Es liest sich wie ein Tortenrezept: Man nehme einen Stararchitekten, lasse ihn in einer Standardstadt ein Gebäude bauen, wie es die Welt noch nicht gesehen hat, stelle Kunst rein – und tadaa, die Stadt erblüht neu. Das ist gemeint, wenn vom Bilbao-Effekt die Rede ist.

Dort, im baskischen Bilbao, hat das vor 20 Jahren erstaunlich gut funktioniert. Frank Gehrys 1997 eröffnetes Guggenheim-Museum hat die Stadt, die damals mit einer Arbeitslosigkeit von mehr als 20 Prozent geschlagen war, zu einer neuen wirtschaftlichen Blüte geführt. Statt einer halben Million Besucher, auf die man im mittelgroßen Bilbao vor der Eröffnung gehofft hatte, kamen schon bald eine Million pro Jahr; wegen der Kunst, die im Museum gezeigt wird, aber auch wegen des Museums selbst, einer formenreichen Wahnsinnskonstruktion. Bilbao hat sich darüber ganz neu aufgestellt, eine ehemalige Industrie- wurde zu einer Kulturstadt.

Frank Gehry hat später gesagt: "Seit Bilbao kommen Personen in mein Büro, um mich damit zu beauftragen, den Bilbao-Effekt herbeizuführen." Die Frage ist seitdem immer wieder: Geht so was?

Ein Team des Lehrstuhls für Raumentwicklung der TU München erforscht nun interdisziplinär zusammen mit der HafenCity-Universität Hamburg und der TU Berlin, welche Auswirkungen öffentlich finanzierte Stararchitektur in mittelgroßen Städten über längere Zeit hat. 

Der Entwurf des Phaeno in Wolfsburg stammt von der verstorbenen Stararchitektin Zaha Hadid. © UniversalImagesGroup/Getty Images

Wolfsburg ist eines der Fallbeispiele der Untersuchung. Man hat sich dort zwar nie eingebildet, man könne eine weltberühmte Kulturmetropole werden. Aber mit dem Fall der Mauer war man von der Peripherie ins Zentrum Deutschlands gerutscht, und man hatte von diesem berühmten Effekt natürlich schon gehört, bevor in Bahnhofsnähe das Wissenschaftszentrum Phaeno der Architektin Zaha Hadid gebaut wurde. Auch die Beispiele von Graz, des Kunsthauses wegen, und Luzern, wo das Kultur- und Kongresszentrum entstanden ist, wurden in die Studie aufgenommen.

Und? Ist Wolfsburg jetzt Niedersachsens Bilbao?

So einfach ist es mit den Vergleichbarkeiten nicht. Ökonomische Auswirkungen hatte das Phaeno zumindest nicht kausal, "der monetarische Effekt ist nicht so riesig", sagt die Projektleiterin der Forschungsgruppe, Nadia Alaily-Mattar vom Lehrstuhl für Raumentwicklung der TU München. Aber andere Effekte gebe es schon: Die Stadt entwickelt sich, auch durch Hadids Architektur, in gewisser Weise von einem Volkswagen-Standort stärker hin zu einer Stadt, in der es nicht nur einen Autokonzern gibt.

Eher Detroit als Bilbao

"Wolfsburgs Schicksal war seit seiner Gründung eng mit dem Schicksal von VW verbunden", heißt es in einem Artikel des Forschungsteams der TU München. In den Neunzigerjahren befand sich die Stadt deshalb in einer schwierigen Situation. Die Automobilindustrie steckte in einer Krise. "Eine Stadt, die für Jahrzehnte für Fortschritt und Wohlstand gestanden hatte, stellte plötzlich fest, dass sie zurückfiel und eine ungewisse Zukunft vor sich hatte." Wolfsburg schien da näher an Detroit, das schrumpfte und verarmte, als an Bilbao.

Die Beziehung zu VW war ohnehin ambivalent – man will ja als Stadt nicht in erster Linie die Verwaltungseinheit rund um eine Automarke sein. In der Folge wollte man attraktiv werden, für andere Investoren und für Besucher, die nicht nur kommen, um ihren neuen Golf abzuholen. Es entstanden Erlebnisangebote, tourismusfördernde Maßnahmen, und schließlich gab es die Idee, spektakulär zu bauen: das Phaeno.

Wer in Wolfsburg aus dem ICE steigt, hat es seit 2005 direkt vor der Nase. Ein Gebäude, das von vorne wie Moby Dick aussieht, von der Seite wie ein Kreuzfahrtschiff, von unten wie eine Schildkröte im Weltall – und manche in der Stadt kritisieren auch: wie ein Parkhaus, wobei es dann ein ziemlich interessantes Parkhaus wäre. Jedenfalls fällt es auf. Es ist ein dekonstruktivistischer Betonbau, der ein interaktives Wissenschaftsmuseum beherbergt.

Denkt man sich das Phaeno weg, sieht man fast nur noch Volkswagen. Da ist das Autowerk mit seinen vier Schloten. Da ist das Bundesligastadion namens, natürlich, VW-Arena. Und zwischen Stadion und Werk wurde, ausgerechnet in der Sichtachse zwischen Stadtzentrum und Schloss, im Jahr 2000 noch die Autostadt geparkt – quasi ein Konzern-Vergnügungspark mit Glasfassade, der industriellem Flair ein saftiges Grün vorschaltet; in dem Kinder Elektroauto fahren und kritische Kunden ihren ökologischen Fußabdruck messen können.

Vis-à-vis steht nun das Phaeno, wie eine "Antwort der Stadt auf die Autostadt", wie ein ehemaliger Wolfsburger Bürgermeister zitiert wird.