Sie haben gestritten, sich vertragen, sich wieder gestritten. Sie haben einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt. Jetzt schreiben sie sich E-Mails – der Sohn an den Vater, der Vater an den Sohn. In unserer zehnteiligen Kolumne "Apfel an Stamm".

Generation Why

Vater, kennst du Chevalier?

Ein großartiger Film von Athina Rachel Tsangari, griechisch, ich habe ihn erst vor Kurzem geschaut. Es geht in Chevalier um fünf grundverschiedene Männer, die während eines Jachtausfluges herausfinden wollen, wer von ihnen der Beste ist, und zwar in wirklich und ausnahmslos allem. Alles wird permanent verglichen, ausduelliert, notiert, bewertet. Das ist ziemlich amüsant, für mich vor allem deshalb, weil mir dieser ständige Schwanzvergleich fremd ist. Ich habe gedacht, dass ich, hätte ich in Chevalier mitgespielt, sicherlich keiner der besagten Kombattanten, sondern eher der kleine Steward gewesen wäre, der grinsend an der Reling steht und den Herren jeden Abend ihr Dinner serviert. Und mir hätte das gereicht.

Ich wollte hier über unsere Lebenseinstellung schreiben, Vater, Singular wohlgemerkt, war mir nämlich sicher, dass wir dieselbe teilen. Ich schrieb also fröhlich drauflos, stutzte dann aber, löschte absätzeweise, dachte nach, schrieb erneut, löschte wieder. Ich kam nicht weiter. Nichts ist vom ersten Kolumnenentwurf geblieben. Ich bezweifle, dass meine Ursprungsthese stimmt.

Moritz Herrmann, Jahrgang 1987, aus Hamburg. Freier Reporter für DIE ZEIT, "Neon", "Dummy", "11Freunde" und andere. Herrmann schreibt Reportagen und Porträts, aber auch ausgesprochen gern über sich selbst. © privat

Meiner Generation wird ja allerlei vorgeworfen. Zu unpolitisch, unbedarft, beliebig, feige, ziellos. Duckmäuser. Halbgare Hallodris. Weiß nicht, was sie will. Und wenn sie doch mal was will, tut sie nicht genug dafür.

Ich kann mit der Generationenkeule grundsätzlich wenig anfangen, finde mich in diesem Zuschreibungsstakkato aber trotzdem wieder. Ich habe damit kein Problem. Stimmt doch. Ich will durchkommen, aber nicht durchstarten. Will warten, beobachten, lauern, ja warum denn nicht? Gelegenheiten nutzen, aber doch bitte nicht jede. Auch mal ein paar Chancen verstreichen lassen. Ich glaube eher an Talent, denn an Ehrgeiz. Was natürlich arrogant klingt, aber gar nicht so gemeint ist. Soll nur heißen, dass mir die sympathischen Verliererbiografien immer am nächsten waren. Die Donald Ducks dieser Welt, Big Lebowski, Jake LaMotta, Fauser. Irgendwas wird sich schon ergeben, Hauptsache man ist es nicht  selbst. Diese Überzeugung, dass man es zwar schon bringt, aber bestimmt nie ganz nach oben. Ich kann mich für die kleinen Dinge motivieren, hier mal ein Armdrücken, da mal ein Fußballmatch. Aber mir fehlt der Ehrgeiz für das große Ganze. Ich habe ein Motivationsproblem, wenn es um Lebensziele geht.

Ist ja schön, dass Du trotzdem stolz auf mich bist, Vater – aber wie stolz hättest Du erst sein können, würde ich als Elon-Musk-Typ durch das Leben schweben? Als Alleskönner, Alleswoller, Allesschaffer. Mein Anspornvakuum wundert mich selbst, aber genauso wundert mich, dass Du dich daran nicht störst. Bist Du vielleicht nur stolz, weil Du ahnst, dass ich mit wenig Einsatz viel rausgeholt habe?

Du bist geflohen, Deine Heimat existiert nicht mehr, Du hast bei Null angefangen, mehr als nur einmal, immer wieder. Hast erst eine und dann eine zweite Familie gegründet, hast viele Jobs ausprobiert, warst immer ein Kämpfer, wenigstens das. Morgen ist auch noch ein Tag, das war bei Dir keine Durchhalteparole, keine Gemütlichkeitsphrase, bei Dir war das wirklich: ein Hoffen darauf, dass morgen besser wird als heute. Mein ewiges Ach-das-wird-schon ist aus der Komfortzone heraus entstanden, Deins aus Unsicherheit. Das ist ein großer Unterschied.

Ich will als Antwort keine Lobhudelei auf mich, Vater. Will nicht lesen, dass Du an mich glaubst. Dass ich alles gut gemacht habe. Du hättest mir ein bisschen häufiger in den Hintern treten sollen. Dann wäre ich der Beste in allem gewesen. Hätte es wenigstens sein können. Hätte über die Männer aus Chevalier nicht mehr gelacht, sondern ihnen nachgeeifert. Oder glaubst Du wirklich noch, dass wir die gleiche Einstellung zum Leben haben?