Als ich aufstehe, glaube ich noch, mein Zittern käme von der Kälte. Um kurz vor Mitternacht klopft Francis an meine Tür und flüstert durch das Holz: "Come on, brother." Ich schäle mich aus meinem Schlafsack und klappere sofort mit den Zähnen. So schnell es geht, ziehe ich mich an. Zuerst die dünne Hose, darüber die dicke, dann Hemd, Pullover, Flies und Winterjacke. Zwei Paar Socken und rein in die Stiefel. Aber als ich zum Schluss die Wollmütze aufziehe und die Stirnlampe daran festmache, zittere ich heftiger als zuvor. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe.

Saddle Hut, 3.550 Meter. Fünf Stunden durch die Nacht von hier bis zur Spitze des zweithöchsten Berges Tansanias: Mount Meru. Wie ein gigantischer Eierbecher, an dessen Rand sich ein paar kantige Reste Schale zum Gipfelgrat auftürmen, steht der 4.565 Meter hohe Vulkankrater in der Savanne – in Sichtweite des etwa 70 Kilometer entfernten Mount Kilimandscharo. Von dessen Spitze blickt man bei Sonne unweigerlich auf das zackige Profil des Meru. Umgekehrt schaut man immer auf die sanft ansteigenden Hänge des Kili. Die beiden Gipfel sind für immer ein Paar, wenn auch ein ungleiches. Während jedes Jahr rund 35 000 Bergsteiger aus aller Welt über die Flanken des Kilimandscharo klettern, um einmal auf dem Dach Afrikas zu stehen, kommen viel weniger zum Meru.

Bergführer Francis © Kalle Harberg

Ich bin einer davon. Zwar habe ich nahezu null Erfahrung als Bergsteiger, aber Francis hatte mir versichert, dass man für das Vordach Afrikas keine großen technischen Kletterfähigkeiten brauche. Vom Tor des Nationalparks zu Füßen des Meru bis zu seinem Gipfel sei es nur eine dreitägige Wanderung – wenn auch eine sehr anstrengende. Also fuhren meine Bergführer Francis, Dennis und ich mit einem Wagen von Arusha, der Großstadt im Norden Tansanias, durch dichten Regenwald bis zum Tor des Parks, luden auf dem Parkplatz unser Gepäck aus, und schlossen uns spontan mit der Gruppe einer anderen Bergsteigerin zusammen: Melissa war schon als Krankenschwester in Sambia, Sierra Leone, im Kongo und neun Monate mit der Navy in Afghanistan, bevor sie jetzt drei Monate mit Krebspatienten am Victoriasee arbeitete. Zum Abschluss ihrer Reise will die Amerikanerin den Meru bezwingen – weil sie wie ich von seinen atemberaubenden Hängen gehört hat.

Wie eine Szene aus "Jurassic Park"

Kurz hinter dem Parkplatz wurde unsere Entscheidung für Tansanias Nummer zwei das erste Mal belohnt. Auf einem großen Plateau im Dschungel des Parks graste eine Gruppe Giraffen, und als sie uns bemerkten, drehten sie sich nicht weg, sondern schwangen sich langsam in unsere Richtung, bis sie uns auf der anderen Seite eines Baches fast gegenüber standen. Es war wie eine Szene aus Jurassic Park. Höchst ungewöhnlich sei das, sagte Joseph, normalerweise blieben die Tiere weiter weg. Damit sie nicht zu nah kommen, hat der 53-Jährige ein altes Gewehr Modell Mauser über die Schulter geschlungen: Er ist Melissas und mein Nationalparkranger, der uns im Notfall vor wilden Tieren auf den Hängen des Meru – vor allem aggressiven Wasserbüffeln, die bis auf 3.800 Meter klettern – schützen soll.

Mehr als hundert Mal stand Joseph schon auf dem Gipfel des Meru. Als er hier vor dreizehn Jahren als Ranger anfing, sei viel mehr los gewesen – "vielleicht fünfzig Bergsteiger am Tag!". Die meisten seien gekommen, um sich mit einer Besteigung des Meru für den Kilimandscharo zu akklimatisieren und vor der Höhenkrankheit zu schützen, die selbst erfahrene Kletterer schon ab 2.500 Meter außer Gefecht setzen könne. Dann habe die tansanische Regierung die Gebühren zur Besteigung des Kili angehoben, um den Berg von den Horden internationaler Bergsteiger zu entlasten – aber das Gegenteil sei eingetreten. Immer mehr Kletterer gehen direkt zum Kilimandscharo und sparen sich wegen der höheren Kosten den Meru. "Kili ist berühmter", erklärte Joseph, "aber dieser Berg ist schöner."

Als wir um halb eins am Morgen des dritten Tages die Saddle Hut verlassen, fühle ich mich auf einmal euphorisch. Die Bedingungen für die Gipfelbesteigung sind perfekt: Die Nacht ist windstill, der Mond strahlt, und auch mein Zittern hört auf, sobald wir loslaufen. Aus dem dichten Regenwald ist eine steinige Mondlandschaft geworden. Das Licht meiner Stirnlampe fällt auf die knorrigen Büsche am Rand des Pfades, auf die grauen Falter, die von ihren Zweigen flattern, und vor allem auf den Rücken von Francis. Er trägt ein dunkelgrünes Sakko, mit dem ich nicht einmal an einem schattigen Herbstabend das Haus verlassen würde. Dennis, der hinter mir läuft, ist nicht viel dicker angezogen und als meine Lampe nach einer schwierigen Passage, während derer wir uns an einer Reihe Metallketten über einen abschüssigen Hang hangeln mussten, den Geist aufgibt, bietet er mir auch noch seine an. Nein, nein, sagt Dennis, er brauche sie nicht. "Das hier ist unser Büro."