Die erste Enttäuschung auf der diesjährigen Technikmesse CES in Las Vegas kam von Samsung. Hinter der mit Spannung erwarteten Enthüllung von "Project Neon" steckten am Ende bloß lebensecht aussehende digitale Avatare. Was Samsung und seine Tochterfirma STAR Labs auf ihrer Website als "ersten künstlichen Menschen" bezeichnen, ist zu diesem Zeitpunkt wenig mehr als ein etwas hübscherer Chatbot.

Der Fall steht stellvertretend für die Consumer Electronics Show, der "globalen Bühne für Innovation", wie sich die Messe selbst beschreibt. Jahr für Jahr stellen in Las Vegas unzählige Unternehmen, von Konzernen bis hin zu Start-ups, ihre neuen Produkte und Entwicklungen vor. Stets unter der Prämisse, das nächste große Ding gefunden zu haben – oder zumindest einen der Techniktrends der kommenden Jahre. Die Realität ist häufig ernüchternder.

Zu den selbsterklärten Innovationen in diesem Jahr gehörten etwa eine Toilette mit Sitzheizung und Alexa-Sprachassistent, ein Drucker für temporäre Tattoos, eine Windel, die per App ihre Feuchtigkeit übermittelt und, wie jedes Jahr, putzig aussehende Roboter wie Lovot, die Gefühle erkennen sollen und mehrere Tausende Euro kosten. Wenn sie hierzulande überhaupt jemals auf den Markt kommen sollten. Das nämlich ist bei vielen Produkten, die auf der CES vorgestellt werden, längst nicht sicher.

Auch wenn es Ideen gibt, die neu sind und praktisch klingen, etwa digitale Sonnenblenden fürs Auto oder eine neue tier- und klimafreundliche Alternative zu Schweinefleisch, hat die CES inzwischen den Ruf, vor allem Material für witzige Fotostrecken hervorzubringen. Erfindungen, die unser Leben wirklich nachhaltig verändern könnten, findet man eher nicht. Jedenfalls nicht auf den ersten Blick.

Das hat in den vergangenen Jahren zu Kritik an der Veranstaltung geführt: Die CES zeige eine Technikbranche, die keine Antwort für die Probleme hat, die sie eigentlich lösen sollte, hieß es vor zwei Jahren im Guardian. Es sei kein Produkt präsentiert worden, das einen "übergroßen Einfluss auf unser Leben" haben wird, resümierte das Onlinemagazin Quartz vergangenes Jahr.

Wer große Innovationen sucht, kann nur enttäuscht werden

Vielleicht tut man der Messe und ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmern aber Unrecht, wenn man sie auf den angeblichen Mangel an Innovationen festzunageln sucht. Denn Innovationen gibt es schon – sie fallen nur nicht auf. Weil sie eben in der Regel nicht wie das versandfertige neue große Ding daherkommen, nachdem alle so zwanghaft suchen. 

Dass Innovationen oft derart dezent daherkommen, hat zwei Gründe: Zum einen wird Innovation gerne als einzelnes Ereignis betrachtet: Der erste Flug der Gebrüder Wright hat die moderne Luftfahrt begründet, Alexander Fleming entdeckte eines Tages eher durch Zufall Penizillin und Apple stellte mit dem iPhone 2007 das erste Smartphone vor. Dass alle Ereignisse auf teils jahrzehntelanger Vorarbeit und Forschung basierten, wird häufig vergessen. Dabei ist Innovation ein Prozess, der im besten Fall eines Tages ein neues Produkt hervorbringt. Das iPhone beispielsweise war technisch gesehen nicht das erste Smartphone, aber das erste, das die Entwicklungen bündelte und mit seinem Endprodukt neue Maßstäbe setzte. Heißt: Wer jedes Jahr den ganz prinzipiellen großen Wurf erwartet, übersieht schnell die Ansätze für grundlegende Neuerungen, die noch nicht voll ausgereift sind.

Zum anderen sind mit Innovationen häufig zu hoch gesteckte Erwartungen verbunden, gerade im Bereich der Unterhaltungselektronik. Daran ist die Branche selbst schuld, schließlich werden neue Entwicklungen gerne öffentlichkeitswirksam zelebriert. Für gefühlt jedes neue Produkt gibt es weltweite Unpacked-Events, jede Enthüllung wird so angepriesen, als gehe es um etwas, dass unser Leben grundlegend verbessern wird. Was es in den meisten Fällen natürlich nicht tut. Seit dem iPhone wurden Smartphones zwar immer besser, aber an ihrer grundlegenden Idee hat sich nichts geändert. Für die meisten Menschen macht es inzwischen keinen Unterschied, ob ihr Handy nun eine oder vier Kameralinsen hat. Das neue iPhone ist eben das neue iPhone. Nicht mehr und nicht weniger.

Smartphones sind nur ein Beispiel für Technik, die vermeintlich stagniert. Auf der Consumer Electronics Show finden sich weitere: Dort wurden in den vergangenen Tagen Fernseher mit 8K-Auflösung vorgestellt, obwohl die meisten Menschen noch nicht mal 4K-Geräte besitzen. Es werden futuristische Laptops präsentiert. Elektromobilität ist ein trendiges Thema, viele der vorgestellten Ideen dürften aber Konzepte bleiben. Und dass Amazons Sprachassistentin wie nun den Weg aufs Klo findet, ist keine Überraschung, nachdem sie in den Vorjahren bereits überall sonst in den vernetzten Haushalt integriert wurde. So fühlt es sich dann auch an, als hätte man alles irgendwie schon einmal gesehen.