"Kann man mit dem Ding auch telefonieren?" Diese Frage höre und lese ich immer dann, wenn wieder ein neues Smartphone vorgestellt wird. Was lange Zeit vor allem ein Gag war, kann man mittlerweile ernsthaft fragen. Vielleicht ist der Begriff Smartphone längst überholt. Smartcamera wäre passender, denn Handys sind seit einigen Jahren genau das: Kameras, mit denen sich auch mal telefonieren lässt.

Das gilt für das Huawei P20 Pro wie für kaum ein anderes Gerät. Nachdem Samsung im Februar auf dem Mobile World Congress in Barcelona das Galaxy S9 unter dem Motto "Die Kamera weitergedacht" vorstellte, zog Huawei Ende März in Paris nach. Knapp die Hälfte der Präsentation drehte sich um die neue Dreifachkamera, die Huawei dem P20 Pro spendierte – als erster Hersteller setzen die Chinesen diese Technik ein. Doch sorgt sie wirklich für bessere Fotos?

Schönes Design ohne Kopfhöreranschluss

Zunächst einige allgemeine Beobachtungen: Das P20 Pro verspricht technisch wie optisch, was man bei einem Preis von 899 Euro erwarten darf. Die Verarbeitung und Materialien sind hochwertig, die Technik auf dem aktuellen Stand und das Design folgt den aktuellen Trends der Branche: schmaler Rahmen, ein 6,1 Zoll großer Bildschirm mit einer Auflösung von 2.240 mal 1.080 Pixeln und eine Rückseite, die in der Farbkombination Twilight wunderschön glänzt, aber auch wirklich jeden Fingerabdruck anzieht. Für eine Hülle ist das Design zu schade, aber Kratzer sind auch nicht schön. Ein Luxusproblem, keine Frage.

Was das P20 Pro gut löst, ist der Fingerabdrucksensor. Ich kenne keinen anderen Android-Hersteller, dem es gelingt, einen Sensor zu verwenden, der das Gerät schon nach einer minimalen Berührung entsperrt. Dass Huawei den Sensor weiterhin in eine Taste unter dem Display integriert, kommt dem entgegen. Praktisch ist auch die Unterstützung für zwei SIM-Karten, die es standardmäßig gibt und nicht bloß in einem gesonderten Modell (I'm looking at you, Samsung!). Dafür enthält das P20 anders als sein Vorgänger P10 aber keinen Klinkenanschluss mehr für Kopfhörer.

Was beim P20 Pro etwas stört, ist the notch. Um noch ein paar Pixel Bildschirm herauszuquetschen, ist Huawei dem Vorbild des iPhone X gefolgt und hat dem Bildschirm am oberen Rand eine Aussparung gegeben, in der sich Lautsprecher und Selfiekamera befinden. Das kann man ästhetisch mögen oder eben fragwürdig finden. Problematisch aber ist es, wenn die schwarze Aussparung in einzelnen Apps den Inhalt verdeckt. Das passiert dem P20 – anders als dem iPhone X – etwa beim Abspielen von Instagram-Stories. Immerhin lässt sich der notch in den Systemeinstellungen ausstellen: Der Bildschirm wird dann auch links und rechts der Aussparung schwarz gefärbt und die Apps entsprechend angepasst. Auch sonst bietet Huaweis veränderte Android-Oberfläche EMUI noch einige spezielle Funktionen, die aber für die meisten Nutzerinnen im Alltag eher zweitrangig sein dürften.

Spieglein, Spieglein: das Huawei P20 (links) in Blau neben einem Galaxy S8 © ZEIT ONLINE

Drei Linsen und ein größerer Sensor

Nun aber zur Kamera, die für viele Menschen das vielleicht wichtigste Kriterium sein dürfte. Ich habe das P20 Pro über das lange Osterwochenende getestet und einige Hundert Aufnahmen gemacht. Dies war also kein Test unter Laborbedingungen, sondern hier geht es um meine persönlichen Eindrücke als Amateurfotograf.

Wie erwähnt hat das P20 Pro drei Kameras auf der Rückseite. Die Hauptkamera löst mit 40 Megapixeln auf, dazu kommen eine 20-Megapixel-Zweitkamera mit einem Monochromsensor sowie ein Acht-Megapixel-Teleobjektiv. Das macht zusammen stolze 68 Millionen Pixel. Doch was rekordverdächtig klingt, macht an sich noch kein gutes Bild. Deshalb verwendet Huawei im P20 Pro auch noch einen Bildsensor, der deutlich größer ist als die bislang in Smartphones verbauten. Ein größerer Sensor kann mehr Licht aufnehmen und ist deshalb vor allem für Nachtaufnahmen besser geeignet. Dazu später mehr.