Neulich, nach dem Halbfinalsieg der Portugiesen gegen Holland, trafen wir drei junge Frauen in der U-Bahn. Eine trug ein bauchfreies Top, eine hatte eine Schirmmütze auf dem Kopf. Sie sprachen über das Spiel vom Vorabend, so, wie Frauen über Fußball sprechen. "Ronaldo", sagte die eine . "Der ist süß", ergänzte die zweite. "Aber noch sehr jung", gab die dritte zu bedenken. Dann kicherten sie. Dass der 19-jährige Stürmer eine gelbe Karte und damit fast seine Finalteilnahme riskiert hatte, weil er sich nach seinem Tor das Trikot vom Leib gerissen hatte, interessierte die jungen Frauen nicht.

Nun, Ronaldo war dabei im Finale von Lissabon. Mit rot verquollenen Augen stand er auf dem Rasen des Estadio da Luz, von Weinkrämpfen geschüttelt. Seinen stärksten Auftritt hatte er nach dem Schlusspfiff. Für die Franzosen mag es schlimm gewesen sein, gegen Griechenland zu verlieren; für die Tschechen war es bitter. Doch für Portugal, den Gastgeber und großen Favoriten, öffnete sich am Sonntagabend die Erde wie damals beim großen Beben 1755 und gab den Blick frei in die Hölle. Die "goldene Generation", von der nur noch Luis Figo und - als Einwechselspieler - Rui Costa übrig waren, hatte endlich ein Finale erreicht und nun vor eigenem Publikum den Titel verspielt. Nur, warum hatte man die Portugiesen eigentlich favorisiert? Weil man die Griechen immer noch nicht ernst nahm?

In der 19. Spielminute hatte sich Christiano Ronaldo mit einem feinen Dribbling zum ersten Mal vor das griechische Tor gespielt. Dort traf er, wie bei diesem Turnier manch einer vor ihm, auf Traianos Dellas. Der 1,97-Meter-Hüne fuhr sein rechtes Bein aus und trennte den Portugiesen so sauber, leicht und präzise vom Ball, dass jedem Zuschauer klar sein musste, was nun folgen würde. Die Portugiesen rannten an, ohne sich Torchancen zu eröffnen. Den Griechen reichte wie bereits zuvor im Halbfinale ein Eckball.

Keine Frage, der Erfolg der Griechen bei dieser Europameisterschaft ist ein Triumph des defensiven Kollektivs, aber er ist nicht das Werk dumpfer Destruktion. Im Gegenteil: Der mechanische Feinsinn, mit dem die Mannschaft nacheinander Frankreich, Tschechien und Portugal jeweils 1:0 besiegte, erinnert an das tödliche Vorgehen eines Pferderippers, der seine edlen Opfer auch mit einem einzigen Stich zur Strecke bringt. Die technisch versierte Einfallslosigkeit der Portugiesen dagegen, die wahllos hohe Bälle vor das gegnerische Tor schlugen, offenbarte einen Mangel an Kreativität, der keinen Titel verdient hatte.

Die Euro 2004 lieferte damit seitenverkehrt das Spiegelbild der WM 2002. In Fernost schlug vier Wochen lang die Stunde der Außenseiter - und am Ende siegte Brasilien, einer der Favoriten. In Portugal zeigten die großen Mannschaften teilweise großen Fußball. Und nun ist Griechenland Europameister. Ach ja, und Otto Rehhagel natürlich. Der wird nun wahrscheinlich die deutsche Mannschaft übernehmen. Warum auch nicht? Rehhagel war mit Kaiserslautern Deutscher Meister und ist nun mit Griechenland Europameister. Wird er halt 2006 Weltmeister. Ein Tor wird die deutsche Mannschaft dann schon machen.