Intuitiv könnte man auch meinem Smartphone-Verhalten mindestens drei dieser Kriterien andichten. An der Bushaltestelle etwa spüre ich den starken Wunsch, mal auf Twitter zu schauen, wer mich gerade anpöbelt. Manchmal, wie im Beispiel mit meinem Sohn, erschrecke ich, wie häufig ich aufs Smartphone schaue, und eine Art Rückzug aus dem Sozialleben ist das auch. Allerdings kann ich mein Smartphone auch zu Hause vergessen, ohne in die Nomophobie zu stürzen, einer unter Psychologinnen und Psychologen diskutierten Angst vor der Abwesenheit des Handys. Vielleicht reicht so ein Fragebogen also doch nicht aus, um Handysucht als Krankheitsbild zu etablieren.

Einen deutlicheren Hinweis könnte die Hirnforschung liefern. Etwa wenn sie zeigen könnte, dass die Hirnaktivität bei Menschen mit problematischer Smartphone-Nutzung jener bei anderen Suchterkrankungen ähnelt. Solche Studien suche ich in der Fachliteratur jedoch vergeblich. Allerdings erschien im Februar zumindest eine der ersten anatomischen Hirnscan-Studien im Journal Nature Scientific Reports (Montag et al., 2018). Darin beschreiben Montags Team und ihr Kollaborationspartner von der University of Electronic Science and Technology im chinesischen Chengdu, dass exzessive Nutzerinnen und Nutzer des Dienstes WeChat (des chinesischen Pendants zu WhatsApp) einen etwas dünneren cingulären Kortex haben. Das ist ein Hirnbereich, der an der Steuerung des Suchtverhaltens beteiligt ist. "Leider wissen wir noch nicht, ob es sich hier jeweils um Veränderungen aufgrund einer Vielnutzung dieser Applikationen handelt", sagt Montag, "oder ob das geringere Volumen in diesen Hirnarealen eine Art Anfälligkeit für eine sich entwickelnde Smartphone-Sucht darstellt." Was fehlt, sind Längsschnittstudien, die verfolgen, wie sich häufiges Verwenden eines Smartphones und zugleich die Hirnstruktur über die Jahre hinweg verändern.

Apps sind so programmiert, dass man sie die ganze Zeit nutzen will

In einer anderen Studie beobachtete ein Forscherteam um Montag, dass Probandinnen und Probanden, die andauernd die Facebook-App auf ihrem Smartphone benutzten, einen kleineren Nucleus accumbens hatten als erwartet (Behavioral Brain Research:Montag et al., 2017). Ein weiteres Indiz, dass dieses Hirnareal eine besondere Rolle bei Suchterkrankungen spielt. Denn es ist der Teil des Belohnungssystems, in dem einige Drogen besonders stark wirken. Raucht man etwa eine Zigarette, werden im Nucleus accumbens große Mengen des Neurotransmitters Dopamin ausgeschüttet. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, beim nächsten Mal wieder zur Zigarette zu greifen. Sogar dann, wenn man sich beim Rauchen gar nicht gut gefühlt hat.

Ratschläge - Weniger aufs Handy starren Ständig neue Nachrichten, die Sie ans Smartphone fesseln: Sie können Ihr Verhalten verändern – dabei helfen Tipps aus diesem Video. © Foto: Carim Soliman

Man weiß inzwischen, dass positive soziale Interaktion ebenfalls zu einer starken Ausschüttung von Dopamin führt. Vieles deutet darauf hin, dass Social-Media-Apps sich genau das zunutze machen. Das Modell des Behaviour Designs dürfte die Entwicklung von Instagram und anderen Apps inspiriert haben. Erdacht hat es der Standford-Psychologe BJ Fogg. Demnach müssen drei Bedingungen erfüllt sein, um einen Menschen zu einer bestimmten Handlung zu bewegen: Er muss motiviert sein, die Handlung muss ihm leicht fallen, und er muss einen Auslöser wahrnehmen. Auf die Smartphone-Welt übertragen: Der Wunsch nach sozialem Kontakt ist die Motivation. Die Handlung, also das Zücken des Handys, ist denkbar einfach. Als Auslöser dient womöglich schon der Anblick einer Bushaltestelle oder das Brummen in der Hosentasche. "Eine gewisse Zeit lang hat ein Smartphone-Nutzer einfach immer wieder an der Bushaltestelle aus Langeweile das Smartphone in die Hand genommen", sagt Montag. Und irgendwann ist daraus einfach ein Automatismus geworden, der sehr schwer wieder abzustellen ist.

Problematisch ist bei der suchtartigen Handynutzung also womöglich nicht das Smartphone selbst, sondern dass es eine hohe Frequenz sozialer Interaktion ermöglicht. Und die führt zu jeder Menge Dopamin im Gehirn. Ob die jedoch ebenso hoch ausfällt wie jene bei etablierten Süchten, muss noch geklärt werden. Egal, wie die Antworten letztlich aussehen werden, mein Smartphone bleibt ab sofort auf dem Regal, wenn mein Sohn im Raum ist.