Vor einigen Tagen saß ich in San José in einer Runde deutscher Journalisten, wir warteten auf den Beginn von Apples Entwicklerkonferenz WWDC. Ein Kollege legte einen Fidget Spinner und einen Fidget Cube auf den Tisch. Der sofortigen Faszination der anderen nach zu urteilen, hätte es ebenso gut das iPhone 8 sein können. Oder 9.

Wenn Sie jetzt fragen "Fidget-was?", haben Sie genauso wenig Ahnung von der Jugend von heute wie ich, 39, kinderlos. Fidget Spinner sind kreiselartige Spielzeuge und schätzungsweise hundert Fantastillionen Jugendliche in aller Welt machen damit allerlei Kunststücke, um sich einen "kurzen Rückzug aus alltäglichen Stressphasen" zu verschaffen, wie Wikipedia zu wissen glaubt.

Der Fidget Cube ist ein Würfel, der auf jeder Seite einen Schalter, Hebel oder Knöpfe hat, die man drücken und betätigen kann, ohne irgendetwas dabei auszulösen. Wenn Sie ein Kugelschreiberklicker sind, wissen Sie, was ich meine.

Fidget Spinner und Fidget Cube

Einige in der Runde in San José verstanden zunächst nicht, dass die vielen Schalter absolut nichts an- oder ausschalten. Andere wussten sofort, dass es genau darum geht: um das ungemein befriedigende Gefühl, einen Schalter zu betätigen. Punkt. Dass wir ein Bedürfnis nach folgenloser Aktion haben in einer Welt, in der Nichtstun nervös macht, das Wort "Konsequenzen" aber eher negativ besetzt ist.

Nun gibt es natürlich auch eine App, die dasselbe Bedürfnis befriedigt. Sie heißt Binky, das ist Englisch für Schnuller. Binky sieht aus wie ein bildlastiges soziales Netzwerk: Nutzer können durch einen ewigen Stream aus kurz betitelten Fotos aus dem Internet scrollen, binks genannt, und darauf reagieren. Sie können binks ähnlich wie auf Instagram, Twitter oder Facebook liken, re-binken und auch einen Kommentar-Button gibt es. Sie können die Bilder wie in Tinder nach links oder rechts wegwischen und damit Ablehnung oder Wohlwollen zum Ausdruck bringen. Nur: Nichts davon hat irgendwelche Folgen für irgendjemanden.

Die gesamte Bedienungsanleitung von Binky © Screenshot ZEIT ONLINE

Liken, das Re-binken oder Wegwischen passiert nur lokal in der App, und wer einen Kommentar schreiben will, kann zwar tippen. Aber jede Tastaturberührung führt nur dazu, dass unter einem bink eine vorgefertigte, generisch-euphorische Aussage, ein paar Emojis und zufällige Hashtags wie #truestory, #sorrynotsorry oder #firstworldproblems erscheinen. Die wiederum niemand sonst zu sehen bekommt. Selbst hochladen können Sie nichts, und Kontakte knüpfen ist auch nicht möglich. Binky ist also ein Nichtnetzwerk, ein App gewordener Fidget Cube.

Hauptsache, es gibt etwas zum Scrollen

Binky soll witzig sein, aber auch mehr als ein Witz, sagt sein Entwickler Dan Kurtz aus Oakland. "Eines Morgens ging ich durch meine Timelines auf Twitter und Facebook, und als ich fertig war, legte ich das Smartphone weg. Zehn Sekunden später nahm ich es wieder in die Hand und wischte durch meine App-Liste und wieder zurück", schreibt er mir in einer E-Mail. "Ich dachte, es sollte eine App dafür geben, wenn man durch irgendetwas scrollen will, aber durch nichts Bestimmtes."