Der Geist von Nokia schwebte für einige Sekunden durch das Grand Palais in Paris. In den imposanten Belle-Époque-Hallen – im Jahr 1900 eigens zur Weltausstellung erbaut – stellte der chinesische Hersteller Huawei am Dienstagnachmittag sein neues Android-Smartphone P20 vor. Und das weckte Erinnerungen: Vor sechs Jahren brachte Nokia mit dem 808 PureView und später dem Lumia 1020 zwei Smartphones heraus, die eine 41-Megapixel-Kamera und den bis dato größten Bildsensor in Smartphones enthielten. Das war revolutionär, auch wenn der Rest der Geräte nicht mithalten konnte und sie schnell in Vergessenheit gerieten.

Seit Nokias Experimenten spielen Megapixel in Smartphone-Kameras nur noch eine untergeordnete Rolle. Samsungs aktuelles Galaxy S9 kommt mit zwölf Megapixeln aus und versucht stattdessen, mit einer mechanischen Blende bessere Fotos zu ermöglichen. Google setzt, dem Namen zum Trotz, in seinen Pixel-Smartphones vor allem auf Software. Apple hat, wie viele andere Hersteller, ein duales Kamerasystem mit zwei Linsen für sich entdeckt.

Doch jetzt kommt Huawei mit dem P20 Pro: Es enthält als erstes Smartphone eines renommierten Herstellers nicht zwei, sondern drei Linsen auf der Rückseite. Die Auflösung: 40 Megapixel, doppelt so viele, wie der Vorgänger P10 Plus hatte. Zudem ist der Bildsensor einer der größten, die jemals in einem Smartphone verbaut wurden. Und der maximale ISO-Wert für die Lichtempfindlichkeit reicht an den von manchen High-End-Kameras heran. Die Megapixelspiele sind eröffnet.

Drei Kameras, großer Sensor

Das passt zu den aktuellen Entwicklungen. Erstens von Huawei, dessen Prämisse zunehmend "mehr ist mehr" zu sein scheint. Noch vor drei Jahren präsentierten die Chinesen ihre neuen Smartphones im bayrischen Unterschleißheim neben Lidl-Filialen und Autohäusern. Vergangenen Herbst war es dann schon die Münchner Olympiahalle. Und nun hat man die Journalistinnen und Journalisten in das Grand Palais mitten in Paris geladen. So viel Opulenz kann Huawei zumindest mit Zahlen untermauern: Inzwischen verkauft das Unternehmen mit Sitz in Shenzhen die drittmeisten Smartphones weltweit, wie CEO Richard Yu zu Beginn der Vorstellung erwähnte.

Zweitens folgt Huawei dem Trend unter den Smartphone-Herstellern, die integrierten Kameras als wichtigstes Verkaufskriterium zu etablieren. In Zeiten, in denen sich die restliche Hardware kaum noch voneinander unterscheidet, kann eine gute Kamera der entscheidende Vorteil sein – gerade da Menschen zunehmend häufiger durch das Versenden von Bildern und Videos kommunizieren und das Smartphone die klassische Kamera längst abgelöst hat.

Für das P20 Pro (es wurden auch noch die abgespeckten und günstigeren Versionen P20 und P20 Lite vorgestellt) kooperiert Huawei erneut mit der deutschen Firma Leica. Die Hauptkamera löst wie erwähnt mit 40 Megapixeln auf, dazu kommt der aus den Vorgängern bekannte 20-Megapixel-Monochromsensor sowie ein Acht-Megapixel-Teleobjektiv.

Im Zusammenspiel ermögliche das einen fünffachen hybriden Zoom und hochauflösende Bilder, die sowohl beim Heranzoomen als auch bei schlechten Lichtverhältnissen scharf seien, behauptet Huawei. "Selbst deine Augen können nicht sehen, was diese Kamera sehen kann", sagte Yu. Wer es langsamer mag, kann den Superzeitlupenmodus nutzen und Videos mit 960 Frames pro Sekunde aufnehmen.

Ob das P20 Pro die Smartphone-Fotografie wirklich revolutioniert, wird man natürlich erst nach ausführlichen Tests beurteilen können. Bislang galten die Kamera in Huaweis Geräten zwar als gut, aber eben nicht als absolute Spitzenklasse im Vergleich zu Samsung, Google oder dem iPhone. Die Tester der Website DxOmark jedenfalls scheinen überzeugt zu sein: Sie gaben dem P20 Pro eine Gesamtbewertung von 109 Punkten – mehr also, als das Google Pixel, das iPhone X oder irgendein anderes Smartphone zuvor erhalten hat.