Es ist nur eine Mutmaßung, aber wahrscheinlich haben sich am Donnerstagmorgen gegen viertel nach sieben alle Franzosen, die die sogenannte Matinale des Radiosenders Europe 1 hören, vor Lachen an ihrem Frühstückscroissant verschluckt. Vielleicht war es auch schon am Vortag vor ihrem Laptop passiert oder an einem der vorherigen vor dem Fernseher. Denn dort, in Radio, Fernsehen und online, zirkuliert seit dieser Woche eine Nachricht, die so unglaublich klingt, dass man nur über sie lachen kann: Die französischen Metzger fühlen sich von den französischen Veganern bedroht und haben solche Angst, dass die Französische Vereinigung der Metzger-Fleischer (Confédération Francaise de la Boucherie-Charcuterie, Traiteurs) den Innenminister, Gérard Collomb, vor einigen Tagen in einem offenen Brief um Polizeischutz gebeten hat.

Man muss sich das kurz bildhaft vorstellen: Da spritzen draußen vor der Metzgerei ein paar Veganer mit "falschem Blut" (sicher Rotebeetesaft) um sich und brüllen "Mörder" und drinnen sitzen die rotbackigen, rundbäuchigen Metzger zwischen Schweinewürsten, umklammern zitternd ihr Schlachtermesser und beten leise, dass diese Brokkoli-Extremisten schnell wieder verschwinden mögen.

Also wirklich, liebe Französinnen und liebe Franzosen, dachte man sich da, das ist doch wohl ein Scherz? Offenbar nein. Offenbar marschieren tatsächlich seit einigen Monaten vegane Guerillatrupps durch die französische Provinz und attackieren Metzgereien. Mal indem sie die Ladenfronten mit dem besagten falschen Blut bespritzen und mit Antifleischslogans besprühen. Oder auch ganz einfach, indem sie die Scheiben mit dicken Steinen einschlagen, so wie man das in Frankreich ja ganz gerne macht, wenn man etwas nicht gut findet und nicht weiß, wie man sich sonst verständigen soll. Allein im April fielen im französischen Norden immerhin acht Metzgereien und sogar eine Poissonnerie (!) den "Veganisten" zum Opfer. Erst in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wurde ein Fleischerladen in Angers mit "Fleisch ist Mord. Die Kunst des Mordens" beschmiert. Und als im März dieses Jahres während des islamistischen Angriffs auf den Super-U-Supermarkt von Trèbes ein Metzger getötet wurde, ging eine militante Veganerin sogar so weit, auf Twitter zu schreiben, sie habe keinen Funken Mitleid, immerhin sei hier einfach nur ein Mörder von einem Terroristen ermordet worden, wozu also die Aufregung, das sei doch nur gerecht. Wenn eine schon so weit geht, meinten die verängstigten Metzger, was kommt dann wohl als nächstes?

Was macht man mit dem Käse danach?

Und offenbar fragen sich das nicht nur sie. In einer Radiosendungen sprach einer allen Ernstes vom Veganismus als "mal du siècle", als Übel des Jahrhunderts, in einer ziemlich rechten Zeitschrift schrieb ein Historiker schon vor Monaten alarmiert, der Veganismus sei ein "alimentärer Faschismus" und die Veganer hielten sich für "die Guten". Überhaupt scheint sich Veganismus in Frankreich ganz gefährlich auf Extremismus zu reimen. Das mag im Falle dieser Vandalen auch stimmen. Nur sollte man doch, bevor jetzt alle durchdrehen und die Debatte zu einer politischen Angelegenheit machen, was natürlich kommen wird, weil in Frankreich alles, was man tut, als eine politische Positionierung angesehen wird, kurz sehen, wo die eigentliche Überraschung liegt: Nämlich darin, dass es diese Hardcoreveganer in Frankreich überhaupt gibt. In Amerika: Klar. In Deutschland: Warum auch nicht.

Aber in Frankreich? Was essen denn die Leute hier? Schließlich weiß jeder, der schon einmal mehr als einen Tag in Frankreich verbracht hat, dass sich erstens fast alles ums Essen dreht, zweitens all die fantastischen Rezepte der französischen cuisine Fleisch beinhalten, und drittens, dass auch die wenigen ohne Fleisch mit so viel Butter angemacht werden, dass Veganer vor Ekel schreiend davonlaufen müssten. In einem klassischen französischen Restaurant kann man als Veganer kaum etwas außer Salat und ein paar frites essen, und auch bei Abendeinladungen wird so gut wie nie etwas Fleischloses serviert. Überhaupt ist Fleisch ja nicht das einzige Problem: Was macht man mit dem Käse danach? Und, viel schlimmer: Was ist mit den köstlichen Profiteroles? Das Leben hier muss für den motivierten Veganer ein Albtraum sein.

Und damit wären wir auch schon bei der Entwarnung der ganzen Angelegenheit angelangt: Denn die Anzahl von Veganern plus Vegetarier beträgt in Frankreich, auch wenn sie tatsächlich zunimmt, auch wenn die Peta das Jahr 2017 als "Jahr des Veganismus in Frankreich" ausgerufen hatte, zusammengerechnet unter 5 Prozent. Das ist nicht besonders viel. In Deutschland sind es mindestens doppelt so viele. Deshalb sollten die Metzger, so ärgerlich und dämlich dieses Scheibeneinwerfen und Mit-Saft-Rumspritzen auch ist, statt Hilferufe an die Nation auszusenden, sich vielleicht einfach mal zurücklehnen, ein paar Scheiben Saucisson abschneiden und entspannen. Denn ihnen geht es in diesem Land weitaus besser als ihren Gegnern.