Viele Monate tat sich in der Corona-Warn-App wenig. Nun, da vielerorts die Zahl der Neuinfektionen ansteigt und das Wetter herbstlicher wird, schauen viele Nutzerinnen und Nutzer auf ihre Apps und entdecken dort, dass sie offenbar Risikobegegnungen hatten. Nur: wie diese dann eingestuft werden und was die Angaben in der App nun genau bedeuten, verunsichert manche. Eine kleine Übersetzungshilfe. 

Warum bleibt die App grün, obwohl ich Kontakt mit Infizierten hatte?

Bleibt die App grün, bedeutet das zuallererst, dass sie Ihr Infektionsrisiko als gering einschätzt. Zusätzlich dazu informiert die App Sie aber, dass Ihr Smartphone sehr wohl eine oder mehrere Begegnungen mit infizierten Personen aufgezeichnet hat und zeigt auch an, wie viele. 

Das bedeutet: Ihr Smartphone und das einer Person, die sich in der App als infiziert gemeldet hat, sind sich in den vergangenen 14 Tagen so lange so nah gekommen, dass ihre Telefone per Bluetooth Schlüssel ausgetauscht haben. Bei einer näheren Analyse (siehe unten) ist diese Begegnung dann aber als weniger riskant eingestuft worden – darum warnt die App nicht vor einem erhöhten Infektionsrisiko und ist auch nicht auf Rot umgesprungen.

Dennoch sind viele Menschen verunsichert, wenn die App ihnen einerseits mitteilt, dass sie in Kontakt mit Infizierten standen – und ihr Infektionsrisiko dennoch gering sein soll. Und diese Sorge ist auch ein wenig nachvollziehbar, immerhin wird Menschen hier mitgeteilt, dass sie in Kontakt mit einer positiv getesteten Person standen, von dem sie bislang vielleicht noch gar nichts wussten. 

Die App teilt ihren Userinnen und Usern in diesem Fall neuerdings mit: "Ein niedriges Risiko besteht insbesondere dann, wenn sich Ihre Begegnung auf einen kurzen Zeitraum oder einen größeren Abstand beschränkt hat. Sie müssen sich keine Sorgen machen, und es besteht kein besonderer Handlungsbedarf." Auch ist nicht mehr, wie oben im Foto, von "Risiko-Begegnungen", sondern nur noch von "Begegnungen" mit niedrigem Risiko die Rede. 

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Wie berechnet die App denn, ob ein Kontakt besonders riskant war?

Es ist so: Dank der gemeinsamen Schnittstelle von Google und Apple scannen Smartphones, die die Funktion des Contact Tracings in ihrem Gerät aktiviert haben, alle fünf Minuten ihre Umgebung per Bluetooth nach Geräten ab, die ebenfalls die App nutzen. Finden sich so zwei Geräte, tauschen sie einen temporären individuellen Schlüssel aus. Meldet sich eine Person später in der App als infiziert, erhalten alle Smartphones Informationen, aus denen abgeleitet werden kann, ob sie mit dem Gerät des oder der Infizierten in den vergangenen 14 Tagen Schlüssel ausgetauscht haben. Das ist möglich, weil die App täglich Informationen empfängt, aus denen sie lokal auf dem Smartphone zurückrechnen kann, ob es zu einer Begegnung mit einem oder einer Infizierten gekommen ist

Doch nicht jedes empfangene Signal bedeutet, dass sich zwei Menschen tatsächlich so lange so nah gekommen sind, dass nach Definition der App ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht. Alle Begegnungen, die weniger als zehn Minuten gedauert haben oder bei denen die Smartphones mehr als acht Meter voneinander entfernt waren, werden sofort wieder als unbedenklich verworfen.

Dennoch tauchen auch solche kurzen Zufallsbegegnungen, die in acht Meter Entfernung oder mehr beziehungsweise unter zehn Minuten Dauer stattfanden und von der App aufgezeichnet wurden, in den "Begegnungen mit niedrigem Risiko" auf, die die App grün umrandet anzeigt. Bedeutet: Sie können zum Beispiel entstanden sein, als man drei Minuten lang in einer kurzen Supermarktschlange hinter einer infizierten Person stand oder an einer infizierten Passantin vorbeilief, als man das Kind am Schultor abgeliefert hat.*

Für alle Begegnungen, die dann noch übrig bleiben, wird ein Total Risk Score ermittelt, dessen Schwellenwerte das Robert Koch-Institut festgelegt hat. Hier spielt zum Beispiel hinein, wie viele Tage die Risikobegegnung bereits zurückliegt und wie lange sich beide Geräte in einer sehr nahen Entfernung voneinander aufgehalten haben. Letzteres wird gemessen über die Dämpfung des Bluetooth-Signals, aus der dann abgeleitet werden soll, wie weit entfernt die Geräte voneinander waren. Dabei fallen sehr nahe Kontakte von unter schätzungsweise 1,5 Metern stärker ins Gewicht als nahe von unter 3 Metern. 

Überschreitet das alles zusammengenommen in einer Rechnung einen bestimmten Wert, springt die Corona-Warn-App auf Rot und informiert den Nutzer oder die Nutzerin per Push-Mitteilung über ihr erhöhtes Infektionsrisiko.

Einige Fachleute haben aber auch auf mögliche Schwächen von Bluetooth für die Abstandsmessung hingewiesen. Und auch in der Github-Dokumentation zum Risk Assessment der Corona-Warn-App wird auf mögliche Probleme bei der exakten Messung der Parameter hingewiesen. Generell ist die Rezeption der App jedoch auch unter Fachleuten recht positiv. 

