Sie haben gestritten, sich vertragen, sich wieder gestritten. Sie haben einen sehr unterschiedlichen Blick auf die Welt. Jetzt schreiben sie sich E-Mails – der Sohn an den Vater, der Vater an den Sohn. In unserer zehnteiligen Kolumne "Apfel an Stamm".

Vater, in Dresden haben sie uns erwischt

Der Zug machte ungewöhnlich lange Halt, dann kontrollierten die NVA-Soldaten unser Abteil. Sie trugen Maschinengewehre, hat mir Mama erzählt. Ich schlief, es war Nacht, sie parkten den Kinderwagen im Gepäckraum, Mama wurde nebenan verhört. Wenn ich weinte, war das durch die Wand zu vernehmen. Am Tag darauf schickten sie uns zurück nach Rostock. Die Flucht war zu Ende. Du hast in Hamburg gewartet, aber wir kamen nicht.

Ich kenne diese Episode nur aus Erzählungen. Ich habe weder gute noch schlechte Erinnerungen an den Osten, eigentlich erinnere ich mich an gar nichts. Da ist nur ein diffuses Grau, das ich vielleicht auch erst bei unseren wenigen Besuchen nach der Wende eingeprägt hat. Wenn ich gefragt werde, woher ich komme, komme ich aus Hamburg. Hier bin ich aufgewachsen, ich wünschte, ich wäre auch hier geboren. Der Osten, die DDR, Rostock, das ist ein Teil von mir, der sich völlig falsch anfühlt. Wie ein Kapitel, das mir ein Fremder in die Biografie geschrieben hat.

Du hast mir diese Abneigung vorgelebt. Zu den Familienfeiern wolltest Du nicht fahren, und wenn wir dann doch fuhren, durch Mecklenburg, Brandenburg, Thüringen, hast Du ausgeteilt. Diese Straßen. Diese Häuser. Diese Gesichter. In meiner Erinnerung ist der Osten immer ein bisschen schlimmer, als er eigentlich sein kann. Jetzt, da ich selbst fahren könnte, fahre ich auch nicht hin. Ich habe Opa seit drei Jahren nicht besucht.

Moritz Herrmann, Jahrgang 1987, aus Hamburg. Freier Reporter für DIE ZEIT, Neon, Dummy, 11Freunde und andere. Herrmann schreibt Reportagen und Porträts, aber auch ausgesprochen gern über sich selbst. © privat

Ich frage mich manchmal, warum ich nie Wut empfunden habe, dass Du in Hamburg geblieben bist, nachdem unsere Flucht, die von Mama und mir, misslungen war. Weil ich den Osten genauso wenig mag wie Du? Weil ich es genauso gemacht hätte? Wäre ich vorausgegangen, ohne zu wissen, ob die Familie nachkommt? Junger Vater, ohne Kind und Frau, in einer neuen Stadt, einem neuen Land, neuem System. Hast Du Dich vergnügt? Hattest Du Angst? Hast Du gezweifelt? Bist Du verzweifelt? Ja, hast Du uns gar nicht vermisst? Vielleicht sollte ich wütender sein.

Was hättest Du denn getan, wäre die Mauer nicht gefallen, die Wende nicht gekommen? Ein Vatersein in Briefen? Das hält doch niemand aus. Wir haben über Deine und unsere Flucht geredet, aber nie über das, was daraus folgte, für uns und für Dich. Es erscheint mir fast grotesk, dass ich, der Journalist, dich danach nie gefragt habe. Ich frage Dich jetzt, mehr als 25 Jahre später.