Meine Hand unter dem Gewehrlauf zittert. Ich liege auf dem Bauch im Schnee, den Schaft ans Schlüsselbein gedrückt. Versuche den Schmerz im Rücken auszublenden, das Piuh-Piuh einschlagender Schüsse, die Rufe der Zuschauer hinter mir. 50 Meter trennen mich von der schwarzen Metallscheibe, die ich treffen muss. Schnell und sicher – sonst verliert mein Team zu viel Zeit. Ich peile durch das Visier. Die Scheibe ist nur ein flohgroßer Punkt. Und mit jedem meiner Atemzüge hüpft dieser Floh hektisch hin und her. Bisher dachte ich, ich hätte ein Talent fürs Schießen. Bei Olympia im Fernsehen sah das doch immer so einfach aus.

In Pyeongchang hat das deutsche Biathlon-Team gerade mal wieder Medaillen gesammelt. Millionen Deutsche verfolgten die Rennen von Laura Dahlmeier und Arnd Peiffer. Ihre Leistungen faszinieren, weil die Anforderungen an die Sportler so konträr sind: Schnelligkeit und Ruhe, Kraft und Präzision. Profis beruhigen ihren Herzschlag auf den letzten Metern vor dem Schießstand von rasenden 90 auf gefasste 65 Prozent. In wenigen Sekunden runterkommen, das würde ich auch gern können. Außerdem schieße ich gerne – obwohl ich eine pazifistische Vegetarierin bin. Es liegt an diesem Moment zwischen Anvisieren und Einschlag, wenn die Zeit sich auf Punktgröße zu verdichten scheint: maximale Konzentration auf ein minimales Ziel. Ein meditativer Zustand. Deswegen kann ich an keiner Kirmes vorbeigehen, ohne dass es mich zur Schießbude zieht. In einen Schützenverein wollte ich trotzdem nie. Zumindest in meinem Heimatdorf stand der für Deutschtümelei und Schlägereien beim Schützenfest. Ganz anders der Biathlon: Skijäger sind disziplinierte Ausdauersportler. Wenn die kotzen, dann höchstens hinter die Ziellinie, nicht vors Festzelt. Mit denen möchte ich trainieren. 

Ein kerniger Publikumsliebling

Februar 2018, Biathlon Camp Fritz Fischer in Ruhpolding. Wetter wie bestellt. Gestern hat es geschneit. Heute: Hochnebel mit gelegentlichem Ausblick auf blauen Himmel. Auf den Loipen am Fuß des Zirmbergs ziehen Erwachsene und Kinder ihre Bahnen. Skaten heißt das hier. Langlauf ist für Rentner. Das Camp findet im Biathlon-Leistungszentrum der Deutschen Nationalmannschaft statt. Betrieben wird es von Fritz Fischer: zehn Weltcupsiege, sieben WM-Medaillen, kompletter Medaillensatz bei den Olympischen Spielen. Ein kerniger Publikumsliebling, seinerzeit mit kapitalem Schnurrbart, der 1992 bei den ersten gesamtdeutschen Winterspielen in Albertville zur Legende wurde. Da startete der damals 35-Jährige als Schlussläufer ins Staffelrennen, dicht gefolgt von Stars aus Russland und Norwegen. Zehn Treffer später war er denen so uneinholbar voraus, dass er auf der Zielgerade – damals noch unüblich – eine Deutschlandfahne entgegennahm, die ihm jemand hinhielt, und damit lässig ins Ziel lief. Goldmedaille, sein wohl größter Erfolg. Im Jahr darauf wechselte er ins Trainerlager. Bis 2014 arbeitete er mit den Athleten, die gerade in Pyeongchang Medaillen geholt haben. Und heute mit mir und etwa 35 weiteren Teilnehmern zwischen 20 und 60 Jahren.

Steile Lernkurve: unsere Autorin beim Training in Ruhpolding © Jessica Braun/Zeit Online

Wir treffen uns am Skiverleih, einem romantisch zusammengenagelten Holzhaus. Dort bekomme ich meine Skatingschuhe – viel bequemer als Skistiefel! – und lasse mich an der Skiausgabe mustern. Die Ski, nicht mal eine Hand breit, sollten etwa so lang sein, wie der Läufer groß ist. Weil ich Anfängerin bin, sind meine ein wenig kürzer. Auch die Stöcke gibt’s nach Augenmaß: "Bis zwischen Kinn und Nase" sollen sie reichen, erklärt mir der Mitarbeiter. Draußen nehmen uns vier Trainer in Empfang. Fritz Fischer erwartet uns am Schießstand. Geschlossen stapft unsere Biathlon-Klasse zum Trainingszentrum. Das fügt sich in die oberbayrische Alpenromantik wie ein Autobahnkreuz: Rampen, Brücken, Tunnel, Zufahrtsstraßen. Immerhin hält der umstehende Wald mit aller Märchenhaftigkeit dagegen. Links von den Skisprungschanzen beginnt die Langlaufstrecke. Mehrere WeltmFeisterschaften fanden darauf statt. Ich zittere: 10 Prozent Ehrfurcht, 90 Prozent Kälte.

Wir klippen uns die Ski unter die Schuhe. Auf geht’s zur ersten Runde! Allerdings nicht auf der Bahn, sondern erst mal nur im Kreis. Wir sollen uns für eine von vier Gruppen qualifizieren. Müssten wir nicht zuerst das Anfahren und Anhalten üben? Ich weiß nicht, wie man Skistöcke richtig hält, schon gar nicht, wie ich auf den sportbunten Brettchen eine Kurve hinbekomme. Andererseits kann das sogar meine Oma. Wie schwer wird das wohl sein? Der Schnee ist störrischer als gedacht. Anstatt zu gleiten, hakele ich mich mithilfe der Stöcke voran. Während manche Teilnehmer sehr und andere sehr wenig elegante Runden drehen, picken sich die Trainer ihre Schüler heraus. Running Sushi in der Ski-Arena – eine undankbare Situation. Zumindest für mich und die drei anderen, die immer noch im Kreis herumeiern, während die ersten beiden Gruppen schon mit ihren Skilehrern Richtung Schießstand aufgebrochen sind. Endlich erbarmt sich Trainer Manni: "Du da, bitte zu mir." Dankbar komme ich zum Stehen. Hoffentlich üben wir als Erstes die Pulskontrolle. Meiner ist jetzt schon bei 90 Prozent.