Das Besondere an Geheimnissen ist doch, dass man sie lüften kann, ohne sie kaputt zu machen. Ein Geheimnis bleibt ein Geheimnis, solange niemand weiß, wer es hütet. Auf dieser simplen Erkenntnis basiert das Projekt "PostSecret", das 2004 in den USA seinen Anfang nahm.

Damals begann Frank Warren Blankopostkarten in einer Fußgängerzone in Washington D.C. zu verteilen. Er forderte die Leute auf, ein persönliches Geheimnis darauf zu schreiben und ihm zuzusenden, ganz anonym. Bald bekam Warren auch Karten aus Texas und Kalifornien, später aus Vancouver, Neuseeland oder dem Irak. Auf der ganzen Welt fanden sich Menschen die ein Geheimnis teilen wollten, es waren Hoffnungen, Träume oder Ängste.

An dem Samstag, an dem du dich fragtest, wo ich war – ich habe den Ring gekauft, der gerade in meiner Hosentasche steckt. (USA)

All das landet in Warrens Briefkasten, der auf dem Bürgersteig vor seinem Haus in der Kleinstadt Germantown im US-Bundesstaat Maryland steht. Er wisse nie, was ihn erwarte, wenn er zum Briefkasten gehe. "Manche Geheimnisse sind lustig, manche tragisch, manche schockierend, manche eklig."

Früher habe ich auf Schneebälle gepisst, bevor ich sie auf euch geworfen habe. (USA)

In zehn Jahren hat Warren etwa eine halbe Millionen Postkarten bekommen, täglich werden es mehr. Eine Auswahl veröffentlicht er jeden Sonntag auf seinem Blog. Einer seiner treusten Leser war Sebastian Schultheiß aus Tübingen. Der fragte sich irgendwann, ob die Geheimnisse auf Deutsch vielleicht anders wären. Die Frage fesselte ihn so sehr, dass er selbst begann Postkarten mit Geheimnissen zu sammeln. Vorher hatte er Frank Warren um Erlaubnis gebeten, eine deutsche Version von "PostSecret" ins Leben rufen zu dürfen. Inzwischen erreichen ihn jede Woche eine Handvoll deutschsprachiger Postkarten von fremden Menschen, die er regelmäßig online stellt.

Kleine Kunstwerke

Um Leute zum Mitmachen zu bewegen, verlässt sich Schultheiß auf die Methode von Warren: Er verteilt vorgefertigte Postkarten. Die Vorderseite bleibt leer, da kann man sich austoben, auf der Rückseite befinden sich die Erklärung zum Projekt und seine Anschrift. Er legt die Postkarten dann in Kneipen oder Cafés aus. "Außerdem schicke ich immer mal wieder einen Stapel an Freunde oder ehemalige Studienkollegen, die inzwischen in ganz Deutschland wohnen, mit der Bitte, sie in der jeweiligen Stadt zu verbreiten."

Schultheiß’ Hobby ist aufwendig. Eigentlich ist er Bioinformatiker, er interessiert sich aber auch für Typografie und Grafikdesign. "Viele Absender geben sich unglaublich viel Mühe bei der Gestaltung", sagt er. "Es ist spannend zu sehen, was Menschen so alles aus einer Postkarte machen: Zeichnungen, Collagen, unterschiedliche Handschriften, Bilder, ausgeschnittene Buchstaben. Da sind richtige Kunstwerke dabei." Sie lagern in sechs Fotokisten bei Schultheiß im Wohnzimmer, chronologisch sortiert.

Das Themenspektrum der eingesendeten Geheimnisse ist breit.

Die meisten Geheimnisse drehen sich um Beziehungen, Beziehungen, die nicht funktionieren, oder Beziehungen, in denen etwas verheimlicht wird, unausgesprochene Liebeserklärungen sind auch darunter. Der große Unterschied zwischen Geheimnissen in den USA und Deutschland ist laut Schultheiß der Faktor Religion, der sei in Amerika einfach wichtiger.

Ich habe Angst, das fromme Leben eines Christen zu leben, weil ich dann den ganzen Spaß verpassen könnte. (USA)

Der deutsche Soziologe Georg Simmel hat das Geheimnis schon vor mehr als hundert Jahren genauer betrachtet und es als eine der "größten Errungenschaften der Menschheit" bezeichnet. Eine Gesellschaft ohne Geheimnisse und deren Gefühlslagerungen von Schuld und Scham, Distanz und Distinktion wäre nach Simmel nicht lebenswert. Das Geheimnis sei ein "Individualisierungsmoment ersten Ranges". Denn, schreibt er: "Ich kann anderen erst dann bewusst etwas vorenthalten, wenn ich ein Gefühl für mich selbst als aktive, eigenständige, vom anderen differente Person empfinde."

Geheimnisvoller Pakt

Paradoxerweise erfüllen Geheimnisse aber auch eine gegenteilige Funktion, sie schweißen zusammen. Sebastian Schultheiß sagt: "Geheimnisse sind eine Art Währung, man kennt das aus Kindertagen, wenn man sich gegenseitig Geheimnisse verrät, stärkt das den Zusammenhalt." Etwas vom anderen zu wissen macht diesen verwundbar, und anders herum. "Man hat sich gegenseitig in der Hand", sagt Schultheiß. Es sei wie eine Verabredung einander keinen Schaden zuzufügen, weil man wisse, dass es einen Rückstoß geben würde.

Manchmal wäre ich gern ein Mann, denn ich liebe ein Mädchen. (Deutschland)

Ob eine Karte von einer Frau oder einem Mann stammt, kann Schultheiß meist nicht sagen. "Manchmal erkennt man es vielleicht an der Handschrift. Sind die Karten mit dem Computer geschrieben, ist das Geschlecht des Absenders in der Regel nicht offensichtlich." Auf einer Postkarte ist nicht viel Platz. Der Absender muss sich genau überlegen, wie er seine Gedanken und Gefühle zusammenfasst. Manche Postkarten erreichen Schultheiß in einem Umschlag, obwohl sie danach im Internet landen. Vielleicht erscheint den Absendern das Geheimnis auf die Art besser behütet, bis es bei ihm ankommt.

Die 2. Maus bekommt den Käse. Ist das in der Liebe auch so? Können Fehler vergeben werden? Im Zeichen der Liebe? Es tut mir leid! (Deutschland)

"PostSecret"-Gründer Frank Warren hat die Motivation für sein Projekt einmal so beschrieben: "Geheimnisse erinnern uns an die unzähligen menschlichen Dramen, an Schwächen und Heldentaten, die im Stillen ausgetragen werden, in den Leben von allen Menschen um uns herum". Geheimnisse verbinden uns mit unserer tiefsten Menschlichkeit, sie führen uns vor Augen, wer wir wirklich sind.

Warrens Postkarten kann man sich sogar im Museum anschauen. Einen Großteil seiner Sammlung hat er dem National Postal Museum in Washington D.C. gestiftet. Dort werden sie ausgestellt, für alle sichtbar und doch geheim.

Ich war noch nie am Meer. Ich fürchte mich davor dort zu sein und festzustellen, dass ich seinen Anblick nicht mag und seinen Geruch hasse. (Deutschland)