Im Café Caribe lehnt ein Mann an der blitzblanken Theke und wartet auf seinen Cortado. Kurz darauf stöckelt ihm die Bedienung auf schwarzen High Heels entgegen, sie geht über ein Podest, damit er ihren knappen Minirock besser begutachten kann und die Beine darunter. Langsam beugt sie sich zu ihm herunter und stellt den Kaffee hin. Bussi auf die Wange. "Hallo mein Lieber", sagt sie. "Meine Hände sind ganz kalt", antwortet er. Sie umschließt sie mit den ihren und lächelt ihn an: "Stimmt doch gar nicht".

Das Caribe liegt in einer Fußgängerzone in der Innenstadt von Santiago de Chile, daneben eine Buchhandlung, ein Brillengeschäft, eine Apotheke. Paare laufen vorbei, Mütter ziehen ihre Kinder hinter sich her. Und dann ist da noch das Café Haiti. Auch hier tragen die Kellnerinnen sehr kurze Röcke und schäkern mit den Geschäftsmännern, die in Gruppen beieinander stehen. Die Ladenfront ist komplett verglast, sodass man schon von draußen sieht, worum es drinnen geht: um knapp bekleidete Frauen.

Café con piernas, Kaffee mit Beinen, heißt das Phänomen, das es so nur in Chile gibt. Allein in der Hauptstadt Santiago sollen es mehrere Hundert sein. Die Läden leben von ihrer vermeintlichen Biederkeit und, ja auch das, von ihrem guten Kaffee. Manchmal schauen deshalb auch Frauen vorbei, um sich einen Cortado zum Mitnehmen zu bestellen.

Das Haiti gehört zu den harmlosen Cafés, auch Frauen trinken hier Kaffee. © Lisa Caspari/ZEIT ONLINE

In den meisten Cafés stehen schwere Espressomaschinen, eine Besonderheit in Chile, wo man sonst oft mit Pulverkaffee zufrieden sein muss. Alkohol gibt es nicht und auch kein Kuchen, serviert wird ausschließlich Kaffee, um 20 Uhr ist Schluss. Der Besuch bei den leichtbekleideten Damen ist gesellschaftlich akzeptiert, schließlich, so sagen die Männer, gucken sie ja nur und unterhalten sich nett. Insider sind sich jedoch sicher, dass da auch mehr läuft, zumindest in manchen Cafés.

Voll wird es vor allem in den Mittagspausen, wenn Männer in dunklen Anzügen ihren Cortado schlürfen und dabei Geschäfte abschließen. In den Cafés nahe der Ministerien sollen ranghohe Politiker ein- und ausgehen. Esteban (Name geändert), der für die Stadtverwaltung arbeitet, sagt: "Wenn die Kollegen aus der Provinz kommen, dann wollen sie immer ins Café con piernas. Meine Kollegen lachen über sie, gehen aber allzu gerne mit."

Relikt der Militärdiktatur

Dass Santiago die meisten dieser Cafés hat, wundert Esteban nicht: "Die Menschen kommen in die Stadt, um Geschäfte zu machen, sie haben Banktermine, sie haben Stress, erhalten vielleicht schlechte Nachrichten, danach zieht es sie ins Café zu den hübschen Frauen."

Entstanden sind die Etablissements ausgerechnet zu Zeiten der Militärdiktatur, als das Land sich sonst besonders prüde gab. Die Männer sollten trotzdem eine Möglichkeit bekommen, den Sorgen des Alltags zu entfliehen. Und auch einige Kellnerinnen scheinen sich als Stütze der Gesellschaft zu sehen, wenn sie sich in Interviews als "Psychologinnen" ihrer Gäste bezeichnen. Dieses Bild wird auch im Fernsehen reproduziert, in einer Seifenoper treffen sich ein paar Freunde stets im Café con piernas, um sich bei den Kellnerinnen über ihre Beziehungsprobleme auszuweinen.

