerfrei lief. Teilweise harmonierte das System besser als die angepassten Android-Versionen bekannter Hersteller wie Samsung oder HTC. Auch ZEIT ONLINE schrieb damals über die Vorteile.

Die Begeisterung der Szene machte den IT-Unternehmer Kirt McMaster auf CyanogenMod aufmerksam. Er kontaktierte Kondik und gemeinsam beschlossen sie, das Projekt kommerziell zu machen – jedenfalls teilweise. Während die Community CyanogenMod nach Belieben weiterentwickeln konnte, sollte mit Cyanogen OS ein System entstehen, das auf neuen Smartphones vorinstalliert war, also nicht erst nachträglich von Nutzern installiert werden musste. 2013 gründeten Kondik und McMaster zu diesem Zweck die Firma Cyanogen Inc., die im Anschluss einige Millionen US-Dollar an Risikokapital aufbringen konnte.

Tatsächlich feierte das Start-up kleinere Erfolge. 2014 erschien mit dem OnePlus One des gleichnamigen chinesischen Herstellers ein Smartphone, das vom Werk aus mit Cyanogen OS lief. Das Gerät bekam gute Bewertungen und konnte vor allem mit seinem günstigen Preis überzeugen. Weitere Nischenhersteller wie das spanische Unternehmen BQ lizenzierten Cyanogen OS für einzelne Modelle und mit Microsoft wurde schließlich ein bekannter Name auf das Projekt aufmerksam: Im Februar dieses Jahres gab Microsoft bekannt, Dienste wie Skype oder die Sprachassistentin Cortana in Cyanogen OS integrieren zu wollen – und damit eine Alternative zu Google Now zu bieten.

Kritik an Microsoft-Kooperation

Damit begannen die Probleme. Nicht alle waren von dieser Entwicklung begeistert. Was sei der Vorteil, sich von Google zu lösen und stattdessen Dienste von Microsoft in das System aufzunehmen, fragten einige. Zumal plötzlich unangekündigt Microsoft-Werbung auf den Geräten der Nutzer auftauchte. Es schien, als hätte Cyanogen mit der Entscheidung die Prinzipien eines wirklich freien Android-Systems aufgegeben.

Hinzu kam, dass die Kooperation mit OnePlus aufgrund interner Streitigkeiten nach nur einem gemeinsamen Modell wieder beendet war. Nachdem sich keine neuen Hersteller fanden, die das System nutzen wollten, gab es im Oktober eine Umstrukturierung: Hersteller sollten nicht mehr das komplette Cyanogen OS, sondern nur Teile davon lizenzieren können. Im November schloss Cyanogen Inc. dann sein Hauptbüro in Seattle und Gründer Steve Kondik verließ das Unternehmen. Nun wurde die Entwicklung von Cyanogen OS in seiner jetzigen Form beendet.