Wir wissen viel zu wenig über China – deshalb befasst sich ZEIT ONLINE in einem Schwerpunkt mit dem Land. Auftakt war ein Porträt über Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping

Als Expat aufzuwachsen, losgelöst von allem, was sonst Heimat bedeutet, frei schwebend zwischen Kulturen und geografischen Fixpunkten, bedeutet: kein Zuhause zu haben. Als ich ein Jahr alt war, zog meine Familie aus der Schweiz nach Hongkong, wo mein Vater für eine Handelsfirma arbeitete. Ich besuchte in Hongkong den Kindergarten und die Grundschule – doch seitdem war ich nicht mehr dort. Die Sonne, die Gerüche und die Betonschluchten sind so tief in mir verankert, dass mir europäische Städte kalt und leer vorkommen. Allerdings ist mir Hongkong auch fremd, als Expat lernt man die lokale Sprache selten und meine Schulfreunde sind alle wieder in Australien, Holland oder Amerika. Es ist seltsam, Kindheitserinnerungen an einen Ort zu haben, den man nie wieder gesehen hat, als gäbe es das alles nur in meinem Kopf.

Ein Foto aus der Zeit zeigt mich an der Hand meines Vaters vor unserem Haus. Ich muss im Kindergarten gewesen sein, mein Vater trägt Anzug. Das Haus ist ganz weiß, dahinter die Berge von Lantau, wo mir mein Vater beim Wandern zeigte, wie man sich die Nase mit einem Blatt putzt, weil er die Taschentücher vergessen hatte. "Wie die Indianer", sagte er. Mit Federn auf dem Kopf rannten mein Freund Oliver und ich durchs Haus und sprangen auf dem Sofa herum, bis meine Mutter mir mein Tomahawk wegnahm. Neben dem Sofa war die kleine Treppe zur Wohnküche, unter der meine Eltern an Ostern ein Spielzeugauto mit Big Bird aus der Sesamstrasse versteckten. Von dort aus führte eine größere Treppe aus dunklem Holz ins Obergeschoss, wo meine Eltern schliefen und wo das Bad war, dessen Spiegel mir das erste Bild von mir selbst zeigte, an das ich mich erinnern kann. Weiß-blonde Haare, rote Hände, zerschnitten von der Rasierklinge meines Vaters, in die ich gegriffen hatte.

Dieses Haus war für mich wie das letzte Stück von einem Puzzle, das die großen pubertären Fragen beantwortet: Wer bin ich, woher komme ich? Seit dem Abi plante ich zurück nach Hongkong zu fahren, um mir diese Stadt anzusehen, diesen Sehnsuchtsort, der in mir liegt. Immer kam etwas dazwischen, meist mein Kontostand. Doch vergangenen Dezember habe ich es endlich geschafft. Nach zwanzig Jahren erwartete ich eine Katharsis, was man sich halt so erhofft, wenn man die Vergangenheit konfrontiert: dass man versteht, weshalb man ist, wie man ist, dass man mit sich ins Reine kommt und mit der Vergangenheit Frieden schließt.

Hongkong ist ein seltsamer Ort, die stadtgewordene Expatverlorenheit, zwischen globaler angelsächsischer und lokaler chinesischen Kultur zerrieben. Eine Stadt, auf verstreuten Inselchen vor China, die so bergig sind, dass man auf ihren steilen Hängen fast nicht bauen kann. Die Stadt entstand aus einem Krieg, sie ist eine koloniale Kopfgeburt.

