Tel Aviv kennt keine Sperrstunde. © Jasmin Rozencwajg

Es gibt eigenartige Berufe. In Amsterdam etwa arbeiten Fahrradfischer – sie ziehen versenkte Räder aus den Grachten. Auf der Karibikinsel St. Thomas beschäftigt das Ritz-Carlton eine Art Kokosnusspolizei, die aufpasst, dass Hotelgäste nicht von den harten Früchten getroffen werden. Und in Tel Aviv arbeitet ein Nachtschwärmer.

Genau genommen sind in der Stadt, die keine Sperrstunde kennt, unzählige Nachtschwärmer unterwegs, aber dieser macht die Sache professionell. Ido Weil ist 36 Jahre alt, schlaksiger Typ, schwarzes T-Shirt, Jeans, coole Sneakers, und er ist Night Crawler. Ein Nachtschwärmer mit eigener Firma und eigener Internetseite. Ido ist eine Institution, wenn es um die Bars und Kneipen der Gegend geht. Und er ist buchbar. Seit acht Jahren veranstaltet er Touren durchs Nachtleben, zeigt vor allem Touristen die Möglichkeiten dieser Stadt. Nun also sind wir seine Gäste.

Zum Auftakt gibt es erst einmal einen Hafouch. Die israelische Variante des Cappuccino genießt man in einem der Kioske auf dem Rothschild-Boulevard. Wer dabei an schmuddelige Buden denkt, liegt daneben. Diese Kioske sind herausgeputzte Cafés, oft mit duftenden Snacks und Dutzenden von Kaffeesorten. Donnerstagnachmittags trifft man sich hier nach Büroschluss und verabredet sich für den Abend. Auch wir. Ido verrät dabei gleich sein Berufsgeheimnis: "Bloß nicht durcheinandertrinken, iss am Morgen danach, so viel du kannst, trink vier Gläser Wasser, und ab ins Bett." Wir danken für den Tipp, Ido muss es wissen, er ist Profi.

"Der Rothschild", wie er von den Bewohnern Tel Avivs genannt wird, ist eine von dicken Akazien gesäumte Allee, die sich vom Nationaltheater Habima im Norden bis Neve Zedek zieht. Um uns herum schwirren durchgestylte Städter auf Elektrorädern, Elektrorollern oder futuristischen Gehhilfen mit zwei Rädern. Auf den beiden Seiten des Boulevards reihen sich Bars, Restaurants, Cafés und Kneipen aneinander, oft in aufwendig renovierten Bauhausgebäuden. Es ist die Ausgehmeile der Stadt, die übersetzt "Frühlingshügel" heißt. Hoch zu Ross beobachtet der legendäre erste Bürgermeister, Meir Dizengoff, als Statue das Treiben. Wohlwollend das bronzene Lächeln – es scheint ihm zu gefallen, was er sieht.

Tel Aviv gilt als Metropole der Moderne, Kreativität und Aufgeschlossenheit. Doch die Stadt hat auch ein anderes Gesicht – ein altes, das Ido uns zeigen will. Wir nehmen die Schuhe in die Hand und stapfen am Meer entlang. Wind ist aufgekommen und lässt die Wellen steigen. Ihr Brett unter dem Arm, laufen Surfer mit breiten Schultern und Boardershorts an uns vorbei und werfen sich in die Fluten. Vor uns tut sich das Historische auf: Jaffa, das arabische Fischerdorf auf dem Hügel neben der Großstadt.

Dieser Artikel stammt aus "ADAC Reisemagazin" Nr. 163.

Unterwegs erzählt Ido von einer kuriosen Liebesgeschichte. Es ist die von jungen Deutschen und Tel Aviv. "Ich habe es anfangs kaum verstanden. Aber dann traf ich immer mehr Leute aus Berlin, Hamburg und München, die sich bei ihrem ersten Besuch unsterblich verliebt hatten. In die Stadt, die Vibes, die Leute. Viele sagen, sie fühlten sich hier frei, und kommen dann immer wieder. Wenn man die gemeinsame Geschichte unserer Länder bedenkt, ist das irgendwie rührend."

An der renovierten Hafenmole in Jaffa kehren wir bei Mahmoud ein. Im Fischlokal The Old Man and the Sea muss man gewesen sein. Allein schon wegen der kunterbunten nahöstlichen Salatim, die alle Geschmacksnerven kitzeln. Die Vielfalt der Salate bedeckt den kompletten Tisch: eingelegte Karotten mit Cranberry, Rucola an roten Zwiebeln, scharfer Tomatensalat in Dill. Mahmoud hat mit zehn Varianten begonnen, heute sind es 23, und er entwickelt ständig neue. Er zwinkert: "Damit mir nicht langweilig wird." Im Old Man sieht es nicht nach Langeweile aus, stattdessen gibt es eine Lektion in Koexistenz: Neben arabischen Familien sitzen Hipster aus dem Stadtteil Florentin und Touristen aus allen Ecken der Welt.

Die Skyline von Tel Aviv © Jasmin Rozencwajg

Die untergehende Sonne taucht den Himmel in sattes Orange. Ido streckt sich auf seinem Stuhl. Die Nacht lässt er mit einem Cocktail im Container beginnen. Nippend schauen wir auf die Netze und schaukelnden Boote der Fischer. Der Container ist Veranstaltungshalle, Bar und überraschend gutes Restaurant in einem, an den Wänden hängen Werke junger israelischer Künstler. Später spazieren wir durch die jahrhundertealten Gassen über den Hügel zum Flohmarkt. Dort, wo tagsüber Trödel verkauft wird, geht man am Abend aus. In drei oder vier engen Straßenzügen haben sich Dutzende von Lokalen angesiedelt. Das erste am Platz war das Puaa, das sich stetig erweitert und seine Einrichtung vom Flohmarkt bezieht. Die Akbar ist angesagt und bietet häufig Livemusik. Die beste Stimmung aber herrscht unter den bunten Lichterketten auf der Straße.