Früher war der Fernseher das Zentrum der familiären Unterhaltung. Eltern, Kinder, Verwandte, manchmal auch Bekannte kamen erst vor dem Röhrengerät, später vor dem Flachbildschirm zusammen und verfolgten gemeinsam einmalige Ereignisse wie die Mondlandung, Andreas Brehmes Elfmeter im Juli 1990 und wie Männer bei Wetten, dass ...? die Farben von Buntstiften schmecken wollten. Das TV-Gerät war so wichtig, dass der gesamte Raum darauf ausgerichtet wurde – Sofas, Sessel und Stühle wurden so platziert, dass man den Bildschirm gut sehen konnte. 

Der Fernseher steht auch heute noch in deutschen Wohnzimmern. Doch im Zentrum des Interesses steht er oft nicht mehr. Selbst wenn noch Menschen vor dem Gerät zusammenkommen, um gemeinsam etwas anzuschauen, muss es sich die Aufmerksamkeit mit anderen Bildschirmen teilen: mit denen von Smartphones, Tablets, Notebooks. Während des Tatorts twittern Zuschauerinnen und Zuschauer fleißig, während des Fußballspiels lästert man gemeinsam per WhatsApp über die Aufstellung und während der Netflix-Serie liest man parallel eine Rezension dazu. Und manchmal sitzen die Menschen zwar vor dem Fernseher zusammen, aber jede Person streamt etwas anderes – die eine ein YouTube-Video, der andere einen Musikclip auf TikTok, der nächste eine Instagram-Story. In manch einem Haushalt findet man gar überhaupt kein TV-Gerät mehr.

Angesichts dieser Entwicklung verwundert es nicht, dass Menschen seltener Fernseher kaufen. 2019 sollen es weltweit noch mal zwei Prozent weniger sein als im Vorjahr, so prognostiziert es die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Die Umsätze gehen ebenfalls zurück: Die TV-Geräte würden im Durchschnitt immer günstiger und die Verbraucherinnen und Verbraucher gäben weniger für sie aus, sagen die Marktforscher. Zu beobachten ist das unter anderem bei Fernsehern mit hochauflösendem 4K-Bildschirm: Die werden jetzt zwar häufiger verkauft, sind aber auch deutlich günstiger. Die GfK spricht von einem zunehmenden "Wettbewerbsdruck". Will man es weniger sperrig ausdrücken, könnte man auch sagen: Es gibt viele Fernseher, aber weniger Kunden und deswegen Preisnachlässe.

Ey, der Fernseher ist auch noch da!

Lange kämpfte die Fernsehindustrie gegen den Bedeutungsverlust mit Superlativen an: Schaut her, der Bildschirm ist jetzt noch größer! Noch höherauflösend! Noch flacher! Auf der Internationalen Funkausstellung (Ifa) in Berlin kann man diesen Trend seit Jahren beobachten – auch 2019 bieten die Hersteller wieder derartige TV-Geräte feil, gerne auch mit weiteren Features wie preisgekrönten Technologien oder smarten Sprachassistenten. Als wollte man den Besucherinnen und Besuchern mitteilen: Ey, der Fernseher ist auch noch da, jetzt kauft doch mal bitte wieder einen.

Nachdem diese Strategie eher mittelmäßig lief und die 8K-Fernseher laut GfK aktuell noch ein Nischenprodukt sind, versuchen es die Hersteller auf der Ifa nun zusätzlich mit etwas anderem: Neben riesigen Bildschirmen setzen sie auf Anpassungsfähigkeit – sie präsentieren Modelle, die im Wohnzimmer gar nicht mehr als Fernseher auffallen. Statt der schwarzen Rechtecke, die man sonst so kennt, verschmelzen die TV-Geräte mit ihrer Umgebung. Es scheint, als solle der Fernseher, der jahrzehntelang die Schrankwände dominierte, nur noch ein Möbelstück unter vielen sein.

So etwa The Frame von Samsung. Das südkoreanische Unternehmen hat ein Modell vorgestellt, das sich, wenn es nicht gerade in seiner eigentlichen Funktion als Fernseher gebraucht wird, zu einem digitalen Bilderrahmen umfunktionieren lässt. Nutzerinnen und Nutzer können sich darauf dann eines von mehr als 1.000 Kunstwerken einblenden lassen. Auch ein TV-Gerät des japanischen Herstellers Sharp und eines der chinesischen Firma Changhong kann man künftig in digitale Galerien umwandeln. Vielleicht eine nicht erkannte Marktlücke. Vielleicht aber auch so unnötig wie andere digitale Bilderrahmen.

Transparenz als Vorführeffekt

Panasonic hat gleich einen Bildschirm entwickelt, den man im ausgeschalteten Zustand gar nicht mehr sieht: Das Display ist transparent. Läuft der Fernseher gerade nicht, kann man durch ihn hindurchgucken. Noch ist er nicht auf dem Markt, aber Besucherinnen können auf der Ifa schon mal einen ersten Prototyp bestaunen: Sie sehen dann hinter dem Bildschirm ein bisschen Deko. Sicherlich ein netter Vorführeffekt. Aber Deko stellt man ja eigentlich ohnehin so, dass sie auffällt.

LG will den Fernseher dagegen ganz aus dem Sichtfeld verschwinden lassen: Das Modell Signature können Nutzer ein- und ausfahren. Der Fernseher rollt sich dabei in einem länglichen Sideboard auf. Gut, das TV-Gerät sieht man dann nicht mehr – die metallig aussehende Kiste aber schon. Stellt sich die Frage, ob man dann nicht eher ganz auf den Fernseher verzichtet und lieber ein Möbelstück erwirbt, das etwas multifunktionaler ist.

Und der Serif, noch ein Fernseher von Samsung, sieht ein wenig aus wie ein TV-Gerät im Design der Fünfziger- oder Sechzigerjahre, einer Zeit, in der der Fernseher noch in zu den sonstigen Möbeln passendem Holz eingerahmt wurde oder dezent hinter Schranktüren verschwand. Der Rahmen kommt unter anderem in Farben wie burgunderrot oder mintgrün daher. Das südkoreanische Unternehmen inszeniert den Fernseher auf der Ifa in ähnlich farbigen Umgebungen, sodass er voll darin aufgeht.

Ins Zentrum des familiären Lebens rückt man das TV-Gerät mit diesen Ansätzen wahrscheinlich nicht wieder. Aber vielleicht hoffen die Hersteller ja auch, dass der Fernseher dann so unauffällig wird, dass man ganz vergisst, dass man einen hat – und gleich noch einen kauft.