Zwischen meinem 20. und meinem 25. Lebensjahr bin ich etwa 200 Menschen begegnet, von denen ich nicht wusste, ob sie am Tag darauf noch am Leben sein würden. Ich hatte sie zuvor nicht getroffen und traf sie auch danach nie wieder, nur in diesem schmalen Zeitraum von vielleicht 30 oder 40 Minuten, in denen sie sich in größter Not befanden: Sie waren vom Garagendach gefallen, mit der Hand in den Häcksler gekommen, angeschossen, vom Trecker überrollt, vom Hund gebissen oder vom Schlag getroffen worden, asthmatisch, tachykard, komatös, mit dem Auto verunglückt oder in eine Schlägerei geraten. Einem hatte jemand in einer Dorfdiskothek mit bloßen Fäusten den Schädel zertrümmert, einen Teil der Atemluft sog der Verletzte nun in einen Hohlraum seines Oberkiefers. Ein anderer hatte seinen Tresor aufschweißen wollen, weil er die Kombination nicht mehr kannte, darin lagerte allerdings neben dem Familienschmuck, warum auch immer, jede Menge Schwarzpulver. Als ich ihm für jene schicksalhafte halbe Stunde begegnete, sah sein Gesicht aus wie eine abgebrannte Taufkerze. Er blickte mich aus brauen- und wimpernlosen Augen an und nannte mich "Jesus Christus".

Dabei war ich nur Rettungshelfer beim Roten Kreuz. Mein Arbeitsplatz war ein Krankenwagen, ich stand neben der Trage. Ich zog Spritzen auf, legte Druckverbände an, massierte Herzen. Manchmal hielt ich Hände. In einem der Schränke befand sich ein Teddybär in Plastikfolie. Für den Fall, dass einmal ein Kind auf der Trage liegen sollte.

Eigentlich wollte ich meinen Zivildienst auf einer Vogelschutzwarte an der Nordsee leisten. Gegen die Bundeswehr hatte ich mich weniger aus wohlreflektiertem Pazifismus entschieden als aus Angst vor korpsgeistbedingter Verniemandung. Doch drei Wochen vor Dienstbeginn hatte der freundliche Ornithologe auf Langeoog natürlich keine Stelle mehr frei. Wer sich, wie ich, zu spät kümmerte, der musste für die kommenden 13 Monate im Altenheim arbeiten, auf der urologischen Station des Kreiskrankenhauses oder eben beim Roten Kreuz.

Was sollte schon passieren?

Ich hatte in meinem Leben noch keinen Rettungswagen von innen gesehen, auch war es in meiner Familie bis dahin nicht zu Notfällen gekommen, die eine Blaulichtfahrt erforderlich gemacht hätten. Opa hatte zum Arzt stets ein Taxi genommen und sich zuvor noch ausgehfein gemacht. Ich kannte nur die Sanitäter, die bei den Bundesjugendspielen unter einem Sonnenschirm an der Weitsprunggrube saßen, die Ärmel ihrer weißen T-Shirts bis zu den Achseln hochgekrempelt, und zuweilen einen verstauchten Knöchel kühlten. Das versprach eine einigermaßen geruhsame Dienstzeit.

Als ich mich Mitte August des Jahres 1998, kurz nach meinem 20. Geburtstag, auf der Rettungswache dem Chef vorstellte, lag in einer anderen Ecke des Raumes ein Sanitäter auf dem Sofa und schlief, ein anderer spielte Solitär auf dem PC, ein dritter rauchte und las den Kicker. Ich hatte keinerlei Bedenken. Wie oft fanden Bundesjugendspiele statt, und was sollte dabei schon Schlimmes passieren?

Zwei Wochen später trat ich meinen Dienst an. Ich bekam eine abgetragene rote Jacke ausgehändigt, Sicherheitsschuhe, einen Satz weiße Hosen und Hemden, die ich bei nächster Gelegenheit bis zu den Achseln hochzukrempeln gedachte. Ein altgedienter Kollege, den sie nach dem gleichnamigen Film mit John Wayne "Hondo" nannten, weil er einmal mit Reitstiefeln zur Arbeit erschienen war, zeigte mir den Fernsehraum, die Kaffeemaschine (50 Pfennig pro Tasse), die Garage. Doch kaum dort angelangt, fing Hondo an zu piepen: Sein Transponder hatte angeschlagen, Einsatz für den Rettungswagen 60-41.

Ein weiterer Kollege kam in routinierter Eile herbeigesprintet, Hondo schob mich ins Fahrerhaus. "Dann erlebst du gleich mal, was hier los ist, Junge", sagte er noch und begann, mit der Leitstelle zu funken. "Verkehrsunfall an der Bundesstraße 214, Ortsausgang Wetschen, drei Verletzte", hörte ich es aus dem Gerät knarzen, dann drückte mich die Beschleunigungskraft in den Sitz. "Anschnallen", brüllte Hondo durch den Lärm des Martinshorns, der andere Kollege zog sich Gummihandschuhe an. War ich nicht eben noch ein Schulkind gewesen? Was war die schlimmste Verletzung, die ich in meinem Leben gesehen hatte? Ich dachte an das Nasenbluten des Nachbarsjungen, ich hatte ihm einen Fußball ins Gesicht geschossen. Wir mussten beide weinen, er vor Schmerz, ich vor Reue. Wohin fuhren wir jetzt? Was um alles in der Welt würde ich zu sehen bekommen?

Am Abend dieses ersten Arbeitsstages saß ich stumm am Küchentisch. Auf die Frage meiner Eltern, wie es gewesen sei, hatte ich keine Antwort. Das zerstörte Auto, drei Menschen im Graben neben der Straße, jammernd, blutend, mit verrenkten Gliedern, Hondos besudeltes Hemd, seine Ungerührtheit, mit der er hinterher den Rettungswagen reinigte, pfeifend, Witze erzählend, als wische er einen beliebigen Flur. "Ich kann da nicht mehr hingehen", sagte ich zu meinen Eltern. "Ich will nicht."