Es gibt keine Forschungsergebnisse, die meine Behauptung untermauern und die Verbindung von Depression und der Nutzung von Social Media bestätigen – zumindest konnte ich keine finden. Viele Studien untersuchen, ob soziale Medien Depressionen verursachen. Aber die Ergebnisse sind nicht verlässlich: Auf jede Studie, die die Gefahr von Social Media beweisen will, kommt eine, die das widerlegt. (Mit dem Befund, es käme lediglich darauf an, wie man Social Media anwende, sollte eine Studie der Universität von Missouri im Februar 2015 die Debatte beruhigen: Wer seine Bekannten online verfolge und ihre Leben mit seinem vergleiche, rutsche in eine Depression. Wer sich hingegen wohlwollend über seine Freunde und Familie informiere, bleibe glücklich. Da drängt sich die Frage auf: Haben die Forscher Facebook überhaupt schon einmal genutzt?)

Es gibt zwar keine wissenschaftlichen Arbeiten über die Auswirkungen sozialer Medien auf eine bereits bestehende Depression. Aber Experten halten einen negativen Zusammenhang für so selbstverständlich, dass er keiner besonderen Erwähnung mehr bedarf. "Sicher, das kommt sehr häufig vor", antwortete meine Psychiaterin an der Berliner Charité nüchtern auf die Frage, ob ihre anderen Patienten mit Depressionen auch Probleme mit Social Media hätten. "Eine hat sogar gerade ihr Telefon weggeworfen." Soziale Netzwerke und ständige Erreichbarkeit erzeugten eben Stress, sagte sie. "Außerdem möchte man nicht sehen, wie schön das Leben anderer Leute ist, wenn man eine Depression hat."

Social Media und Depressionen sind inkompatibel

Die Suche nach weiteren Antworten führte mich in die Chefetage zu Isabella Heuser, der Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité. Sofort bestätigte sie die Einschätzung meiner Psychiaterin, nach der Depressionen und Social Media inkompatibel sind. (Die meisten ihrer Patienten halten sich vollständig fern von den sozialen Netzwerken. Aber sie räumte ein, dass manche nachts auf Facebook gehen, wenn sie nicht schlafen können, wobei sie auf der Plattform aber nicht über ihre Depression sprechen und aus der Erfahrung auch nichts Positives ziehen.)

Also legte ich ihr die Ergebnisse meiner Selbstbeobachtung dar:

1. Ich war nicht mehr in der Lage, mich selbst in den sozialen Medien darzustellen. Bisher war ich durchs Leben gegangen und hatte es im Geiste zu Tweets formatiert und nach Bildmotiven für Instagram Ausschau gehalten. Das war jetzt unvorstellbar. Allein der Gedanke daran setzte mich unter so großen Druck, dass sich meine Kiefermuskulatur verkrampfte.

2. Der ständige bewusste Vergleich mit anderen war zum akuten Problem geworden.

3. Ich spürte ein starkes Verlangen nach sofortiger Genugtuung, das sich gleichsam sehr schädlich anfühlte und meine ohnehin geringe Aufmerksamkeitsspanne noch mehr beeinträchtigte.

Neidisch auf das eigene Facebook-Leben

"Nun, das ist ja physiologisch ganz gut zu erklären", sagte Heuser zum letzten Punkt. "Durch Ihre tägliche Beschäftigung mit sozialen Medien hat Ihr Gehirn gelernt, dass auf das Einloggen ein angenehmes Gefühl folgt. Eskapismus. Ich bin weg von dieser Welt, in einer Welt, die eigentlich positiv ist. Das ist Dopamin, die Vorfreude, die können Sie noch erleben. Aber das positive Gefühl danach, das kann der Organismus nicht mehr hervorrufen. Das ist ein klassisches Symptom der Depression. Sie spüren weder Freude noch eine Verbindung zu anderen Menschen." Und weil mein Gehirn sich daran erinnere, wie sich Freude mal anfühlte, sei deren Abwesenheit, die Leere, jetzt umso schmerzhafter, erklärte sie. Warum es mir so schwer fiel, den Verlockungen des besagten Dopamins zu widerstehen, lag ebenso auf der Hand: "Der Wille hat ja auch viel mit Energie zu tun. Und eine Depression ist dadurch gekennzeichnet, dass man keine Energie hat." Meine Aufmerksamkeitsspanne, falls sie denn vorher schon gering gewesen sei, könne durch die Depression einfach in einen Bereich verschoben worden sein, den ich nicht mehr aushalten konnte.

Also medizinisch gar nicht so kompliziert. Aber was war mit dem plötzlichen Gefühl der Minderwertigkeit? Ich nannte Heuser ein besonders krasses Beispiel: Kurz vor meinem zweiten Zusammenbruch hatte mich eine befreundete Künstlerin gebeten, an einem Videoprojekt teilzunehmen, das untersuchte, wie wir uns selbst und unsere Errungenschaften online und offline darstellen. Ich sollte ein paar meiner Social-Media-Einträge vorlesen. Also nahm ich mir meinen Facebook-Feed vor und suchte nach Material. Je weiter ich zurückging, desto neidischer wurde ich auf die Darstellung meines eigenen Lebens. Da waren meine strahlenden Zeilen aus Istanbul, Tokio und New York, meine Abenteuergeschichten aus dem Westjordanland und von der Ostsee, all die Artikel, die ich geschrieben und die Magazine, die ich gestaltet hatte, meine klugen Kommentare zum Weltgeschehen, allesamt vergoldet durch Likes und Kommentare von Leuten, die ich irgendwann mal getroffen hatte (oder auch nicht). Der unumstößliche Beweis, dass ich früher erfolgreich, beliebt, fröhlich und sogar glücklich gewesen war. Als ich zwölf Monate zurückgescrollt hatte, überkam mich ein so heftiges Selbstmitleid, dass ich die Aktion abbrechen musste.