Solche Maßnahmen klingen im ersten Moment übertrieben, sind es aber keineswegs. So brachte eine Umfrage der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen ans Licht, dass 21 Prozent der teilnehmenden Kinder und Jugendlichen auffällig starke Handynutzung betrieben. Acht Prozent der Befragten seien sogar akut suchtgefährdet. Fomo sei dabei der stärkste Erklärungsfaktor für unkontrollierte und exzessive Handynutzung, meint die Mitverfasserin der Studie, Dr. Karin Knop. Ein erhöhter Anpassungsdruck im Freundeskreis führe schnell zu besonders starker Ablenkung. Dass diese Zahlen in Zukunft zurückgehen, ist aufgrund immer stärkerer Vernetzung und immer erschwinglicherer Technik zu bezweifeln.

In der Medienforschung ist das Phänomen Fomo noch relativ neu. Im Jahr 2013 setzten US-amerikanische Forscher das Thema erstmals auf die wissenschaftliche Agenda, indem sie eine Skala erstellten, die den Grad von Fomo messen soll. Ihre Studie Motivational, emotional, and behavioral correlates of fear of missing out konnte zudem empirisch nachweisen, dass Fomo einerseits mit starker Nutzung sozialer Online-Netzwerke, andererseits mit negativem Wohlbefinden sowie allgemeiner Lebensunzufriedenheit zusammenhängt.

Wer gegensteuern und einem Phänomen wie Fomo keine Angriffsfläche bieten möchte, dem hilft vor allem die Rückbesinnung auf sich selbst. Paradoxerweise sind es Apps, die Fomo vorbeugen und dem User helfen sollen, seinen Internetkonsum wieder in geregelte Bahnen zu lenken. Nicht ohne Erfolg: Die App Menthal, eine Art Anleitung zur Selbstkontrolle, hat es bereits auf über 100.000 Downloads gebracht. Sie überwacht jede Tätigkeit am Handy und verhilft dem User zu detaillierten Informationen über sein eigenes Nutzungsmuster.

Wenn jedoch technische Hilfestellungen keine Erfolge nach sich ziehen, empfiehlt sich eine digitale Entgiftungskur. Dieses Konzept, das ausgerechnet in der Technologiehochburg Silicon Valley erdacht wurde, kann mittlerweile auch in Deutschland ausprobiert werden. Das Unternehmen The Digital Detox lehrt in Seminaren und Workshops ein Leben ohne ständige Ablenkung durch Soziale Medien und Internetkonsum. Das eigene Handy muss bei solchen Workshops im Voraus abgegeben werden. Die Geschäftsführerin Ulrike Stöckle kann ihre Kursteilnehmer gut nachvollziehen: Sie selbst war von Fomo betroffen, das brachte sie auf die Idee, ihre Firma zu gründen.

Vorwiegend seien es Menschen aus der Kommunikations- und Nachrichtenbranche, die ihr Angebot zum Digital Detox wahrnehmen, sagt Stöckle. Kein Wunder, seien die doch besonders auf das Klingeln oder Brummen des Smartphones konditioniert. In Stöckles Programm soll vor allem die Idee der ständigen Erreichbarkeit bekämpft werden. An die Stelle von Smartphone-Abhängigkeit treten zwischenmenschliche Kontakte, Naturerfahrungen und all das, was sich neudeutsch Quality Time nennt. Vor allem soll die Einsicht gefördert werden, dass man auch etwas verpassen darf. Das ist für viele Menschen gar nicht so einfach. Stöckle hat während ihrer Workshops schon oft von Phantomgriffen in leere Hosentaschen oder von imaginierten SMS- und Klingelgeräuschen berichtet bekommen. Es sei beängstigend, wie sehr manche Nutzer von ihren Smartphones abhängig seien.

Wenn Aufmerksamkeit die Währung des neuen Jahrtausends ist, bitten uns Soziale Netzwerke ständig zur Kasse. Die Werbebranche schüttet zusätzlich Öl ins Feuer und kreiert Angebote, die vorgeblich immer nur eine sehr begrenzte Zeit und ausschließlich online verfügbar sind. Auf diese Weise werden wir an den Bildschirmen und Displays gehalten, nichts soll uns signalisieren: Du kannst auch mal abschalten. Dabei gilt: Bereits eine Stunde ohne Handykonsum pro Tag würde uns zu aufmerksameren und glücklicheren Menschen machen. In manchen Kreisen betrachtet man Digital Detox deshalb bereits als eine Art Lifestyle. Wünschenswert wäre dieser Trend allemal.