Dies ist eine Folge unserer neuen Serie "Heimatmysterium". Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

Willkommen im Süden © ZEIT ONLINE

Manchmal steht Armin Tippner spätabends am Wohnzimmerfenster und zählt die Lichter im Nachbarhaus. In Gedanken verpasst er jedem Leuchten ein Häkchen, okay, okay, okay, manchmal stutzt er. Dann greift er zum Telefon, tippt eine siebenstellige Nummer ein und sagt in den Hörer: Du, in Zimmer 51 brennt Licht. Es antwortet eine freundliche Frauenstimme: Müssen die Zimmermädchen angelassen haben, ich mach's schnell aus.

Armin Tippner kann berechtigtes von unberechtigtem Leuchten unterscheiden, weil es sein Hotel ist, auf das er da schaut. "Ich weiß immer, welche Nummern vermietet sind und welche nicht", sagt er. "Berufskrankheit", sagt er und meint damit nicht nur sein Dasein als Hotelier, sondern auch seine Selbstständigkeit. Das Hotel gehört ihm, und er gehört dem Hotel. Mann und Haus, das ist eins, wie bei einem chinesischen Zeichen, das man so oder so lesen kann. Wo fängt da Arbeit an, wo hört sie auf?

Wenn sich Armin Tippner in der senfgelben Hotelküche über die Käseplatte beugt, um das Frühstück für den nächsten Morgen vorzubereiten, wenn er Camembert-Ecken drapiert, Goudascheiben fächert, Petersilienblätter rieseln lässt, dann tut er das für die Gäste, aber auch für sich selbst. Tippner arbeitet auf eigene Rechnung, läuft es gut, profitiert er, läuft es schlecht, verliert er. Keine Struktur, die Höhen und Tiefen abfedert, als Selbstständiger sitzt Tippner auf dem Boden der konjunkturellen Tatsachen, spürt jede Bodenwelle, vor allem aber: die Schlaglöcher.

Armin Tippner ist 58 Jahre alt und einer von etwa 4,3 Millionen Selbstständigen in diesem Land; ein schlanker Mann mit dunklen Augenbrauen und randloser Brille, oft trägt er schwarz. Er hat zwei erwachsene Kinder und eine Frau, die sich daran gewöhnt hat, dass ihr Mann die meiste Zeit nebenan verbringt. Wenn man Armin Tippner in seinem Hotel beobachtet, spürt man eine leichte Gespanntheit, wie sie Menschen eigen ist, die Gastfreundschaft verkaufen und damit auch ein wenig sich selbst. Manchmal weiß man nicht, ob ein Satz von ihm stammt oder von dem Geschäftsmann in ihm.

Das Hotel, das Armin Tippner seit fast 20 Jahren führt, liegt im Süden Berlins an einer vierspurigen Straße, stadtauswärts linker Hand, gleich neben der Aral-Tankstelle. 29 Zimmer auf drei Etagen auf 500 Quadratmetern. Zwei angestellte Rezeptionistinnen, drei Reinigungskräfte auf 450-Euro-Basis, Jahresumsatz 240.000 Euro. Hotel Süden, so steht es über dem Eingang in serifenlosen Leuchtbuchstaben, deren Schlichtheit sich im Innern spiegelt. Alles da, was man braucht, mehr nicht. An der Rezeption hängt eine Fotografie des Reichstags, die gläserne Kuppel in sattes Abendlicht getaucht. Das hier ist Rudow, der südöstlichste Zipfel Neuköllns, der rein gar nichts zu tun hat mit dem Flat-White-im-Vollbart-Neukölln weiter oben. Seit dem Mauerfall hat sich hier kaum etwas verändert.

