Sie haben gestritten, sich vertragen, sich wieder gestritten. Sie haben einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt. Jetzt schreiben sie sich E-Mails – der Sohn an den Vater, der Vater an den Sohn. In unserer zehnteiligen Kolumne "Apfel an Stamm".

Ich habe gleich zwei Familien. Jackpot! Oder, Vater?

Manche Menschen haben gar keine Familie mehr. Ich habe gleich zwei. Jackpot! Oder, Vater? Die Konstellation, für den Laien: Du und Mutter, einst verliebt, aber nie verheiratet, getrennt, zusammen, getrennt. Dann nur noch getrennt, neu verpartnert und verheiratet, beide mit neuen Kindern, meine Halbgeschwister, eins bei Dir, drei bei Mutter.

Es gab Jahre, da habt ihr fast gar nicht miteinander geredet. Mutter war wütend auf Dich, Deine Freundin, dass Du zu wenig Unterhalt zahlst. Du fandest ihre Vorwürfe blöd, ihren Freund auch, und dass Du zu viel Unterhalt zahlst. Ihr habt nur über mich kommuniziert. Sag Deinem Vater! Richte Deiner Mutter aus! ER ist ja wohl! Was glaubt SIE denn! Manchmal habe ich die mir aufgetragenen Botschaften verschwiegen, ich dachte, so ließe sich Streit vermeiden. Bloß nicht noch mehr Streit, dachte ich. Hat natürlich nicht funktioniert. Gab nur noch mehr Streit.

Wenn ich mich zu erinnern versuche, wann das gekippt ist, mit uns, mit euch, vom Schlechten ins Gute, kommt nichts. Keine versöhnende Aussprache, kein Jetzt-reißen-wir-uns-mal-zusammen-Moment. Nur eine diffuse Phase der Annäherung, der Einsicht wohl auch, über einige Jahre gestreckt. Frieden, weil Krieg ja sinnlos ist. Familiäres Appeasement.

Manchmal rufst Du – das weiß ich – Mutter an, wenn Dir eine frühere Begebenheit für diese Kolumne partout nicht einfallen will. Sie hilft Dir dann. Sie hat sich ziemlich viele Dinge, die Du gemacht hast, gemerkt. Sie hat nicht vergessen, aber vergeben. Ihr seid befreundet.

Patchwork ist immer auch Kompromiss und Nachlassverwaltung

Moritz Herrmann, Jahrgang 1987, aus Hamburg. Freier Reporter für DIE ZEIT, Neon, Dummy, 11Freunde und andere. Herrmann schreibt Reportagen und Porträts, aber auch ausgesprochen gern über sich selbst. © privat

Ihr grillt gemeinsam, feiert gemeinsam, guckt Fußball. Ihr ruft euch an, schreibt euch SMS, ihr whatsappt. Ihr besitzt jeweils Wohnwägen auf demselben Campingplatz an der Ostsee. Und wenn ich vorbeischaue, gibt es eine lange Gruppenumarmung. Manchmal erinnert es an eine klebrige Reality-Soap. Die deutschen Kardashians, nur mit weniger Instagram-Followern.

Niemand patchworkt freiwillig. Niemand wird ein Paar, um sich zu trennen. Patchwork ist immer auch Improvisation, Kompromiss und Nachlassverwaltung. Ist, genau: Arbeit. Man muss malochen, damit es funktioniert. Vater, ich weiß, wovon ich rede. Ich bin ein patchworking class hero.

Ich habe Geburtstage gefeiert, zu denen ihr alle eingeladen wart. Ich habe den Wert der Weihnachtsgeschenke, die ich für euch gekauft habe, abgeglichen, damit sich niemand benachteiligt fühlt. An Heiligabend, der Übergabe dieser Geschenke, bin ich erst zur Familie meiner Freundin gefahren, dann für ein erstes Abendessen zu Mutter, danach zum zweiten Abendessen zu Euch. Ich habe an Heiligabend mehr Zeit auf den vereisten Bahnhöfen der S-Bahn verbracht als unterm Baum. Irgendwann begann ich, mir für diese Fahrten durch Hamburg meinen eigenen Glühwein in eine Thermoskanne abzufüllen.

Wenn ich früher in der Schule erzählt habe, dass ich ein Trennungskind bin, hörte ich oft den Satz: "Tja, kann man nichts machen." Ein mieser, hilfloser Satz war das. Gymnasiasten sind keine Psychotherapeuten. Aber diese Kolumne darf auch mal versöhnlich enden. Deshalb möchte ich heute sagen, dass wir etwas daraus gemacht haben. Vielleicht nicht das Beste, aber doch etwas ganz Gutes. Tja.