ZEIT ONLINE: Ihr neues Buch Mein persönlicher Mutterpass beschäftigt sich mit Schwangerschaft und der Mutterrolle in Deutschland aus der Perspektive einer Schwedin. Ticken die deutschen Mütter so anders als die schwedischen?

Malin Elmlid: Mutterschaft ist natürlich kein deutsches Phänomen, aber es gibt schon Unterschiede. Zum einen gab es in Deutschland bisher kaum Schwangerschaftsbücher, in denen es nicht um das Baby geht, sondern die sich an die Frau und ihr Wohlbefinden richten. Und zum anderen gibt es in Deutschland immer noch eine sehr klassische Rollenverteilung: Sie bleibt zu Hause und kümmert sich um die Kinder, er verdient das Geld und ernährt die Familie. In Schweden ist die Gleichberechtigung längst weiter und das Leben für Mütter viel flexibler.  

ZEIT ONLINE: Über Mutterschaft ist in den vergangenen Jahren viel diskutiert worden. Ist Ihr Buch auch eine Weiterführung der Regretting-Motherhood-Debatte?  

Elmlid: Nein. Ich will mich an dieser Debatte nicht beteiligen und verstehe die Aufregung in Deutschland bis heute nicht. Die Debatte ist meiner Meinung nach hier besonders extrem geführt worden und Frauen, die sich geäußert haben, sind auf heftigen Gegenwind gestoßen. Dabei sind die Gedanken und Gefühle völlig normal. Keine Frau findet es jede Sekunde toll, Mutter zu sein, und jede Frau hadert mit ihren Aufgaben und Pflichten. Schlimm wird es nur, wenn sie darüber nicht sprechen kann. Ich würde mir wünschen, dass die Frauen in Deutschland nicht so hart mit sich selbst wären und die Gesellschaft in der Lage wäre, mehr Perspektiven einzunehmen als Ablehnung oder Glorifizierung.  

ZEIT ONLINE: Sie leben seit fast zwanzig Jahren in Berlin. Als Sie das Buch angefangen haben, waren Sie selbst schwanger mit Ihrem ersten Kind.

Elmlid: Ja, und ich habe mich vor allem in den ersten Monaten immer wieder gefragt, wie die Mutterrolle, die mir hier vorgelebt wurde, zu mir passen soll. Ich habe dann angefangen, zu recherchieren, ob meine Zweifel mit meinen schwedischen Wurzeln zu tun haben oder ob es tatsächlich daran liegt, dass ich Angst habe, Mutter zu werden. Ich habe dafür unzählige Frauen und Männer in Deutschland interviewt und schnell festgestellt, dass ich nicht alleine bin. Aus diesen Gesprächen und meinen eigenen Erfahrungen ist schließlich dieses Buch entstanden, das im besten Fall werdende Mütter stärkt und ihnen dabei hilft, sich zu befreien und eigene Wege zu finden. 


ZEIT ONLINE: Können Sie das genauer erklären? 


Elmlid: In Deutschland muss man sich entscheiden. Entweder Karriere oder Mutterschaft. Beides geht nicht. Das ist zumindest mein Eindruck. Deshalb wollte ich lange keine Kinder und deshalb ist die Geburtenrate in Deutschland lange Zeit dramatisch gesunken. Frauen wollten keine Kinder mehr, weil sie wussten, dass ihre hart erkämpften Karrieren darunter leiden würden. Die Politik hat diese Signale zwar verstanden und versucht, die Situation zu verbessern, aber in der Realität ist es trotzdem so, dass man als Schwangere von seinem Umfeld vor allem darauf vorbereitet wird, was nach der Geburt alles nicht mehr geht. Was sich verändern wird, was man aufgeben und zurückstellen muss. Und das Erste, was zurückgestellt werden muss, ist der Beruf. 
Die wenigsten Frauen mit Kindern arbeiten Vollzeit, während die Väter weiter Fünfzigstundenwochen absolvieren. In keinem anderen OECD-Land tragen Frauen mit Kindern so wenig Geld zum Familienhaushalt bei wie in Deutschland. Das schafft Abhängigkeiten und führt dazu, dass Frauen im Alter möglicherweise unzureichend abgesichert sind. Das kann doch niemand wollen.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben in Ihrem Buch: "Papas 'babysitten' nicht. Sie passen auch nicht auf eure Kinder auf. Sie sind Väter." Werden Väter in Deutschland nicht in ihre Pflicht genommen?

Elmlid: Sagen wir es so: Es wird ihnen schwer gemacht, sich gleichberechtigt um ihre Kinder zu kümmern. In Deutschland wird immer noch vom Mutterinstinkt gesprochen, als hätten Frauen von vornherein mehr Ahnung als Männer. Das ist natürlich totaler Quatsch. Instinkt, schreibt die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie in ihrem Buch Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden, ist ein Zeichen von Liebe für dein Kind. Ich liebe mein Kind und fühle, was ihm guttut, aber diesen Instinkt hat der Vater auch. Er liebt sein Kind ja nicht weniger. Mütter und Väter müssen nach der Geburt erst mal eine Bindung zu ihrem Kind aufbauen, das passiert nicht automatisch. Deshalb ist die Elternzeit auch so wichtig und eine gute Zeit, um das Kind kennenzulernen. Mein deutscher Mann ist nach der Geburt unseres Sohnes beispielsweise die ersten vier Monate mit mir zu Hause geblieben, damit wir gemeinsam von null starten konnten. Und danach sind wir für einige Zeit nach Finnland gezogen, weil es ihm nicht möglich war, in Berlin eine familienfreundliche Anstellung zu finden. 