Sein Großvater hat das Hotel gebaut, im Jahr 1965, als er schon ein ganzes Berufsleben als Bäckermeister hinter sich hatte. Wahrscheinlich, sagt sein Enkel heute, wurde in der Bäckerei öfter gefragt, wo man in der Nähe übernachten könne. Außerdem entstand wenige Kilometer weiter gerade die Gropiusstadt, jene West-Berliner Trabantensiedlung, die sich nicht wie ursprünglich geplant in der Fläche ausbreiten konnte, weil da plötzlich eine Mauer stand, und sich nun kantig in den geteilten Himmel stellte. Hier ist etwas in Bewegung, mag der Großvater gedacht und sein kleines Hotel in Sichtweite als eine Art Teilhabe empfunden haben.

Von Anfang an kamen vor allem Handwerker, die in Berlin auf Montage waren. Die meisten der Zimmer sind Monteurzimmer, 35 Euro die Nacht, Frühstück inklusive, das schon ab 6 Uhr morgens bereitsteht und natürlich im Blaumann eingenommen werden kann. Er könne die Preise nicht einfach anheben, sagt Tippner, die Firmen würden ihre Leute dann anderswo einquartieren. Ein nahe gelegenes Hotel habe es kürzlich versucht: Frühstück gestrichen, Parkgebühren drauf, jetzt ist es zu. Es übernachten aber auch Touristen bei Tippner. Amerikaner, Holländer, Russen, am Morgen haben zwei Posaunisten aus Brandenburg eingecheckt, die für ein Kirchenkonzert angereist sind. Für die Tunesier im zweiten Stock hat Tippner eine extra Wurstplatte vorbereitet, nur mit Putenbrust. Und die Wasserballer des ASC Duisburg, Stammgäste, dürfen im Sommer auch mal im Garten grillen, wenn sie ihren Lieblingsfeind Spandau geschlagen haben.

Die To-do-Liste hat kein Ende

Armin Tippner im Flur des Hotels, das sein Großvater gebaut hat © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Tippner muss sich was einfallen lassen, nicht nur für die Gäste, auch für die Mitarbeiter, denn gute seien schwer zu bekommen. "Ich bin nicht das Estrel", sagt er, "bei mir arbeiten keine Praktikanten für umsonst, nur weil mein Hotel einen Namen hat." Das Estrel von Ekkehard Streletzki liegt auch in Neukölln und ist dummerweise Deutschlands größtes Hotel. "Und jetzt baut der Streletzki auch noch seinen Turm, noch mal ein paar Hundert Betten mehr. Müsste auch nicht sein." Dafür hat Tippner den besseren Honig. Er kauft ihn bei einem Brandenburger Imker, jeden Monat ein Kilo, Linde, Wald oder was es eben gerade gibt. Weil der Honig schmeckt, aber auch, weil Tippner findet, dass sich die Kleinen gegenseitig unterstützen müssen.

Einfach ist es nicht. Trotzdem hofft er, bis jetzt meistens im Stillen, dass seine Tochter einmal für ihn übernimmt. Er würde ihr das Hotel verpachten, zum Familienpreis, so wie seine Eltern es ihm damals angeboten haben. Und wenn sie mal in den Urlaub will, würde er einspringen, so wie seine Eltern jetzt für ihn. Er würde seiner Tochter dann raten, weit wegzufahren, so macht er es auch: Sri Lanka, Kuba, Tansania. Er brauche den Abstand zum Hotel, sagt er, sonst blieben die Gedanken hier kleben.

Wenn Armin Tippner Spätdienst hat, so wie heute, wird er am Abend nicht mehr aus dem Wohnzimmerfenster gucken müssen. Dann hat er die Zimmer selbst gecheckt und, wenn nötig, das Licht ausgemacht. Spätdienst ist ihm am liebsten, weil er ausschlafen kann. Was nicht heißt, dass er am Vormittag nichts zu tun hätte: Zur Metro fahren, zum Baumarkt fahren, um 15 Uhr dann rüber ins Hotel, wo er seinen Kontrollgang macht: Toilettenpapier da? Mülleimer geleert? Dusche sauber? Glühbirnen in Ordnung? Sein dienstältestes Zimmermädchen braucht 22 Minuten pro Raum, da kann man schon mal was vergessen.

