Was für ein Sonntagabend! Das Algarve Stadion im Süden Portugals ist zum ersten Mal voll. Die meisten Fans in Rot und Weiß feuern ihre russische Nationalmannschaft so stark an, dass sie zumindest mit einer guten Darbietung und erhobenen Hauptes die EM 2004 verlassen kann. Knapp 3.000 griechische Fans sind vor Ort, mehrere Millionen Griechen in der ganzen Welt freuen sich auf ein tolles Spiel und die greifbare Möglichkeit, Griechenland erstmals im Viertelfinale zu sehen.

Anpfiff und schon nach 68 Sekunden ist jede Gelassenheit mit einem Schlag – oder besser gesagt, mit einem Tor - verflogen. Nach einem fatalen Fehler von Katsouranis schießt der Russe Kirischenko ins griechische Tor. Das schnellste Tor in der EM-Geschichte.

Die griechische Nationalmannschaft kann sich von diesem Schlag nur schwer erholen und findet nicht zu ihrem Spiel. Tausende Klein-Rehhagels in ganz Griechenland brüllen wahrscheinlich in diesem Augenblick ihre Anweisungen zum Bildschirm. Der echte Rehhagel sitzt ruhig, fast resigniert auf der Bank und schaut sich die unbeholfene Abwehr seiner griechischen Schützlinge an. Sieht er nicht die nahende Katastrophe?

"Noch ist nichts verloren", sagt tröstend der deutsche Moderator. Noch ist das zeitgleiche Spiel von Spanien und Portugal in Lissabon unentschieden. Noch könnten Spanien und Griechenland ins Viertelfinale aufrücken. Die Griechen lassen derweil den Russen zu viel Raum und Zeit um sich zu entfalten und erreichen fast alle zwei Minuten den griechischen Strafraum. Was ist das für eine katastrophale griechische Abwehr! Haben sie vor lauter Feiern das Fußballspielen verlernt? Und zu allem Überfluss setzt der Moderator noch einen drauf: "Ich habe heute die Griechen in ihrem Hotel besucht. Es herrschte freudige Gelassenheit. Sind sie vielleicht zu gelassen, zu sicher?"

Gleich danach bewahrheitet sich sein Orakel. 17 Minuten sind seit dem ersten Schock-Tor der Russen vergangen, als Bulykin nach einer Ecke den Ball mit dem Kopf ins griechische Netz versenkt. 2:0 für Russland. Sie hatten es in der Hand und verspielen es so leicht! Rehhagel ist Schuld. Wieso hat er die griechische Mannschaft neu aufgestellt, mit drei frischen Spielern? Außer Karagounis, der wegen zwei gelben Karten gesperrt war, gab es keinen Grund dafür. Er verspielt sich den Titel des Fußballkönigs.

Endlich. Fünf Minuten vor der erlösenden Halbzeit hat Otto Rehhagel ein Einsehen und bringt Tsiartas für Basinas rein. Es wirkt! Papadopoulos scheint endlich sein Spiel zu finden, köpft eine hohe Flanke an Vryzas weiter, der den Ball ins russische Tor und uns alle auf den Olymp der Freude schießt. 2:1 steht es jetzt. Griechenland ist immer noch dabei!

In der zweiten Halbzeit geht die Zitterpartie weiter. Zwar zeigen sich die Griechen nun angriffsfreudiger und die Abwehr scheint endlich ihre Funktion erkannt zu haben, dennoch will kein weiterer Schuss den Weg ins russische Tor finden. Die Spannung steigt. In der 65. Minute teilt sich der Bildschirm in zwei Hälften und es wird das Tor der Portugiesen gegen Spanien gezeigt. Die Gastgeber kämpfen ums Überleben und scheinen nun endlich Glück zu haben.