ZEIT ONLINE: Eure Heiligkeit, Herr Shankar, wann in Ihrem Leben wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass der Atem mehr ist als nur einfaches Ein und Aus von Luft?

Sri Sri Ravi Shankar: Ich unterrichtete schon als Teenager Yoga in meiner Heimat Indien. Pranayama, also das Verbinden von Körper und Geist durch Atemübungen, ist ein wichtiger Teil davon. 1982 entwickelte ich dann die Abfolge von Atemtechniken, welche die Grundlage unserer Meditationskurse bilden.

ZEIT ONLINE: Ihre Organisation The Art of Living unterrichtet diese Techniken in 155 Ländern. Sie selbst sind beständig auf Reisen, um sich für Versöhnung und Frieden einzusetzen. Aktuell zum Beispiel, indem sie 16.000 Menschen in Flüchtlingscamps in Jordanien, Libanon und Syrien das Meditieren beibringen. Haben Flüchtlinge nicht dringendere Bedürfnisse als rhythmisches Atmen?

Shankar: Diese Menschen sind vor dem Krieg geflohen. Sie sind traumatisiert. Gibt man ihnen etwas zu essen, bekommen sie es nicht hinunter. Stellt man ihnen ein Bett auf, können sie nicht einschlafen. Sie sind viel zu aufgewühlt. Wir bieten ihnen in den Kursen eine geistige Zuflucht. Helfen ihnen, zur Ruhe zu kommen. Dank der Meditationen sind die Geflüchteten ihren Gefühlen nicht mehr so stark ausgeliefert. Das gibt ihnen Hoffnung, dass sie auch ihr Leben wieder in den Griff bekommen.  

ZEIT ONLINE: Was macht Sie da so sicher?

Shankar: Wir haben ähnliche Programme bereits erfolgreich im Kosovo, in Kroatien und in New York nach den Anschlägen vom 11. September durchgeführt. Auch im Irak begannen wir nach dem Golfkrieg zu unterrichten, gemeinsam mit der International Association for Human Values. Tausende Iraker besuchten die Kurse: Regierungsvertreter, Glaubensführer, Anwälte, von Gewalt betroffene Frauen, Kinder.

ZEIT ONLINE: Ihr Engagement ist dabei nicht nur spiritueller Natur.

Shankar: Im Irak ließ der Krieg über 700.000 Frauen als Witwen zurück. Unsere Freiwilligen organisierten für sie Schneiderkurse und Computerunterricht. Frauen in ihrer Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu unterstützen ist uns ein wichtiges Anliegen. In der Region Kurdistan sind wir deshalb nach wie vor aktiv, konnten mit Unterstützung der US-Regierung bislang fast 500 Frauen aus dem Einflussgebiet des IS bringen.   

ZEIT ONLINE: Die dort aktive International Association for Human Values ist eine Organisation, die Sie gemeinsam mit dem Dalai Lama gegründet haben. Wer von Ihnen beiden hat beim Meditieren den längeren Atem?

Shankar: Das ist doch kein Wettbewerb! Wir haben in den Achtzigern und Neunzigern miteinander gearbeitet und er besuchte mich regelmäßig in Indien, wo wir gemeinsam meditierten. Leider ist er mit seinen eigenen Projekten so beschäftigt, dass wir mittlerweile unabhängig voneinander aktiv sind. Wir treffen uns nur noch ab und zu. 

ZEIT ONLINE: Warum finden Sie es wichtig, dass die Vertreter verschiedener Glaubensrichtungen zusammenarbeiten?

Shankar: Es sendet eine klare Botschaft, die über unsere individuelle religiöse Identität hinausgeht: Wir sind alle Menschen, sind miteinander verbunden – wie eine große Familie.

ZEIT ONLINE: Aber ist nicht oft genug Religion das, was für Streit innerhalb dieser Familie sorgt?

Shankar: Deshalb rate ich, ein moderates Verhältnis zur Religion aufzubauen: nur die positiven Dinge zu übernehmen und alles andere mit dem nötigen Abstand zu betrachten. Religion hat einen großen Stellenwert im Leben vieler Menschen. Aber sie sollte nicht im Vordergrund stehen.

ZEIT ONLINE: Ihr Bemühen um Gewaltlosigkeit führt sie auch zwischen die Fronten. 2016 unterstützten Sie die Friedensverhandlungen zwischen der Farc-Guerilla und der kolumbianischen Regierung. Welche der beiden Seiten hatte die Idee, einen indischen Guru als Vermittler dazuzuholen?

Shankar: (lacht) Keine von beiden. Ich suchte das Gespräch. Meine freiwilligen Mitarbeiter bereiteten das Treffen über Monate vor, schufen eine vertrauensvolle Basis. Die Mitglieder der Farc betrachten sich als Kommunisten, Spiritualität ist nicht wirklich ihr Weg. Als wir zusammensaßen, konnte ich ihre Vorurteile jedoch überwinden. Wir sprachen stundenlang miteinander und meditierten gemeinsam.   

ZEIT ONLINE: Wie haben die Rebellen auf die Übungen reagiert? 

Shankar: Ich habe ihre Anführer drei Tage lang angeleitet. Sie sagten, diese Art Ruhe hätte ihnen gefehlt. Sie geben die Technik nun innerhalb der Gruppe weiter.