Was kann man eigentlich alles in 24 Sekunden machen? Bestimmt zweimal bis 24 zählen, seinen Vor- und Zunamen locker zehnmal aufsagen (sogar die längeren), sich ausführlich die Nase putzen; Mannschaften der amerikanischen Basketballprofiliga NBA haben genau 24 Sekunden Zeit, um einen Angriffsversuch auf den gegnerischen Korb zu beenden. Mit 24 Sekunden Lebenszeit lässt sich außer schönem, aber unnützem Zeug also nicht viel anstellen.

Exakt 24 Sekunden dauert auch ein Bargeldzahlungsvorgang an einer Supermarktkasse in Deutschland. Das hat vor ein paar Jahren das EHI Retail Institute ausgerechnet, ein Forschungsinstitut, das von hiesigen Handelsunternehmen und -verbänden getragen wird. Im Textilhandel geht es demnach erheblich schneller (15 Sekunden), im Lebensmitteldiscounter nur unwesentlich (22 Sekunden). Bis zu 20 Milliarden Transaktionen pro Jahr rechnete das EHI Retail Institute 2015 hoch für Deutschland. Bei knapp mehr als 80 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern sind das rund 250 pro Mensch und Jahr, und etwa 80 Prozent davon wurden damals noch mit Bargeld abgewickelt; bei der aktuellsten Haushaltsbefragung der Bundesbank zum Zahlungsverhalten der Deutschen im Jahr 2017 ist dieser Wert auf 74 Prozent gesunken im Vergleich zu 79 Prozent im Jahr 2014.

Das bedeutet unterm Strich (benutzt man den Supermarktkassenbarbezahlungsvorgang als Berechnungsgrundlage): 74 Minuten verbringt ein durchschnittlicher Mensch in Deutschland pro Jahr aktuell damit, Scheine und Münzen aus einem Portemonnaie zu kramen, sich das Wechselgeld rausgeben zu lassen, den Geldbeutel wieder zu verstauen und zu versuchen, die Schlange hinter sich nicht noch durch langsames Wareneinpacken zu provozieren.

Was könnte man mit 74 Minuten alles machen! Nicht mal ein Fußballspiel zu Ende gucken. Aber immerhin zum Beispiel ein bisschen länger schlafen, eine Nacht alle 365 Tage.

Effizient und skalierbar

Wie lange es hingegen dauert, statt bar mit dem Smartphone kontaktlos zu zahlen, hat noch niemand richtig gemessen. Es ist ja auch noch eine recht neue Technologie, das Handy-Bezahlsystem Apple Pay zum Beispiel ist erst seit Dienstag in Deutschland verfügbar (das von Konkurrent Google für dessen Android-Betriebssystem ist es seit Juni). Apple Pay wirkt auf den ersten Blick sehr schnell und effizient, so wie alle Sachen aus dem Silicon Valley, wo die Effizienzsteigerung in allen Lebensbereichen eine Art Ersatzreligion darstellt. Und eine Rechtfertigung für Allesmögliche, das nicht unbedingt vernünftig, aber skalierbar ist. Auf knapp mehr als 80 Millionen Menschen hochgerechnet wäre ein bisschen Zeitersparnis an den Kassen der Republik bestimmt ein beträchtlicher Minutengewinn für die deutsche Volkswirtschaft.

Aber um bloße Zeitersparnis kann es Apple ja bei seinem Angebot nicht gehen. Zunächst mal lässt sich Apple Pay rein symbolisch verstehen: Das Smartphone hat längst das Portemonnaie als persönlichsten Gegenstand abgelöst, den wir jederzeit mit uns herumtragen in der Hosen- oder Jackentasche (und der auch noch eine ähnliche Form und Größe besitzt wie das Portemonnaie). Nun kann das Smartphone bei iPhone-Besitzern und -Besitzerinnen den Geldbeutel auch ganz real ersetzen. Apple-Chef Tim Cook hat bei seiner Keynote vor knapp drei Monaten schon ganz allgemein gesagt: Seine Firma wolle dies persönlichste Gerät noch persönlicher machen.

Genau das aber ist ein Problem. Es ist längst alles zu persönlich. Das Smartphone sammelt Daten von uns, wo wir gehen und stehen, ganz buchstäblich. Es zählt unsere Schritte und gibt vor, das Wissen darum könne dazu dienen, dass wir mehr Schritte machen und also gesunder lebten. Vor allem aber weiß das Gerät stets, wo wir wann waren, wo wir hingegangen, hingefahren, hingeflogen sind. Und was wir dann dort so getan haben, nicht nur mit unseren Smartphones. Von den Orten, an denen wir uns aufhalten, ließe sich theoretisch oft genug ableiten, was wir dort getan haben: Nachts zum Beispiel haben wir uns nicht bewegt (das ist Zuhause), Montag bis Freitag tagsüber acht Stunden auch nicht (das ist die Arbeitsstätte).

Unsere Geräte monitoren uns, und viele der Apps, die wir auf sie geladen haben, bedienen sich etwa bei diesen Bewegungsdaten, ganz dezent im Hintergrund, oft ohne dass wir es ahnen. Nur ein Beispiel: Wozu eigentlich zapft die populäre Liedererkennungs-App Shazam, die Apple vor Kurzem gekauft hat, die Ortungsdienste der Smartphones ihrer Userinnen an? Warum will sie unseren Standort wissen, wenn wir abends mutmaßlich in einer Bar unser Handy leicht angetüddelt an die Lautsprecher halten, um den Titel des gerade laufenden Songs zu erfahren? Weil sie uns (noch) ortsbezogene Werbung vorspielen will? Und wieso bemerkt man das mit den Ortungsdiensten bei Shazam (und sehr vielen anderen Apps auch) nur bei sehr genauem Hinsehen tief in den Einstellungen und muss die Verwendung dieser Daten erst abschalten?