Es kommt nicht häufig vor, dass sich Amerikaner für ihren nördlichen Nachbarn interessieren. Für die meisten US-Bürger ist Kanada nur ein großer, kalter Fleck weit oben auf der Landkarte. Auch in Europa steht Kanada politisch nur selten im Scheinwerferlicht. Wer kennt schon die Namen der letzten kanadischen Premierminister? Stephen Harper? Paul Martin? Jean Chrétien? Kim Campbell? Nie gehört.

Bei Justin Trudeau ist das anders. Mit Verzückung blickt die Welt auf den 23. Premierminister Kanadas, der seit einem halben Jahr im Amt ist. Denn der 44-Jährige ist so ganz anders, ein Politstar. Welcher Regierungschef steigt schon in den Boxring, um sich dort mit politischen Gegnern zu messen? Welcher lässt sich beim Yoga im Büro ablichten und trägt ein indianisches Tattoo am Oberarm? Welcher beschreibt sich in Interviews freimütig als Feminist – und besetzt die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen?

"So einen Präsidenten wollen wir auch haben", verlangte unlängst eine große deutsche Frauenzeitschrift. Trudeau sei ein wahrer "Anti-Trump", stellte die Washington Post nicht ganz neidlos fest. Die New York Times schwärmte, unter Trudeau sei Kanada wieder cool geworden. Barack Obama umschmeichelte ihn mit den Worten, er sei in Amerika der derzeit populärste Justin aus Kanada – sorry, Justin Bieber!

Die Kanadier nehmen den Rummel erstaunt zur Kenntnis. Ob beim Weltwirtschaftsforum in Davos, beim Klimagipfel in Paris oder beim Fotoshoot für die Modezeitschrift Vogue: Ihr junger, attraktiver Premier hat ihrem sonst eher unauffälligen Land Glamour und Sex-Appeal verschafft. Viele wären zu bescheiden, um es offen zuzugeben, aber die weltweiten Schlagzeilen schmeicheln ihnen.

Zuletzt gab es so einen Hype unter Trudeaus Vater Pierre Elliott. Der im Jahre 2000 verstorbene 15. Premier Kanadas hatte das Land mit einer kurzen Unterbrechung zwischen 1968 und 1984 mit Flower-Power und intellektueller Brillanz regiert. Er galt nicht zuletzt wegen seines exzentrischen Privatlebens lange als der bekannteste und populärste Regierungschef Kanadas weltweit.

Sein Vater war eine Legende

Nun tritt Trudeau junior in Sachen Popularität in die Fußstapfen seines legendären Vaters: Die Flitterwochen seien noch längst nicht vorbei, schrieb der kanadische Meinungsforscher Eric Grenier: Sechs Monate nach seiner offiziellen Vereidigung am 4. November sind laut einer Umfrage des Forum-Instituts knapp 60 Prozent aller Kanadier weiter zufrieden mit ihrem Premier. Trudeaus Liberale Partei liegt mit knapp 47 Prozent Zustimmung sieben Punkte über dem Wahlergebnis von 2015.

Die Kanadier wollen als "bessere Amerikaner" wahrgenommen werden, als großzügig und zuvorkommend. Genau diesen Typus verkörpert Trudeau mit seinem Optimismus und seinem Charisma, Trump'sches Poltern ist ihm fremd. Kanadier wollen gemocht werden und sagen "Sorry" für Dinge, an denen sie keine Schuld haben. Damit man sie im Ausland nicht verwechselt, heften sie sich einen Aufnäher mit rotem Ahornblatt auf den Rucksack.

Auch politisch wollen sie sich von den USA abgrenzen. Wie ihr neuer Premier sind sie stolz auf ihre Tradition als liberales Einwanderungsland und schreiben Multikulti in ihre Verfassung, statt Mauern zu bauen. Sie sind in einer staatlichen Krankenversicherung geschützt, statt einen politischen Grabenkampf um die private Gesundheitsvorsorge zu führen. Sie schicken lieber Blauhelme oder Entwicklungshelfer in Krisenregionen statt Interventionsarmeen.