Ist ein Zimmer unvermietet, zieht Tippner den Stecker vom Fernseher, denn: "30 rote Punkte kosten mich auch 'nen Euro am Tag." Die Zimmermädchen nähmen das nicht ganz so ernst, sie müssten die Stromrechnung ja auch nicht bezahlen. Beim Rausgehen streckt er sich manchmal, wischt über die obere Türkante, wie ein Vorgesetzter über die Spinde seiner Soldaten wischt. "Berufskrankheit", sagt Tippner, mache er im Urlaub nicht anders, er will nämlich wissen, ob das Haus seine Sterne auch verdient habe. Zum Schluss noch der Blick in den Schrank. "Vielleicht hat ja jemand ein Bündel Fünfhunderter vergessen." 

"Die Zimmer kommen zuerst"

Nach dem Rundgang begibt sich Armin Tippner in den kleinen Raum neben der Rezeption. Hier sitzt er dann in seinem ledernen Bürostuhl, der mit seiner hohen Lehne und dem roten Streifen aussieht, als habe man ihn in einem Monstertruck abgeschraubt. Der voluminöse Kasten neben dem Schreibtisch ist die analoge Telefonanlage, daneben ein Blauer-Himmel-Palmen-Poster, Drucker, Stereoanlage. Vor dem Sofa macht sich ein Röhrenfernseher breit, der früher in Zimmer 53 stand, wo jetzt der Flatscreen aus Zimmer 58 steht, wo seit Kurzem ein nagelneuer steht, den Tippner rabattiert bei der Metro bekommen hat. Dass die alte Röhre jetzt bei ihm gelandet ist, ist nicht Zufall sondern Berufsethos: "Die Zimmer kommen zuerst", sagt er.

Die To-do-Liste in seinem Kopf hat kein Ende. "Wenn du einmal durch bist mit den Zimmern, fängst du wieder von vorne an." Und dann gibt es ja auch noch das Außengelände und das Treppenhaus. Neben dem Schreibtisch liegt ein Sack Blumenerde für die Tulpen im Vorgarten. Den langen Metallwinkel auf dem Regal wird er später mit Superkleber am Türrahmen anbringen, damit der Wäschewagen dort nicht immer gegendonnert.

Die meiste Zeit aber geht in die Buchhaltung, die papierne Rückseite selbst der anpackendsten Selbstständigkeit. Tippner kann das, nach der Schule hat er eine kaufmännische Lehre bei einer Telekommunikationsfirma gemacht, danach Volkswirtschaft studiert und schließlich im öffentlichen Dienst gearbeitet, zuletzt bei der Senatsverwaltung für Gesundheit. Dort beugte er sich über Bewilligungsbescheide. "Ich habe Fördergelder an Krankenhäuser verteilt, manchmal Millionen. Aber wenn ich heute einen Schein in der Hand halte, und sei es nur ein Fünfziger, fühlt sich das Geld anders an, echter." Er bereue den Schritt in die Selbstständigkeit nicht, habe er nie, obwohl er nach dem Wechsel zunächst weniger verdiente.

Kaufangebote hat er ausgeschlagen

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis zur südlichen Stadtgrenze Berlins. © Meiko Herrmann für ZEIT ONLINE

Hatte er denn überhaupt eine Wahl? "Das Hotel verkaufen, das mein Großvater im Schweiße seines Angesichts gebaut hat?" Sei für ihn nie infrage gekommen. "Ich weiß noch genau, wie er, 72 Jahre alt, auf der Leiter stand, um die Außenbeleuchtung anzubringen." Drei oder vier Kaufangebote hat Tippner ausgeschlagen, schließlich ist er hier aufgewachsen, in seinem alten Kinderzimmer ziehen sich heute die Zimmermädchen um, lagert die Bettwäsche. "Wie, du wohnst im Hotel?", fragten seine Mitschüler damals. Und wie zum Beweis lud er sie alle zur Klassenfete in den Frühstücksraum ein. Denkt er an seine Kindheit, hat er die Hotelchefin vor Augen, seine Mutter. Sie schmierte ihm das Frühstücksbrötchen, das er an dem Ausziehtischchen in der langlebigen, senfgelben Küche aß, während sie den Gästen Kaffee brachte. Sie war immer zu Hause, das schon, er war nie Schlüsselkind, musste sich nie selbst das Mittagessen aufwärmen, aber sie war eben immer beschäftigt, von sechs Uhr morgens bis zehn Uhr nachts, zwei Schichten gab es noch nicht. Seine Mutter war da wie die Großmutter, für die es nur eines gab, dafür drei Mal: "Geschäft, Geschäft, Geschäft".

