Neulich tapste mein 18 Monate alter Sohn im Wohnzimmer auf mich zu und streckte mir strahlend ein Kinderbüchlein entgegen. Er wollte wohl, dass ich ihm etwas über die Tiere darin erzähle. Ich aber bekam davon nichts mit. Denn ich war versunken, verschwunden, verloren in den Untiefen einer Twitter-Debatte – auf meinem Smartphone. Erst als meine Frau sagte: "Jetzt schau doch mal! Da will dir jemand was zeigen", schaute ich hoch. Und schämte mich: Wie konnte ich meinen Sohn für mein Telefon übersehen?

Allein bin ich mit solchen Aussetzern allerdings nicht. Smartphones nehmen im Alltag vieler Menschen inzwischen eine zentrale Rolle ein. Und die psychologische Forschung der vergangenen Jahre legt nahe, dass zu viel Zeit am Smartphone wohl wirklich krankhaft werden kann. Problematische Smartphone-Nutzung, das ist inzwischen ein psychologischer Fachbegriff.

Problematisch wird es erschreckend häufig

Die meisten Studien dazu basieren bisher auf Fragebögen wie dem Mobile Phone Problem Use Scale (MPPUS), den die Psychologin Adriana Bianchi und ihr Kollege James Phillips von der Monash University in Australia schon 2005 entwickelt hatten (CyberPsychology & Behavior, 2005). Der Befragte soll darin bewerten, wie sehr er Aussagen wie diesen zustimmt: "Ich kann nie genug Zeit mit meinem Handy verbringen." Oder: "Es fällt mir schwer, mein Mobiltelefon auszuschalten." Wie sich zeigte, korreliert die Gesamtnote auf dem MPPUS-Fragebogen zuverlässig mit der Neigung, eine Sucht zu entwickeln.

Mit einer solchen Methode zeigte sich auch, dass jeder zehnte britische Schüler (1.026 Befragte) sein Smartphone suchtartig nutzt (Cyberspsychology, Behavior and Social Networking:  Olatz et al., 2014). Noch krasser scheint die Lage in Spanien zu sein: Rund 20 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Alter von 16 bis 65 Jahren nutzten ihr Smartphone suchtartig oder liefen Gefahr, eine Abhängigkeit zu entwickeln (PLoS One: de-Sola et al., 2017). Daten für Deutschland werden gerade erhoben. Eine Übersichtsarbeit aus 23 Studien deutet darauf hin, dass problematische Smartphone-Nutzung und die Neigung zu Depression und Angst zusammenhängen (Journal of Affective Disorders: Elhai et al., 2017). Das sind seelische Zustände, die wiederum eine Abhängigkeit begünstigen können.

Während die WHO plant, "Videopielsucht" – online wie offline – in die nächste Ausgabe ihres Diagnosehandbuches (ICD-11) aufzunehmen, ist "Handysucht" aber noch keine anerkannte psychiatrische Diagnose. Eigentlich merkwürdig. Ist sie wenigstens auf dem Weg dorthin? "Momentan werden gängige Symptome aus der Suchtforschung auch im Rahmen einer potenziellen 'Smartphone-Sucht' von Wissenschaftlern diskutiert", sagt etwa Christian Montag, Professor für Molekulare Psychologie an der Universität Ulm. Zu den Symptomen zählten dabei "die ständige gedankliche Beschäftigung mit dem Smartphone, Entzugserscheinungen bei Nichtvorhandensein des Gerätes sowie berufliche oder private Beeinträchtigungen aufgrund der übermäßigen Nutzung".

Kann ich mir ein Leben ohne Smartphone vorstellen?

Einen Katalog derartiger Symptome, der von Montag stammt, teste ich nach dem Gespräch an mir selbst (wer es nachmachen will: www.smartphone-addiction.de). Dabei bewerte ich Aussagen wie: "Ich verpasse es, geplante Aufgaben aufgrund meiner Smartphone-Nutzung zu erledigen." Meine Antwort: Ja. "Die Menschen um mich herum sagen mir, dass ich mein Smartphone zu stark nutze." Stimmt auch. "Für mich wäre es nicht auszuhalten, kein Smartphone zu besitzen." Das zum Glück noch nicht.

Allerdings verpasse ich geplante Aufgaben auch, weil ich nachts zu lange Hörbücher von George Orwell höre und zu spät ins Bett gehe. "Wissenschaftler müssen darauf bedacht sein, Alltagshandlungen nicht zu pathologisieren", sagt auch Christian Montag. Welche Kriterien müssten also erfüllt sein, damit ich als echter Handysüchtiger gelte?

In der aktuellen Ausgabe des Diagnosehandbuchs (ICD-10) wird das sogenannte Abhängigkeitssyndrom anhand von sechs Kriterien definiert, von denen mindestens drei vorliegen müssen: der starke Wunsch oder der Zwang, etwas zu tun, der Verlust der Kontrolle über Zeit und Ausmaß der Handlung, die Unfähigkeit zur Abstinenz, Ausbildung einer Toleranz (man braucht immer mehr), Entzugserscheinungen und Rückzug aus dem Sozialleben.

