Seit gut einem Jahr ist meine Wohnung, sind meine Hemden und Jeans, ist mein Leben mit einer Schicht bedeckt, die kaum zu definieren ist. Am besten sieht man sie bei schräg einfallendem Sonnenlicht, sie ist breiig, oft feinkörnig und bildet, einmal getrocknet, eine erstaunlich feste Kruste. Die Farbe variiert von Toastgelb über Möhrenorange bis hin zu Brokkoligrün. Vielleicht ist das Phänomen am besten mit Urschleim zu beschreiben, wobei wir uns damit schon auf die metaphorische Ebene begeben.

Meine Tochter, 15 Monate alt, produziert diesen Schleim, er rinnt aus ihrem Mund, bedeckt ihre Wangen, tritt zwischen ihren kleinen Fingern hervor, wenn sie eine Faust ballt, klebt auf dem Tisch, verbindet sich mit der Wolle ihrer Strickjacke, verfilzt ihre blonden Haare. Er ist überall, und er reproduziert sich schneller, als ich "Fencheltee" sagen kann. Es ist ihm einfach nicht beizukommen, was nicht heißt, dass meine Freundin es nicht immer noch versuchen würde. Sie wischt, wäscht, saugt, kratzt, schüttelt aus. Genauso gut könnte sie mit einem Beutel Crushed Ice losziehen, um die Gletscherschmelze aufzuhalten. 

Ich habe längst aufgegeben. Anstatt weiter wie ein Mensch gewordener Lappen durch die Wohnung zu kriechen und dabei für die Alleinerziehenden dieser Welt stoßzubeten, habe ich mein zähes Ordnungsbedürfnis zurückgestellt. 15 Monate Konfrontationstherapie haben es möglich gemacht. Anfangs empfand ich den Dreck noch als Bedrohung, als Sinnbild für Kontrollverlust. Ein erwachsener Mann wird ja wohl noch die Hoheit über den Küchentisch verteidigen können, den er eigenhändig zusammengeschraubt hat. Aber ich wurde lockerer, umarmte schließlich den Schleim, der mich ja schon lange umarmte. Begriff ihn als Manifestation meines Vaterseins, als sichtbaren Ausdruck einer neuen Lebensphase, next level.

Das Spaghetti-Baby

Den Schleim zulassen, das heißt ja auch, sich anzunähern an einen Urzustand, mit dem sich vergeistigte Menschen normalerweise schwertun: Selbstvergessenheit. Das Spaghetti-Baby auf Youtube zeigt dies beispielhaft. Genüsslich reibt es sich beidhändig den Bauch mit Tomatensoße ein, schläft dabei ein, wacht wieder auf, isst weiter. Es überlagern sich in dieser kurzen Sequenz zwei Grundbedürfnisse derart lustvoll, dass man als Erwachsener nur neidisch werden kann. Wir haben nun mal gelernt, Tun und Sein in Eindeutigkeiten zu zerlegen. Entweder essen oder schlafen. 

Niemand kann mir die Freiheit eines noch nicht sozialisierten Individuums wiedergeben, auch meine Tochter nicht. Aber es gibt diese Momente, in denen ein Alter Ego von mir in ihren Augen aufblitzt: Kindergefühle, ungleich temperierte Erinnerungsfetzen, für die es keine Worte gibt. Ich kann jetzt mitlachen, wenn sie die Dinkelnudeln zermatscht und in die Tischplatte einarbeitet. Ich denke nicht daran, dass ich die Kruste irgendwann natürlich doch einweichen und abwischen muss. Ich genieße das Glück eines Moments, der sich in die Unendlichkeit dehnt, weil er keine Folgen hat.