Der Beruf der Eltern ist eine schwierige Sache, man hasst ihn, weil man mit ihm um die Aufmerksamkeit konkurriert, man respektiert ihn, zumindest lernt man es mit der Zeit, weil er einen ernährt. Weil er den ersten Italienurlaub möglich macht und den VW dazu, der südsonnengeheizt über den Brenner fährt, so weit weg von zu Hause, dass der Geruch schwitzender Butterbrote aus einer anderen Welt zu stammen scheint. Hat sich dieser Beruf in einem Gebäude manifestiert, kann man das Denkmal eigentlich nur abreißen, um sich aus seinem Schatten zu befreien. Oder man geht mitten hinein und stellt sich hinter den Tresen. So hat es Armin Tippner getan.

"Gibst du mir noch eins?"

Draußen ist es dunkel geworden. Das haben auch die Sensoren in den Leuchtbuchstaben bemerkt, die jetzt aufflackern: H-O-T-E-L. Nach und nach kommen die Handwerker zurück, in schweren Arbeitsschutzschuhen gehen sie an der Rezeption vorbei, grüßen ins Büro, wo Tippner jedes Mal seinen Kopf hebt, und verschwinden in ihren Zimmern. Die Dunkelheit verstärkt die Stille, die auf den Gängen liegt. Ab und an klappt das Geräusch einer dünnen Holztür durch den Hausflur mit dem gummierten Geländer und den Glasbausteinfenstern. Gegen neun schlappt ein Handwerker in Hausschuhen die Treppen hinunter zur Rezeption. "Gibst du mir noch eins?" Tippner federt aus dem Sessel zum Tresen: "Na klar." Er nimmt ein Berliner Kindl aus dem Kühlschrank, in dem auch die mit Folie überzogenen Käseplatten übernachten. "Macht eins fünfzig. 'Ne Stunde bin ich noch hier, falls du noch was brauchst." Manche Arbeiter kennt er schon eine Ewigkeit. Die beiden, die auf dem Flughafen BER arbeiten, wohnen seit vier Jahren wochentags bei ihm.

Um kurz vor zehn geht Tippner in den Keller. Er läuft rückwärts durch die flachen Räume, ohne seine Erläuterungen zur Qualität der Industriewaschmaschinen zu unterbrechen, mit denen er hier unten die Handtücher wäscht, zehntelsekundengenau duckt er sich unter Rohren und Leitungen hinweg. Man müsste das Hotel schon von Grund auf neu bauen, damit sich Armin Tippner hier drin eine Beule holt. Was er jetzt noch holt, sind die Frühstücksbrötchen aus dem Tiefkühler, damit sie nicht länger tauen als nötig. Als Letztes dreht er den hölzernen Würfelkalender an der Rezeption einen Tag weiter, bis Mitternacht liegt sein Hotel in der Zukunft.

Um 22 Uhr endet Armin Tippners Arbeitstag. Er schließt die gläserne Eingangstür ab, geht am Frühstücksraum vorbei, der im Dämmerlicht der Straßenlaternen auf den nächsten Morgen wartet und öffnet den Hinterausgang zum Hof. Er quert den Parkplatz mit den Autos, von denen keines aus Berlin stammt, dann tritt er durch die Lücke zwischen den Haselnusssträuchern aufs Nachbargrundstück. Die Gartenpforte lässt er offen.