Es gibt wenige Gründe, einem kalten Stück Technologie irgendetwas Intimes anzuvertrauen. Vielleicht am ehesten noch Passwörter, weil man sie unter der Maßgabe speichert, dass die Geräte diese Art von Information für sich behalten und nur preisgeben, wenn das entsprechende Passwort angefordert wird, zum Öffnen etwa eines E-Mail-Accounts oder einer Bankkonto-App.

Außer das Gerät signalisierte einem, dass es mehr sein will als genau das, ein kaltes Stück Technologie. Nämlich: ein Freund, ein Mitwisser, ein Partner, so menschenähnlich wie möglich, wenn auch nicht der Gestalt und Form nach. Die Apple Watch der vierten Generation sieht zwar immer noch aus wie ein Designobjekt, soll nun aber offenkundig genau so eine digitale Vertrauensperson werden, eine mit glänzender OLED-Display-Oberfläche.

Eigentlich war schon in den ersten Generationen der smarten Uhr alles bereit für die Intimität zwischen Mensch und Maschine: Etwas, das man als Armbanduhr direkt auf der Haut am Handgelenk trägt, befindet sich per se an einer verletzlichen Stelle des Menschen. Und dank eines optischen Sensors haben auch schon die vorherigen Generationen der Apple Watch einen äußerst symbolischen Messwert permanent erhoben, den Puls der Trägerin oder des Trägers. Aber nicht im Sinne der Funktionsweise einer bloßen Fitnessuhr. Den Puls sollte man weniger zur Selbstkontrolle oder gar -optimierung messen, man sollte ihn vor allem an jemand anderen verschicken, eingehüllt in eine bewegte Herzschlaganimation – als Vertrauensbeweis, ja Liebesbekundung. Hier, Baby, ich schick dir mein Herz, und es schlägt nur für dich.

Zu schnell, zu langsam, unrhythmisch

Die Apple Watch 4 hat zwar ebenfalls all die bekannten Kommunikationsfunktionen der Vorgängermodelle, mit denen man als Trägerin oder Träger zu anderen Menschen Kontakt aufnehmen kann. Aber die Uhr selbst sucht vor allem die Verbindung zu ihrem Besitzer, ihrer Besitzerin. Die Uhr will medizinisches Messgerät und Mitwisser in Gesundheitsfragen sein, Geheimnisträger, denn alle von der Uhr erhobenen Informationen bleiben in ihr verschlossen und angeblich sicher vor Hacks in der Cloud. Nur mit dem eigenen Arzt soll man seine Messdaten freiwillig teilen können, die in die vorinstallierte Health-App auf dem iPhone einlaufen, dem Kontrollzentrum für alle gesundheitsbezogenen Daten auf allen Apple-Smartphones. Neben Schrittanzeige, Wegstreckenmessung und Treppensteigstatistik, die die App auch heute schon Smartphonenutzern zeigt, könnten dort nun auch Daten der Apple Watch einlaufen.

Die neue Uhr misst den Herzschlag, das perfekte Symbol für die Vitalität von Lebewesen, nun dank elektronischer Sensoren so genau, dass sie Warnungen aussprechen kann, sobald die Herzfrequenz von der angenommenen Norm abweicht. Zu schnell, zu langsam, unrhythmisch, das sind der neuen Apple Watch Warnzeichen, die sie unmittelbar ihrer Trägerin oder ihrem Träger mitteilt. Sie schreibt auf ihr Display, das lässt sich auf der Apple-Website nachsehen: "Deine Herzfrequenz stieg auf mehr als 120 BPM an, obwohl du in den zehn Minuten ab 09.59 Uhr anscheinend inaktiv warst."

Apple - Eine Uhr, die Leben retten kann Die neue Apple Watch soll im Notfall eigenständig einen Notruf absetzen. Die Gesundheit der Kunden wird so zur bezahlbaren Produkteigenschaft. Ein Videokommentar

"Anscheinend" ist ein entscheidender Begriff, denn auf die vermeintliche Inaktivität des Menschen schließt das technische Gerät ja lediglich dank exakter Ortungsdaten: Sensorgestützte moderne Technologie versucht, aus dem Messbaren immerzu reale Situationen abzuleiten, sie weiß ja (noch) nicht, was selbst bei gar nicht so komplexen Vorgängen wirklich geschieht oder geschehen sein mag. Den daraus umso deutlicher werdenden Mangel an Imagination erkennt man daran, dass der Technologie etwas als ein medizinischer Fall erscheinen kann, wofür es womöglich eher poetische Erklärungen gäbe: "Inaktiv" könnte ein Mensch sein, der auch mal im Sitzen Herzrasen kriegt, weil er zum Beispiel ein aufregendes Buch liest oder einen spannenden Film anschaut. Womöglich kann man sogar Sex haben und sich dabei so wenig bewegen, dass eine Apple Watch einen für "inaktiv" hält, während man derweil einen doch recht kreislaufstimulierenden Orgasmus hat.