Der See spiegelt im Morgenlicht. Eine Familie steigt in einen riesengroßen Schwan. Er ist aus Plastik, ein Tretboot. Langsam schwimmt der Schwan am Kirchturm von Hallstatt vorbei. Zwei Chinesinnen schieben ihre Rollkoffer zum Fähranleger, machen ein Selfie mit den hölzernen Bootshäusern als Hintergrund. Der Fährmann kassiert, über das Steuerrad hat er asiatische Geldscheine geklebt.

Nach der kurzen Überfahrt zeigt unser Guide auf das Strandbad – dort gibt’s die letzte Toilette vor der Tour. Beim Händewaschen bekommen wir den Segen. Ein Lautsprecher an der Decke überträgt die Sonntagsmesse, der Pfarrer sagt: "Der Friede des Herrn sei allezeit mit euch."

Also machen wir uns auf den Fernwanderweg. Er heißt Berge-Seen-Trail und führt in 20 Etappen durch das ganze Salzkammergut. Wer dann noch nicht genug hat, kann die Tour um bis zu 40 Varianten erweitern. Der Schwierigkeitsgrad der einzelnen Strecken ist farblich gekennzeichnet. Wie bei Skipisten steht Blau für einfach, Rot für mittelschwer und Schwarz für anspruchsvoll. Wir haben ein paar Etappen unter die Füße genommen, auf denen sich die Vielfalt dieser Landschaft erleben lässt.

Für den Anfang haben wir eine blaue Etappe ausgesucht. Sie führt von Hallstatt nach Bad Aussee und ist angenehm flach. Auf dem Uferweg begegnet uns eine Familie mit Kinderwagen, in einer hölzernen Zille lassen sich Chinesen über den See fahren, der wie ein Fjord im hohen Norden wirkt. Im schwarzgrünen Wasser spiegeln sich Berge, am schmalen Ufer glucken die Häuser von Hallstatt eng zusammen. Schmiegen sich an den Hang, der hinaufführt zu dem Bergwerk, in dem seit mehr als 3.000 Jahren Salz gewonnen wird.

Die UNESCO hat Hallstatt ins Welterbe aufgenommen. Das hatte Folgen: In China wurde der Ort nachgebaut, seither gehört das Original zu den Stationen, die ein Chinese auf seiner Europareise abhaken muss. Frauen, die ihr Bild vom romantischen Europa perfekt machen wollen, können für den Rundgang eine Tracht ausleihen, Dirndl to go. Schilder weisen darauf hin, dass es verboten ist, Fotodrohnen über Hallstatt fliegen zu lassen.

Dieser Artikel stammt aus ADAC Reisemagazin Nr. 162

"Es ist schon arg", sagt Rob Hakenberg, "alle wollen nach Hallstatt, aber die großartige Natur ringsum lassen sie links liegen." Rob stammt aus Holland, seit Jahren führt er Gäste durch die Berge des Salzkammerguts. Mit ihm kann man klettern oder auf Canyoningtour gehen. Heute wandert er mit uns auf dem Berge-Seen-Trail, und auch dieser einfache Weg bringt ihn ins Schwärmen: "Hier liegen alle Landschaften konzentriert beieinander: alpines Gelände, aber auch gemütliches Mittelgebirge. Du kannst vom Gletscher im Schuss direkt runter zum See – wo geht das sonst noch?"

Warum wurde der Fernwanderweg durchs Salzkammergut erst im Frühjahr 2017 ausgeschildert? "Das Salzkammergut ist verwöhnt", sagt Rob. "Früher haben die Salinen Wohlstand gebracht, in der Kaiserzeit war Bad Ischl die Sommerresidenz von Österreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg blühte der Tourismus, deshalb hat man den Boom der Achtzigerjahre verschlafen." Rob ist froh – auf Apartmentanlagen und Hotelklötze kann er gut verzichten.