Am Anfang sprachen wir nicht darüber. Aber über alles andere, wie es Freundinnen eben tun. Nur dieses eine Thema ließen wir aus. Ließ ich aus. Weil ich mich schämte und Angst davor hatte, womöglich etwas Falsches zu sagen oder zu fragen. Mich als jemand zu entlarven, der trotz zahlloser Geschichtsstunden nichts verstanden hatte. Wir hatten einander gerade erst gefunden, und ich wollte die Leichtigkeit der ersten Monate nicht belasten. Wenn ich jetzt zurückblicke, hätte ich sie viel früher fragen sollen. Sie war schließlich die erste Jüdin, die ich in meinem Leben kennenlernte.

Saskia und ich haben uns vor sechs Jahren in Berlin getroffen. Wir waren Mitte zwanzig und zogen zusammen um die Häuser. Nach unserem ersten gemeinsamen Jahr ging sie nach Stockholm. An einem Wochenende besuchte ich sie dort. Wir liefen durch die Stadt, in der sie aufgewachsen war. Vorbei an ihrem ehemaligen Wohnhaus und ihrer Grundschule, vorbei an der Parkbank, auf der sie ihren ersten Kuss bekommen hatte. Am Ende des Spaziergangs standen wir vor der großen, alten Synagoge aus hellem Sandstein, in der sie ihre Bat Mizwa gefeiert hatte. Da überwand ich mich: "Was bedeutet das eigentlich für dich, jüdisch zu sein?" Sofort breitete sich diese Unsicherheit in mir aus.

Wenn ich an Juden dachte, dachte ich nicht an Saskia, sondern an den Holocaust und die deutsche Schuld. Ich dachte an namenlose, ausgemergelte Körper, die in langen Schlangen standen oder mit aufgerissenen Mündern auf riesigen Haufen lagen. An Millionen Menschen, die es nicht mehr gab, und an das ewig große Warum. Über die Jahre, in der Schule und an der Universität, hatte ich nach Antworten gesucht, war aber immer wieder an der Wucht der Grausamkeit gescheitert.


"Jüdischsein heißt für mich, Teil einer Gemeinschaft zu sein", antwortete Saskia. "Ich bin nicht gläubig, aber ich mag die Rituale und Traditionen meiner Familie. Das jüdische Essen, das meine Mama kocht, die Feiertage und die jiddischen Wörter, die wir benutzen. Wie meschugge." Sie lachte ihr hell glucksendes Saskia-Lachen. Dann überlegte sie kurz: "Es bedeutet aber auch, anders zu sein. Zu lernen, das Anderssein auszuhalten. Vor allem in Europa und hier in Stockholm. Auf der Straße werde ich bis heute auf Englisch angesprochen, weil keiner glaubt, dass die kleine, dunkelhaarige junge Frau Schwedin ist." Jüdischsein war für Saskia Alltag und Gegenwart, ich hing noch in der Vergangenheit fest. Wir setzten uns auf eine grüne Holzbank vor der Synagoge und schwiegen. Meine Füße zogen Kreise im Staub. Sie rauchte eine Zigarette.  

Angriffe auf Juden in Berlin

"Ich fühle mich immer merkwürdig, wenn ich das Wort Jüdin laut ausspreche", sagte ich schließlich in diese Stille, ohne Saskia anzusehen. "Du bist Jüdin ist für mich keine objektive Feststellung oder Beschreibung, sondern ein Angriff. Als würde ich mit dem Finger auf dich zeigen und dich beleidigen wollen." Wieder schossen mir grausame, schwarz-weiße Bilder durch den Kopf. 
"Aber wieso? Das ist doch, was ich bin", sagte sie und zog die Stirn kraus. Diese Unterhaltung gefiel ihr nicht. Sie war ihr unangenehm, weil ich sie unangenehm gemacht hatte und stur auf den Boden blickte. "Du weißt schon, dass du mich alles fragen kannst, oder?" schob sie hinterher, stieß mich mit dem Ellenbogen in die Seite und zwang mich, sie anzusehen.

Die Jüdin hatte längst gelernt, sich zu artikulieren. Die Deutsche suchte immer noch nach einer Haltung, einer Sprache, nach den richtigen Worten und den richtigen Fragen. 
"Spielt es für dich denn eine Rolle, dass ich deutsch bin?" fragte ich sie und ohrfeigte mich innerlich für diesen Egoismus. Ich wollte freigesprochen werden von den historischen und kulturellen Bindungen, die mich so fest einschnürten.
 
"Darüber habe ich noch nie nachgedacht", sagte sie. "Nein, es spielt keine Rolle. Was uns verbindet, ist doch unser Verstand, nicht unsere Herkunft. Ihr Deutschen seid bei diesem Thema völlig meschugge. Ihr müsst in Therapie! Endlich eure verrückten Ängste und Sorgen in den Griff kriegen."


Sie hatte ja Recht. Meine Angst, antisemitisch zu klingen. Meine Angst, zu deutsch zu sein. Meine Angst, dass vielleicht doch zu viel zwischen uns stand. Gleichzeitig widersprach Saskia allem, was ich gelernt hatte. Mit der Erinnerung zu leben, die diese Unsicherheit nährt. Sie zu pflegen wie eine kostbare Pflanze und sie vor dem Staub der Jahrzehnte zu beschützen. Das musste doch selbstverständlich sein, wenn man als deutsches Kind auf die Welt gekommen ist.


Anfang dieses Jahres telefonierten wir mal wieder, und ich erzählte ihr von den Angriffen auf Juden in Berlin. Natürlich hatte Saskia hier auch Antisemitismus erlebt. Hatte sich sagen lassen, dass sie bestimmt eine gute Verkäuferin wäre, weil Juden doch so gut mit Geld umgehen können. Hatte sich sagen lassen, dass sie wohlhabend, also jüdisch aussah. Und selbstverständlich ärgerten sie solche Bemerkungen. Einmal war sie in einem Schwimmbad in Berlin-Mitte gewesen. Außer ihr waren nur deutsche Rentner in der Halle. Sie hatte einen Augenblick gezögert, das Becken zu betreten, weil sie sich nicht sicher war, ob sie das Wasser tatsächlich mit der ehemaligen Hitlerjugend teilen wollte. "Das sind aber alles keine Gründe", sagte sie, "warum du und deine Generation mit Schuldgefühlen durchs Leben gehen solltet. Die deutsche Geschichte liegt nicht in deiner Verantwortung. Deine Verantwortung ist es, dich zu bilden, zu wissen, was um dich herum passiert, wachsam zu sein, es heute, aber vor allem morgen besser zu machen."