Jetzt mal ehrlich, und ganz besonders dann, wenn Sie das hier auf dem Smartphone lesen (bitte nicht gleich wegklicken, es wird jetzt ganz schnell lehrreich und, wenn's gut läuft, vielleicht sogar unterhaltsam): Wie oft haben Sie Ihr Handy heute schon aus der Tasche gekramt, draufgestarrt, hier eine App geöffnet, da eine Botschaft getippt, aus Langeweile einmal Instagram leergeguckt? Nun kurz überschlagen im Kopf: Wie viel Zeit werden Sie damit insgesamt am heutigen Tage zubringen, mit der Nutzung Ihres Smartphones, was glauben Sie?

Halbe Stunde? Stunde? Zwei, drei Stunden? Keine Ahnung?

Genau, die haben die anderen Leute auch nicht. Bei diversen Umfragen in den vergangenen anderthalb Jahren haben Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Deutschland ihre tägliche Handynutzungsdauer mal mit durchschnittlich knapp 100 Minuten angegeben, mal mit bis knapp über 200 Minuten, mal besagen Studien irgendwas dazwischen. Da kann etwas nicht stimmen. Aber wie sollte man als Befragte und Befragter eine solche Zeitdauer auch schätzen, wenn man sein Smartphone doch am Tag mutmaßlich Dutzende Male öffnet und wieder schließt – das kann niemand nachhalten.

Also haben die Leute bei den Umfragen offenkundig irgendeine Minutenzahl genannt, die ihnen womöglich sogar realistisch vorkam. Ziemlich sicher haben manche der Befragten ihre sehr mutmaßliche Nutzungsdauer geschönt, weil sie ein schlechtes Gewissen mit sich herumtragen, dass sie ihr Handy zu lange benutzen könnten (was immer auch zu lange sein soll). Denn das Smartphone gilt mittlerweile in sogenannten weiten Bevölkerungskreisen als das, was der Fernseher früher war: als das größte Zeitverschwendungsgerät von allen.

Man stiert drauf und möchte das weniger tun. Gerade in diesen Tagen, in denen der innere Besinnlichkeitsbefehl gilt. Statt ein Foto des Weihnachtsbaums auf Instagram zu posten, könnte man ihn auch einfach anschauen. Statt auf die Feiertagsgrüße des längst vergessenen Schulfreundes auf WhatsApp zu antworten, könnte man einfach nicht zurückgrüßen. Ah, Mist, das ist nicht sehr gesellig. Eher asozial. Dieses digital detoxing, wie die Handy-Enthaltsamkeit genannt wird, hält schon Fallstricke bereit.

Als hätte die Idee der Entgiftung in anderen Lebensbereichen jemals geholfen! Tut sie selbstverständlich nicht. Oder bestenfalls nur einen kurzen, meist sehr teuren Moment lang, im Wellnesshotel (noch ein Aufguss), im Superfoodrestaurant (noch eine Portion brain food), im Kosmetikstudio (noch eine Lymphdränage oder wie das heißt). Langfristige Effekte auf den eigenen Körper sollte niemand ernsthaft von diesem total angenehmen Quatsch erwarten.

Zum Glück zählt jetzt das Telefon mit

Hätte mich vor ein paar Monaten jemand gefragt (aber mich fragt zum Glück selten jemand etwas), wie viel Zeit ich pro Tag auf meinem iPhone zubringe, hätte ich geantwortet: höchstens eine halbe Stunde, hoffentlich nicht mehr. Man möchte doch nicht zu den Menschen gehören, denen nachgesagt wird, sie seien von etwas abhängig. Als permanenter Ganz-bestimmt-bald-Nichtraucher kenne ich diese Sorte unangenehmer Diskussion – und weiß, wie man ihr routinemäßig aus dem Weg geht. Man belügt sich lieber selbst, als die Wahrheit zur Kenntnis zu nehmen. Dafür hat die Evolution dem Menschen die äußerst hilfreiche mentale Superkraft des Verdrängens geschenkt.

Leider wird einem das Verdrängen in Zeiten des digitalen Selbsttrackings aber verunmöglicht. Alles, was gemessen werden kann, wird es auch.

Exakt 110 Minuten: So viele waren es bei mir auf dem iPhone im Schnitt täglich in der zweiten Oktoberwoche. Das weiß ich, weil ich kurz zuvor die da gerade noch halbwegs neueste Version 12 des iOS-Betriebssystems heruntergeladen habe. Seit deren Einführung im September liefert Apple jeder einzelnen Nutzerin und jedem einzelnen Nutzer wöchentlich ihre oder seine Bildschirmzeitbilanz – das Telefon zählt nun automatisch für einen mit und verriet mir, dass ich in der Woche zuvor sogar 21 Prozent mehr digital gesündigt, aber leider keinen Screenshot von meiner Wochenbilanz gemacht hatte.

(Google hat bei der aktuellen Android-Version eine ähnliche Self-Monitoring-Funktion eingebaut.)