Im 19. Jahrhundert kauften die Chinesen nichts von den Europäerinnen und Europäern , sie waren wenig interessiert an der Welt außerhalb des Reichs der Mitte. Das machte die Britinnen und Briten ziemlich sauer, aber sie fanden schnell ein Produkt, das sich in China ausgezeichnet absetzen ließ: Opium. Die Droge flutete das Reich der Mitte und machte Millionen Menschen abhängig. Als die chinesische Regierung gegen das Opium vorging, indem sie einige Ladungen konfiszierte und verbrannte, erklärte Großbritannien China den Krieg. Die Britinnen und Briten gewannen den Opiumkrieg und drückten den Chinesinnen und Chinesen 1842 den Ersten der sogenannten Ungleichen Verträge auf, die die chinesische Regierung noch heute beklagen. Der Vertrag verschaffte den Briten große Handelsvorteile und schlug ihnen eine Insel bei der Mündung des Pearl Rivers zu – daraus wucherte Hongkong.

"Hier löst sich das westliche Ego in der Masse auf wie ein Tropfen Tinte im Meer." © Caspar Shaller

Als ich in Mongkok in Kowloon aus der U-Bahn steige, werde ich vom Strom der Fußgänger und Fußgängerinnen mitgerissen. Mongkok gehört zu den Vierteln mit der höchsten Bevölkerungsdichte der Welt. Hier löst sich das westliche Ego in der Masse auf wie ein Tropfen Tinte im Meer. Vom ersten Schritt an, beim ersten Atemzug der schwülen Luft fühle ich eine seltsame Verbundenheit. Alles ist vage vertraut, wie aus einem Traum, den ich vergessen habe, an jeder Ecke lauert ein Déjà-vu. Die neonübersäte Fassade eines Casinos beleuchtet kleine Zelte, in denen Wahrsagende Hände, Karten oder Gesichter lesen. Alte Männer spielen im Hof eines Tempels Schach, aus dessen Tür so viel Weihrauch dringt, dass man beim Vorbeigehen husten muss. Am Rollo eines Ladens hängen Mercedes, Luxusyachten, ganze Villen mit Pool, alles aus Papiermaschee. Man kann iPhones und Rolex-Uhren kaufen, sogar ganze Bündel Banknoten. Man soll sie verbrennen, um sie den verstorbenen Ahnen im Jenseits zu schicken. Aus allen Ecken quillt Essen, kleine Plastiktische verrammeln die Gehsteige, alle paar Schritte schmeckt die Luft anders, nach Nudelsuppe, Frittieröl, Fisch oder portugiesischen Eiertörtchen. In Kellern verstecken sich ebenso Restaurants wie in oberen Stockwerken, nur erkennbar an den Neonschildern, die so dicht an die Hochhäuser gehängt sind, dass sie fast ein leuchtendes Dach über der Straße bilden. Deswegen habe ich in Europa immer das Gefühl, dass die Straßen so leer sind, die Häuser so tief und die Luft so fade ist.

In Central, der Downtown, eilen gestresste Westlerinnen in engen Anzügen wütend telefonierend durch die engen Straßen, fast werden sie von gelben Ferraris zermalmt, die gefüllt sind mit Louis-Vuitton-Handtaschen, Schachteln französischer Macarons und anderem zur Schau gestelltem Luxus. Der außer Kontrolle geratene Immobilienmarkt pumpt dystopische Hochhäuser Stockwerk um Stockwerk in die Höhe. Sie stehen so nah beieinander, dass man die Wäsche, die gegenüber aus dem Fenster hängt, gleich selbst abnehmen könnte.

Als ich am Sonntag durch die Innenstadt spaziere, steht alles still. Die philippinischen Hausangestellten haben übernommen. Die Frauen, die diese Stadt am Laufen halten, putzen, den Einkauf erledigen, die Kinder versorgen, diese Frauen erobern sich an ihrem einzigen freien Tag in der Woche den öffentlichen Raum. Selbst das offene Foyer der Großbank HSBC ist mit Pappe ausgelegt, aus der die Philippinerinnen kleine Abteile gebastelt haben, in denen sie picknicken, Karten spielen und manchmal nur dösen. In den Gassen zwischen den Luxusshoppingmalls führen sie vor Jurys traditionelle Tänze auf, über ihnen glänzen die Logos von Prada und Gucci.