Die Berner, es sei ihnen gegönnt, haben zumindest etwas, das Leute mitreisst, das rasch vorwärts geht, das zieht: die Aare. Nur ist das Tempo in der Stadt falsch verteilt. Das wissen wir Basler am besten. Anstatt uns lethargisch durch den Tag zu schleppen, arbeiten wir im Sommer schneller, um früher im Fluss zu sein, im Rhein, der uns Abend für Abend durch den Sommer trägt.

Wir packen unsere Sachen in einen wasserdichten Sack, den Wickelfisch, erfunden einst für ein paar wenige Mutige vom ostdeutschen Designer Tilo Ahmels. Jeden Sommer wird der Erfinder des wichtigsten Basler Sommer-Gadgets von lokalen Medien von Neuem porträtiert. Geduldig erzählt Ahmels wieder und wieder, wie er Mitte der 90er-Jahre, als er nach Basel kam, "fast in Ohnmacht fiel", als er, der einstige DDR-Bewohner aus Leipzig, der Flüsse als Abwasserkanäle kannte, Leute im Rhein schwimmen sah. Bald sprang Ahmels selbst hinein. Und erfand dafür eine Tasche, die Kleider, Badetücher und das Handy trocken hält.

So können wir unaufdringlich locker bekleidet, mit Wickelfisch über die Schulter, in den Bus oder auf das Rad steigen. Und ersparen unseren Mitbürgern unsere blasse Nacktheit.

Wir halten uns nicht lange darüber auf, wo wir nun genau reinspringen und wieder aussteigen sollen, aus dem Fluss. Es gibt einen einfachen Konsens: der Strand unterhalb des Tinguely-Museums lädt ein, zum eleganten Einstieg. Jeden, der möchte. Das echte Rheinschwimmen beginnt für alle am gleichen Ort. Ein egalitärer Volkssport. Grosse Tafeln am Ufer des Flusses zeigen die Route. Wir werfen den Wickelfisch voraus, springen hinein und lassen uns langsam treiben. Wir legen uns auf den bunten, aufgeblasenen Sack, während uns der Fluss, breit wie das Meer, abwärts trägt.

Wir staunen über die FKK-Sünneler, die immer da sind, aufgereiht in einer Bucht am Ufer, und ihre lederne Haut mit eisernem Ehrgeiz bräunen. Sommer für Sommer. Unter der Wettsteinbrücke rufen wir laut in die Luft, um zu hören, wie es hallt, während das Tram darüberdonnert. Kurz vor der Mittleren Brücke umschwimmen wir geschickt das Kulturfloss, die Bühne im Wasser, wo jeden Abend eine andere Band den Sound des Basler Sommers zaubert. Wir blicken nach oben, auf die Brücke, sehen die Touristen, die, wie einst Tilo Ahmels, ein bisschen neidisch nach unten staunen. Wir winken ihnen zu mit dem wohligen Gefühl, bewundert zu werden. Umso besser, wenn uns dabei gerade ein riesiger Tanker überholt. Mitleidig schauen wir die ortsunkundigen Menschen in der langen Schlange vor der Kasernen-Buvette stehen, weil sie nicht wissen, dass flussabwärts noch viele Gelegenheiten für einen kühlen Drink warten.

Schwerelos widmen wir uns der Schönheit der Stadt, die vorbeizieht. Wir lästern über den Chef und die Geburtstagsparty vom vergangenen Wochenende, wir spekulieren, wie lange es noch heiß bleibt und träumen von den nächsten Ferien. Aber erst im Herbst, jetzt wollen wir nicht weg. Denn: nie ist Basel schöner als im Sommer, wenn wir uns alle treffen, am Rheinbord, an der Rhyviera.
Nach der Johanniterbrücke schauen wir uns um, wo wir aussteigen wollen. Können ist nicht gefragt, und auch kein Insiderwissen. Badeschuhe? Brauchen wir längst nicht mehr. Überall hat es Treppen, wie in einem riesigen Swimmingpool. Flugs trippeln wir nach oben, packen unser Frotteetuch aus dem Wickelfisch, legen uns ans Ufer, ein Strand aus Beton, den die Sonne tagsüber vorgewärmt hat und der uns die Sandkörner in den Augen und den Buchritzen erspart.

Wir brauchen keine Wissenschaftler aus Boston, die uns versichern, wie schön der Sprung in den Rhein ist. Das öffentliche Rheinschwimmen, begleitet von der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft, lockte diese Woche 5000 Menschen in den Fluss. Ein frohes, buntes Fest. Ein friedliches Feierabendschweben. Mutproben, wie von der Brücke zu springen, sind uns zu viel zu mühsam. Energie und Eile stecken wir lieber in den Tag. Beim Baden wollen wir uns entspannen. In unserem Fluss, diesem freundlichen Förderband, das jeden sicher ins Ziel trägt.