Der vielleicht schönste Moment mit dem Google Pixel 3 ist der Blick auf das erste Porträtfoto. Gerade erst geknipst und in der Foto-App geöffnet, lässt sich für den Bruchteil einer Sekunde miterleben, wie das Porträt bearbeitet wird. Der Hintergrund verschwimmt und aus einem durchschnittlichen Foto wird ein sehr gutes. Live gephotoshoppt, so etwas bleibt hängen.

Solche Momente sind in einer Welt, in der Smartphones irgendwie austauschbar geworden sind, selten. Denn was unterscheidet die Geräte wirklich noch? Klar, manche Handys haben einen größeren Speicher als andere, manche Hersteller versprechen eine bessere Akkulaufzeit, manche ein besonders großes Display, manche ein Betriebssystem mit Privatsphäre. Aber die Grundfunktionen gleichen sich: Telefonieren, Surfen, Selfies knipsen.

Herstellern wie Apple oder Samsung macht diese Gleichförmigkeit nicht viel aus, ihre Smartphones füllen wohl allein schon wegen ihrer aufgedruckten Logos stets die vorderen Plätzen der meistverkauften mobilen Telefone. Googles Pixel-Reihe findet sich auf solchen Listen hingegen nicht, die Smartphones waren bislang kein großer Verkaufserfolg. Vielleicht hat Google deshalb die Kamera als die Funktion ausgemacht, mit der sich das hauseigene Gerät abheben kann. Denn in dieser Kategorie kann das Pixel durchaus mithalten, in einigen Tests landete schon die Vorgängerversion weit vorne.

Google neigt zur Realität

Google hat dabei offenbar Apple als den Konkurrenten identifiziert, den es in dieser Disziplin zu schlagen gilt. Als die Google-Manager Brian Rakowski und Liza Ma das Pixel 3 und das Pixel 3 XL präsentierten, konnten sie sich eine Stichelei gegen das Unternehmen aus Cupertino jedenfalls nicht verkneifen: Zum Beweis für die Überlegenheit der eigenen Kamera ließen sie zwei Fotos mit demselben Motiv an die Wand werfen – das eine aufgenommen mit dem iPhone XS, das andere mit dem Pixel 3. Es mag wenig überraschen, dass das im Abendlicht vor der Kulisse von New York entstandene Bild des Google-Smartphones deutlich knalliger wirkte.

Dabei lesen sich die technischen Daten des Pixel 3 und des Pixel 3 XL trotzdem ähnlich wie die des iPhone XS, der neuesten Generation des Apple-Smartphones – die Geräte unterscheiden sich lediglich in Details. Das Pixel zum Beispiel verwendet genau wie das iPhone XS eine Dual-Pixel-Kamera mit einer minimal besseren Auflösung von 12,2 Megapixeln (die Konkurrenz bietet 12 Megapixel), die Blendenzahl liegt bei f/1.8, ebenfalls genau wie beim iPhone.

Tagsüber sind kaum Unterschiede zwischen den Kameras zu erkennen (links: iPhone XS, rechts: Google Pixel 3 XL). Beide Bilder wurden im automatischen Modus geschossen und nicht nachbearbeitet. © ZEIT ONLINE

Vergleicht man die automatischen Modi der Smartphonekameras im Alltag miteinander, lernt man viel über die Weltsicht der beiden Unternehmen. Dann fällt auf, dass Google mehr zur Realität neigt – gerade im Porträtmodus. Längst wissen wir ja, dass Selfies eine beliebte Form der Smartphonekameranutzung sind. Das iPhone XS hat schon im September mit einer Kamera fasziniert, die so perfekte Fotos schießt, dass man tieftraurig wird, sobald man wieder vom Bildschirm aufschaut. Aus jeder Person wird mit diesem Telefon eine promiartige Schönheit.

"Keep it real", für alles andere gibt es Bildbearbeitung

Natürlich bearbeitet auch das Pixel jedes Bild akribisch. Das Smartphone speichert zunächst beide Fotos, das schon bearbeitete und das natürliche. Aber das Smartphone bleibt dabei im automatisch bearbeiteten Modus sehr viel näher an der Realität als das iPhone XS. Diese Wirklichkeit ist mitunter auch bunter, detaillierter und kontrastreicher, aber immerhin keine gnadenlos weichgezeichnete. Google signalisiert: Keep it real, für alles andere gibt es unsere Bildbearbeitung. Nutzerinnen und Nutzer können nachträglich selbstverständlich mit Filtern alles (vermeintlich) schöner machen, zum Beispiel den Hintergrund in schwarz-weiß tauchen, zuschneiden, die Tiefenschärfe ändern, wie auch beim iPhone. Nur anfangs sind die Bilder noch pur oder wirken zumindest so. 

Google hat sich auch noch ein paar Details ausgedacht, die das iPhone nicht bietet. Das Pixel vereinfacht die Selfies für all jene von uns, die ihre Bilder verwackeln, während sie sich selbst porträtieren, weil sie nicht gut gleichzeitig das Smartphone gerade halten und den Auslöser drücken können. Im Fotobox-Modus muss die Person vor dem Bildschirm nur lachen oder Grimassen schneiden, dann schießt das Smartphone die Fotos von selbst. Funktioniert wie ein Selbstauslöser, nur ohne den nervigen Sekundenzähler.

Fabelhaft oder doch lieber authentisch?

Und Google hat auch noch an etwas anderes gedacht, nämlich, dass sich Menschen nicht nur gerne selbst fotografieren, sondern auch die Menschen, mit denen sie Zeit verbringen. Für die nicht ganz so selbstfixierten hat das Pixel deshalb wohl einen Gruppenselfiemodus, durch den der Bildschirm mehr vom Hintergrund aufnimmt und auf diese Weise keine Köpfe im Foto abschneiden soll.

Links die Straße durch die Linse des iPhone XS, rechts durch die Linse des Google Pixel 3. In beiden Fällen wurde der automatische Modus verwendet, die Bilder wurden nicht nachbearbeitet. © ZEIT ONLINE

Tatsächlich muss man aber festhalten, dass sich die Kameras der beiden Smartphonehersteller beim ersten oberflächlichen Test der Automatikfunktionen sonst nicht wahnsinnig unterscheiden (andere werden die Funktionen sicherlich noch ausführlicher prüfen). Knipst die Nutzerin lieber Landschaftsbilder als sich selbst, dann können sowohl das Pixel als auch das iPhone XS mit absolut passablen Aufnahmen dienen.

Sollte die Kamera das ausschlagende Element sein beim Kauf, dürften also mehr die Definition von Schönheit der Nutzerin und des Nutzers entscheiden: ob sie lieber fabelhaft aussehen wollen oder doch noch etwas authentisch(er).