Sie haben gestritten, sich vertragen, sich wieder gestritten. Sie haben einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt. Jetzt schreiben sie sich E-Mails – der Sohn an den Vater, der Vater an den Sohn. In unserer zehnteiligen Kolumne Apfel an Stamm.

Vater, Urlaub mit Dir war mehr als Meer. In der Ferne waren wir uns nah. In Tunesien, wir spielten Tischtennis, der Fünfsatz-Fight ging knapp an mich. Du hast geflucht, deinen Schläger zertrümmert und eine Arschbombe in den Pool gesetzt, mitten hinein in die Wassergymnastikseniorengruppe. Welcher Vater macht so was? In Ägypten, Schach am Strand, 40 Grad und mehr, ich einige Figuren vorne, weshalb Du die Regel aufstelltest, dass mit sofortiger Wirkung verliert, wer baden geht oder einen Schluck Wasser trinkt. Du wolltest mich ausdürsten. Drei trockene Stunden später habe ich Dich matt gesetzt.

In einem winzigen Algarve-Kaff trafen wir Udo Jürgens, Du hast die ganze Nacht mit ihm getrunken. Auf Rhodos hast Du mir im Hotelkiosk zwei Taucherbrillen geklaut, musste sein, wir waren knapp bei Kasse. Deine Frau wurde wütend, was soll der Junge denken, sei ihm ein Vorbild, echt mal. Dabei habe ich ja jede Aktion, jede Unvernunft und jeden Spruch von Dir inhaliert. Ich wollte kein Vorbild. Vorbilder sind langweilig. Ich wollte Urlaub, und das bedeutete: signalroter Sonnenbrand in Deinem Gesicht, zuerst auf der Nase, weil sich nur Vollpensionsidioten mit Faktor 50 einschmierten, und das warst Du nicht, das wolltest Du nie sein. Urlaub mit Dir, das bedeutete: am Abend fettes Trinkgeld für alle Kellner, nicht nur einen, und am Katermorgen danach der grinsende Egalblick ins Portemonnaie. Urlaub mit Dir, das bedeutete: die beste Zeit des Jahres – weit weg von der Normalität.

Moritz Herrmann, Jahrgang 1987, aus Hamburg. Freier Reporter für DIE ZEIT, "Neon", "Dummy", "11Freunde" und andere. Herrmann schreibt Reportagen und Porträts, aber auch ausgesprochen gern über sich selbst. © privat

Ich glaube, für andere Kinder und Jugendliche war Urlaub einfach nur normal. Ihre Eltern buchten halbjährig im Voraus den Fünfsternebunker, den Mietwagen, den Kamelritt, da war alles entschieden, also entschieden langweilig. Mit Dir war das nie so, dafür hast Du gesorgt. Last minute an Orte, die meine Freunde nicht kannten, Übernachtungen im Fiat Panda, Reifenpannen auf dem Brenner oder auch: Flirttipps von Dir für mich, um die großbusige, frühreife Italienerin von der Minigolfanlage rumzukriegen, was natürlich nicht klappte, weil ich viel zu schüchtern war und sie viel zu schön. Nie zuvor und nie wieder danach hat ein Teenager so penetrant seine Runden auf derselben Minigolfanlage gedreht. Du standest hinterm Zaun am Zelt, sardische Küste, hast gelacht, zurecht, hätte ich auch, um mir abends bei einem Bier, vielleicht meinem ersten überhaupt, zu erklären, dass das schon wird, eines Tages eben, nur Mut, und falls nicht, dann komme man auch als Single gut durch und sowieso, dieses Bier, hallelujah, das schmecke aber schon wieder, oder, Sohn?

Vielleicht habe ich während der zwei Wochen Urlaub pro Jahr mehr von Dir gelernt als in den restlichen 351 Tagen Alltagsdurchschnitt.

Und jetzt schreibe ich im Präteritum, Vater, wir urlauben längst seperat. Vor acht Jahren noch die Schweriner Seenplatte durchpaddelt, danach kam nichts mehr. Ich plötzlich zu alt, Du plötzlich zu pleite, ich alleine nach Indien und Brasilien, Du mit neuer Familie im Wohnwagen an der Ostsee. Klar, geht vielen Vater-Sohn-Kombinationen so, weiß ich doch. Diese stillschweigende Übereinkunft, es jetzt auch mal gut sein zu lassen, ein Coming-of-Age-Klassiker. Aber genau deshalb schlage ich Dir noch mal einen gemeinsamen Urlaub vor. Im nächsten Jahr, wir beide, kurzer Trip, langes Wochenende, Bologna oder Nizza. Ich lasse Dich auch im Schach gewinnen. Versprochen.