Laut zu schreien bringt gar nichts

ZEIT ONLINE: In Ihrem Buch verweisen Sie auf den Väterreport 2016 des Bundesministeriums für Familie. Zwei Drittel der Väter von morgen zählen die Betreuung des Babys zu den Pflichten des Vaters und halten es für selbstverständlich, dass der Vater nachts aufsteht, um dem Baby das Fläschchen zu geben, dass er die Windeln wechselt oder den Kinderwagen schiebt. Trotzdem nimmt derzeit nur jeder dritte Vater Elternzeit in Anspruch, im Durchschnitt für nicht mehr als zwei Monate. Warum liegen Vorstellung und Realität so weit auseinander?

Elmlid: In Schweden wurde die Elternzeit für Väter 1974 eingeführt. Untersuchungen zeigen, dass die Wirtschaft aber erst in den vergangenen elf Jahren auf die Elternzeit von Vätern reagiert hat und sie aktiv unterstützt. Es dauert also. In Deutschland ist das Gesetz zum Elterngeld und zur Elternzeit, das Müttern wie Vätern eine abgesicherte Auszeit ermöglicht, 2007 in Kraft getreten. Und es ist toll, zu sehen, wie Männer in dieser kurzen Zeit schon angefangen haben, einen Teil ihrer Rechte in Anspruch zu nehmen. Gleichzeitig hat man noch nicht verstanden, dass eine einjährige Babypause für Frauen aus ökonomischer Sicht völliger Wahnsinn ist. Wenn schlaue, gut ausgebildete Frauen nicht zurück in den Beruf können oder nur noch in Teilzeit arbeiten, verlieren wir Geld. Mehr Geld, als wenn sich Männer und Frauen die Elternzeit wirklich teilen würden und der Mann ebenfalls sieben Monate zu Hause bleiben würde. Aber um das zu ändern, müssen vor allem die Männer lauter werden. In Schweden hat sich auch erst etwas geändert, als Männer Zeit mit ihren Kindern eingefordert haben. 

ZEIT ONLINE: Sie klingen wütend. In Ihrem Buch spürt man die Wut aber auf keiner Seite. Es ist eher ein konstruktives Plädoyer, kein Aufschrei. 


Elmlid: Laut zu schreien bringt gar nichts. Man muss freundlich, diplomatisch und positiv bleiben und sich Verbündete suchen. Das Buch erzählt ja nicht nur meine Geschichte, sondern lässt mehr als hundert Menschen zu Wort kommen. Typisch schwedisch eben. Wir Schweden glauben, dass man viel mehr Power hat, wenn man gemeinsam an einem Strang zieht und etwas schafft, das inspiriert statt deprimiert. 


ZEIT ONLINE: Was müsste Ihrer Meinung nach sofort verbessert werden, um die Situation von Müttern und Vätern in Deutschland zu erleichtern? 

Elmlid: Die Betreuung muss unbedingt besser und flexibler werden. Zum Beispiel in Berlin gibt es viel zu wenig Kitaplätze und die Erzieherinnen werden oft schlecht bezahlt. Ich will kein schlechtes Gewissen haben müssen, wenn ich mein Kind morgens im Kindergarten abgebe, weil ich nicht weiß, ob es gut betreut wird. Wir haben zum Beispiel auch mehrere Monate auf einen Kitagutschein warten müssen, um uns überhaupt für einen Platz anmelden zu können. Seid ihr verrückt? Das kann man doch niemandem zumuten. Ich will auch nicht um drei Uhr aufhören müssen zu arbeiten. Das ist in vielen Branchen einfach unmöglich und führt dazu, dass man wichtige Treffen verpasst. Außerdem gehört das Ehegattensplitting endlich abgeschafft. Es motiviert in die falsche Richtung. In Schweden wurde das Ehegattensplitting in den Siebzigerjahren abgeschafft, und das war tatsächlich der entscheidende Wendepunkt, um Frauen endlich fest in die Arbeitswelt einzubinden.

ZEIT ONLINE: Wir haben vor allem über die Probleme gesprochen. Ihr Buch konzentriert sich aber nicht nur auf die Missstände, sondern zeigt auch die Vorteile, die man in Deutschland genießt. 

Elmlid: Das war mir sehr wichtig. Ich mag Deutschland sehr und bin ja mittlerweile auch Berlinerin. Die Unterstützung, die man als Schwangere von Ärzten und Hebammen bekommt, ist zum Beispiel wirklich toll. Das System der Hebammen, die sich auch nach der Geburt um Baby und Mutter kümmern, muss man unbedingt beibehalten. Die Betreuung durch Hebammen ist ein Frauenrecht, das die Deutschen richtig gemacht haben. Hebammenbetreuung und Hausbesuche im Wochenbett gibt es in Schweden nicht und es gibt auch keine Wahlmöglichkeiten, wie und wo man sein Kind gebären will, zu Hause, im Kranken- oder Geburtshaus. Deutschland ist nach dem Krieg in vielerlei Hinsicht so außerordentlich gut wieder aufgebaut worden. Ihr habt es so weit geschafft. Jetzt müsst ihr nur noch den Männern mehr Rollen zugestehen.

Das Buch "Mein persönlicher Mutterpass" ist am 26. März im Mosaik Verlag erschienen.