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Gestern zeigte die App vier Kontakte, heute drei – wie viele Infizierte waren das?

Wahrscheinlich vier insgesamt. "Grundsätzlich ist es so, dass die Risikobegegnungen in der Statusanzeige gelöscht werden, wenn die Begegnungen selber – nicht die erstmalige Anzeige – mehr als 14 Tage zurückliegen", erklärt ein RKI-Sprecher. Theoretisch wäre es aber auch denkbar, dass die vier grünen Risikokontakte eines Tages nur einmalig angezeigt werden, weil sie bereits 14 Tage zurückliegen – und tags drauf drei neue Risikokontakte angezeigt werden. 

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Wie lange bleibt meine App rot, wenn ich einen Risikokontakt hatte?

Wird ein erhöhtes Risiko festgestellt, bleibt die App rot eingefärbt, bis Tag 15 nach der letzten Risikobegegnung vergangen ist. Der Nutzerin wird dann empfohlen, sich nach Hause zu begeben, Begegnungen zu reduzieren und auf auftretende Symptome zu achten und weitere Schritte mit Hausarzt, dem kassenärztlichen Bereitschaftsdienst oder dem Gesundheitsamt abzustimmen. Nach Ablauf der zwei Wochen zeigt die Statusanzeige der App danach wieder, grün umrandet, ein niedriges Risiko an. 

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Sagt die Zahl der Begegnungen überhaupt etwas, wenn nicht jeder die App hat?

Natürlich: Sie sagt aus, wie viele Menschen man getroffen hat, die die App nutzen und nachweislich mit dem Sars-CoV-2-Virus infiziert sind und sich dafür entschieden haben, das allen anderen Nutzern der App mitzuteilen. Umgekehrt bedeutet das aber natürlich auch: Wer nicht gewarnt wird, sollte sich nicht in einer falschen Sicherheit wiegen. 18,4 Millionen Mal wurde die App in Deutschland heruntergeladen. Begegnet man einer Person, die dies nicht getan hat, kann die App selbstverständlich nicht warnen. Und sie kann auch dann keinen Risikokontakt ermitteln, wenn sich die infizierte Person entscheidet, ihre Erkrankung in der App nicht zu melden. 

In der Vergangenheit kursierte häufig, dass Corona-Tracing-Apps erst dann funktionieren würden, wenn 60 Prozent der Bevölkerung sie nutzen. Das sehen die Forscher, die die Studie verfasst haben, aber als eine Fehlinterpretation ihrer Studie an. Zwar schlägt die App natürlich umso zuverlässiger an, je mehr Menschen sie nutzen. Betrachtet man sie aber nur als einen Baustein von vielen in der Pandemiebekämpfung, so wie es in Deutschland der Fall ist, kann sie natürlich auch schon bei geringerer Verbreitung dabei helfen, einige Risikobegegnungen bei Zufallskontakten aufzudecken, die sonst vielleicht nicht bekannt geworden wären. Und sie könnte damit eben auch dabei helfen, einzelne Infektionsketten zu brechen – so sich denn die Menschen den angezeigten Empfehlungen entsprechend verhalten. 

Immer wieder ist im Sommer außerdem darauf hingewiesen worden, dass die App vor allem dann Wirkung zeigt, wenn die Zahl der Neuinfektionen wieder ansteigt. Während sich in den Apps auf den Geräten der meisten Menschen im Sommer wegen geringer aktiver Fallzahlen wenig tat, ändert sich das derzeit wieder. 

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Warum erfahre ich nicht, wann ich eine infizierte Person getroffen habe?

Datenschutz. Die App ist mit viel Bedacht darauf entwickelt worden, dass es nicht einfach ist, herauszufinden, welche Person der infektionsrelevante Kontakt war. Das soll unter anderem dazu dienen, dass sich mehr Leute die App herunterladen, ohne sich Sorgen um ihre Daten machen zu müssen.

In der Praxis zeigt sich aber natürlich, dass Menschen sich sehr wohl viele Gedanken darüber machen, wo dieser Kontakt wohl stattgefunden haben mag. Auch Leiter von Gesundheitsämtern wünschen sich, die App würde mehr und auch andere Daten liefern

Tatsächlich wird nach Angaben eines RKI-Sprechers daran gearbeitet, mehr Daten auf freiwilliger Basis zu erheben. "In einem der zukünftigen Releases soll es die Möglichkeit geben, dass positiv getestete Nutzerinnen und Nutzer freiwillig auch das Datum übermitteln können, ab dem sie Symptome gezeigt haben", sagt er. Damit lasse sich besser einschätzen, wie ansteckend sie für andere sind. Doch diese Information fließe nur in die Risikobewertung der anderen Nutzerinnen und Nutzer ein, um sie gezielter zu warnen.

* Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes stand, dass Kontakte mit Infizierten in mehr als acht Metern Entfernung und unter zehn Minuten, die von der App schon vor der Ermittlung des Risk Scores verworfen werden, nicht in den Begegnungen mit niedrigem Risiko einfließen, die die App grün umrandet anzeigt. Das hatte das RKI zunächst auf Anfrage entsprechend mitgeteilt, sich aber auf Rückfrage später korrigiert. Wir haben die Passage entsprechend verändert.

Wie verändert Corona unser Leben? Wie kommen wir gut durch die dunkle Jahreszeit? Alle Texte aus unserem Schwerpunkt "Kopf hoch" finden Sie hier.

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