Wer in Boston eine Notunterkunft für Obdachlose besucht, der trifft dort nicht nur auf Gescheiterte, sondern auch auf Studenten. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp in der Ostküstenmetropole, und das bei rund 150.000 Studenten. 24 der 29 öffentlichen Hochschulen der Stadt berichten von obdachlosen Studierenden. Nicht wenige von ihnen verbringen die Nächte in ihren Autos.

Die beiden Stadtplanerinnen Noelle Marcus und Rachel Goor kennen das Problem gut, sie haben selbst in Boston studiert. Zehn Jahre leben sie jetzt dort, zehn Jahre, in denen sich die Situation weiter verschlechtert hat. Also überlegten sich die beiden etwas: Sie wollen Studenten und Senioren zusammenbringen, unter einem Dach. Denn auch die Alten haben mit der Wohnraumverknappung in den urbanen Zentren zu kämpfen. Bei stagnierenden Renten können sich viele die steigenden Mieten kaum noch leisten. "Wir glauben, wir können beiden helfen", sagt Noelle Marcus. "Ältere alleinstehende Menschen, die davon bedroht sind, ihre Wohnungen zu verlieren und junge Menschen, die sich die Mieten erst gar nicht leisten können."

Um die Alten und die Jungen zu matchen, haben Marcus und Goor Nesterly entwickelt, eine Plattform, auf der ältere Bürger Wohnraum anbieten und junge Untermieter finden können. "Wir hoffen, damit innerhalb der existierenden Infrastruktur den immensen Druck zu verringern, der auf beiden Gruppen lastet."

Es geht auch darum, Ängste abzubauen

Entscheidend beim Design der App war, dass beide Parteien die Möglichkeit haben, Ängste abzubauen und den richtigen Partner zu finden. So können sich Mieter und Vermieter durch einen Messenger austauschen und etwa verhandeln, ob die Miete im Gegenzug für einfache Haushaltshilfen gemindert werden kann.

Das Modell der Zimmermiete bei alleinstehenden älteren Mitbürgern für Studenten ist freilich nicht neu. In Deutschland waren solche Arrangements bis in die Fünfzigerjahre gang und gäbe. Doch die Generationen haben sich voneinander entfremdet – das Sterben der Mehrfamilienhaushalte ist dafür der klare Beleg. Nun treibt die Not die Generationen wieder zusammen.

Berührungsängste oder gar Feindseligkeit zwischen den Kohorten, wie sie in den Sechzigerjahren zu spüren waren, verflüchtigen sich. So haben  Marcus und Goor in einer repräsentativen Umfrage herausbekommen, dass die Hälfte der 50- bis 69-Jährigen gegenüber jüngeren Mitbewohnern offen ist. Unter den 70- bis 89-Jährigen waren es immerhin noch 25 Prozent. Die meisten Befragten gaben an, dass sie für die Gelegenheit, voneinander zu lernen, dankbar wären.