Allerdings hatte Kanadas liberales Image während der letzten zehn Jahre stark gelitten. Unter Trudeaus stramm konservativem Vorgänger Stephen Harper trat Kanada trat als erstes Land aus dem Klimaschutzprotokoll von Kyoto aus, stand wegen seiner ökologisch umstrittenen Ölsandförderung in der Kritik, schickte sein Militär an der Seite der USA in den Kampf gegen den Terror und spähte seine Bürger mithilfe der Geheimdienste aus.

"Wir wollen unser Land zurück!" – mit diesem Satz hatten viele Kanadier im Wahlkampf für einen Neuanfang geworben und mit Justin Trudeau dafür die perfekte Projektionsfläche gefunden. Und Trudeau hat Wort gehalten, mit atemberaubendem Tempo hat er eine politische Rückbesinnung eingeleitet.

Er öffnete sein Land für Flüchtlinge aus Syrien und empfing einige selbst am Flughafen. Nach Jahren des klimapolitischen Stillstands unterzeichnete er den neuen Klimaschutzvertrag von Paris. Er veranlasste den Abzug von Kampfflugzeugen aus dem Irak und setzte stattdessen auf eine Ausbildungsmission. Er erlaubte muslimischen Frauen bei der Einbürgerung den Gesichtsschleier und kündigte ein Öltankerverbot für Teile der kanadischen Pazifikküste an.

Seine Zitate sind Kult

Wie einst Barack Obama steht Trudeau auch für einen Kulturwandel. Er hat versprochen, Marihuana zu legalisieren, er will als erster Premier an einer Christopher-Street-Day-Parade teilnehmen und das Verhältnis zu den Ureinwohnern kitten. Er gibt ständig Interviews und weicht kaum einem Smartphone aus. Er tummelt sich in sozialen Netzwerken und fühlt sich beim Bad in der Menge wohl. Auf die Frage, warum er die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen besetzt hat, antwortete er mit einem Satz, der in Kanada zum Kult geworden ist: "Weil es das Jahr 2015 ist."

Der Gutfühl-Faktor Trudeaus ist so dominant, dass kritische Stimmen bislang kaum gehört werden. Dabei gibt es im ländlich geprägten Hinterland und im rohstoffreichen Westen des Landes durchaus Vorbehalte gegen den kosmopolitischen Premier. Viele traditionell denkende Kanadier halten ihn für ein politisches Leichtgewicht und einen verwöhnten Emporkömmling, der so gar nicht ihre Lebenswirklichkeit verkörpert. 

Es ist auch nicht so, dass Trudeau bislang alles gelungen wäre. Bei der Aufnahme von Flüchtlingen musste er seinen versprochenen Zeitplan aufgeben. Die wirtschaftliche Entwicklung ist angesichts niedriger Ölpreise wenig berauschend und die Regierung musste mehr Schulden aufnehmen als gehofft. Die Erhöhung des Spitzensteuersatzes wird anders als angekündigt nicht ausreichen, um die Steuern für Normalverdiener zu senken.

Viele grundlegende Probleme hat er in der Kürze der Zeit noch gar nicht anpacken können: Viele Kanadier sind überschuldet und können kaum noch ihre Kreditkartenrechnungen zahlen. Die Preise für Immobilien in Großstädten wie Toronto oder Vancouver sind so hoch, dass sich immer weniger junge Kanadier eine eigene Wohnung oder ein Haus leisten können.

Doch der Sunnyboy Justin Trudeau hat all das bislang überstrahlt. Eine stabile Mehrheit der Kanadier ist weiter davon überzeugt, ihr Land befinde sich auf dem richtigen Weg. Die bekannte Kolumnistin Carol Goar vom Toronto Star drückte das neue Lebensgefühl treffend aus: "Zum ersten Mal seit zehn Jahren sind die meisten Kanadier wieder wirklich zufrieden mit sich und ihrem Land."