Was Handys mit Hirnen machen

Intuitiv könnte man auch meinem Smartphone-Verhalten mindestens drei dieser Kriterien andichten. An der Bushaltestelle etwa spüre ich den starken Wunsch, mal auf Twitter zu schauen, wer mich gerade anpöbelt. Manchmal, wie im Beispiel mit meinem Sohn, erschrecke ich, wie häufig ich aufs Smartphone schaue, und eine Art Rückzug aus dem Sozialleben ist das auch. Allerdings kann ich mein Smartphone auch zu Hause vergessen, ohne in die Nomophobie zu stürzen, einer unter Psychologinnen und Psychologen diskutierten Angst vor der Abwesenheit des Handys. Vielleicht reicht so ein Fragebogen also doch nicht aus, um Handysucht als Krankheitsbild zu etablieren.

Einen deutlicheren Hinweis könnte die Hirnforschung liefern. Etwa wenn sie zeigen könnte, dass die Hirnaktivität bei Menschen mit problematischer Smartphone-Nutzung jener bei anderen Suchterkrankungen ähnelt. Solche Studien suche ich in der Fachliteratur jedoch vergeblich. Allerdings erschien im Februar zumindest eine der ersten anatomischen Hirnscan-Studien im Journal Nature Scientific Reports (Montag et al., 2018). Darin beschreiben Montags Team und ihr Kollaborationspartner von der University of Electronic Science and Technology im chinesischen Chengdu, dass exzessive Nutzerinnen und Nutzer des Dienstes WeChat (des chinesischen Pendants zu WhatsApp) einen etwas dünneren cingulären Kortex haben. Das ist ein Hirnbereich, der an der Steuerung des Suchtverhaltens beteiligt ist. "Leider wissen wir noch nicht, ob es sich hier jeweils um Veränderungen aufgrund einer Vielnutzung dieser Applikationen handelt", sagt Montag, "oder ob das geringere Volumen in diesen Hirnarealen eine Art Anfälligkeit für eine sich entwickelnde Smartphone-Sucht darstellt." Was fehlt, sind Längsschnittstudien, die verfolgen, wie sich häufiges Verwenden eines Smartphones und zugleich die Hirnstruktur über die Jahre hinweg verändern.

Apps sind so programmiert, dass man sie die ganze Zeit nutzen will

In einer anderen Studie beobachtete ein Forscherteam um Montag, dass Probandinnen und Probanden, die andauernd die Facebook-App auf ihrem Smartphone benutzten, einen kleineren Nucleus accumbens hatten als erwartet (Behavioral Brain Research:Montag et al., 2017). Ein weiteres Indiz, dass dieses Hirnareal eine besondere Rolle bei Suchterkrankungen spielt. Denn es ist der Teil des Belohnungssystems, in dem einige Drogen besonders stark wirken. Raucht man etwa eine Zigarette, werden im Nucleus accumbens große Mengen des Neurotransmitters Dopamin ausgeschüttet. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Mal wieder zur Zigarette zu greifen. Sogar dann, wenn man sich beim Rauchen gar nicht gut gefühlt hat.

Ratschläge - Weniger aufs Handy starren Ständig neue Nachrichten, die Sie ans Smartphone fesseln: Sie können Ihr Verhalten verändern – dabei helfen Tipps aus diesem Video. © Foto: Carim Soliman

Man weiß inzwischen, dass positive soziale Interaktion ebenfalls zu einer starken Ausschüttung von Dopamin führt. Vieles deutet darauf hin, dass Social-Media-Apps sich genau das zunutze machen. Das Modell des Behaviour Designs dürfte die Entwicklung von Instagram und anderen Apps inspiriert haben. Erdacht hat es der Standford-Psychologe BJ Fogg. Demnach müssen drei Bedingungen erfüllt sein, um einen Menschen zu einer bestimmten Handlung zu bewegen: Er muss motiviert sein, die Handlung muss ihm leicht fallen, und er muss einen Auslöser wahrnehmen. Auf die Smartphone-Welt übertragen: Der Wunsch nach sozialem Kontakt ist die Motivation. Die Handlung, also das Zücken des Handys, ist denkbar einfach. Als Auslöser dient womöglich schon der Anblick einer Bushaltestelle oder das Brummen in der Hosentasche. "Eine gewisse Zeit lang hat ein Smartphone-Nutzer einfach immer wieder an der Bushaltestelle aus Langeweile das Smartphone in die Hand genommen", sagt Montag. Und irgendwann ist daraus einfach ein Automatismus geworden, der sehr schwer wieder abzustellen ist.

Problematisch ist bei der suchtartigen Handynutzung also womöglich nicht das Smartphone selbst, sondern dass es eine hohe Frequenz sozialer Interaktion ermöglicht. Und die führt zu jeder Menge Dopamin im Gehirn. Ob die jedoch ebenso hoch ausfällt wie jene bei etablierten Süchten, muss noch geklärt werden. Egal, wie die Antworten letztlich aussehen werden, mein Smartphone bleibt ab sofort auf dem Regal, wenn mein Sohn im Raum ist.