Die Freundlichkeit ist nur erkauft

Esteban sagt, er habe die Cafés con piernas lange verteidigt, als Teil der Kultur seines Landes. "Inzwischen habe ich verstanden, dass sie ein falsches Bild der chilenischen Frau vermitteln. So als ob sie immer sexy sein müsste und sanft und freundlich. Dabei ist es doch eine falsche, eine erkaufte Freundlichkeit."

Zumal es verschiedene Abstufungen der Cafés gibt. In einer Ladenpassage liegt ein Etablissement aus dem lauter Reggaeton dröhnt. Hier kann niemand reingucken, Fenster und Türen sind verspiegelt. Drinnen, im Halbdunkel, steht Camilla (Name geändert) an der Bar. Sie kommt aus Kolumbien, ist Mitte 20, hat ein rundes, hübsches Gesicht und mollige Hüften. Einen Minirock trägt sie nicht, nur einen String-Bikini in Neonfarben, der im Schwarzlicht leuchtet.

Abgeklebte Fenster: Nicht alle "Cafés con piernas" bieten einen Einblick. © Lisa Caspari/ZEIT ONLINE

Camilla ist seit neun Monaten in Chile, seit acht Monaten arbeitet sie als Kellnerin. Sie habe sich daran gewöhnt, halbnackt herumzulaufen, sagt sie. Manche ihrer Stammkunden seien "wie gute Freunde". Vor allem aber sei das Trinkgeld hoch, umgerechnet 40 Euro am Tag, so viel bekomme sie als Ungelernte nirgends sonst. Ihr reguläres Monatsgehalt liegt bei 300 Euro, Mindestlohn.

Früher gab es in ihrem Café noch die Minuto feliz, die glückliche Minute, in der alle Kellnerinnen auf Kommando ihr Oberteil fallen ließen, wenn das Trinkgeld stimmte. Weil die Stadtverwaltung nun genauer hinguckt, wurde die glückliche Minute abgeschafft. Der Verdacht: Hier wird eben nicht nur Kaffee gekocht. Was unzweifelhaft stimmt, Camillas Kunden jedenfalls trinken Cola, weil die Kaffeemaschine schon länger kaputt ist. Und die Männer packen – entgegen der Legende – auch ganz ungeniert zu, greifen sie um die Hüfte, fassen ihr an den Hintern, ziehen die halbnackten Körper an sich heran. Camilla lächelt professionell dazu und schüttelt ihr langes Haar.

Nicht alle sind harmlos

"Viele von uns prostituieren sich", sagt Eugenia, die in einem anderen Etablissement in einem armen Viertel der Stadt arbeitet. Im Café würden die Abmachungen getroffen, die dann später an anderer Stelle eingelöst werden, sagt sie. Sie selbst bezeichnet sich ganz offen als Sexarbeiterin. Prostitution scheint ein offenes Geheimnis zu sein. Warum gibt es die Cafés con piernas dann überhaupt noch?

"In Chile werden Traditionen generell nicht infrage gestellt", sagt die Feministin María Banda, die an der Universität Valparaiso forscht. "Das ist ein Erbe der Diktatur. Chile ist nach wie vor ein machistisches Land, Protest gegen sexistische Sitten wird oft lächerlich gemacht." Zudem sei die feministische Bewegung gespalten in der Frage, ob der Job der Kellnerinnen an sich zu bemängeln sei. "Ich persönlich glaube, dass viele Kellnerinnen den Job nicht machen würden, wenn es ihnen finanziell besser ginge. Viele sind Einwanderinnen aus ärmeren südamerikanischen Ländern. Andere finden es paternalistisch, den Frauen abzusprechen, dass sie ihren Job mögen."

Die beiden Gäste, die den Neonbikini von Camilla und ihrer Kollegin bewundern, haben jedenfalls keine Gewissenskonflikte. Auskunftsfreudig berichten sie, dass sie selbst Kellner seien und oft nach Feierabend herkämen. Ob denn ihre Ehefrauen Bescheid wüssten? "Ich bitte dich", sagt der eine und lacht laut, "da käme ich ja in Teufels Küche."