Es gibt da diesen Song des französischen Sängers Eddy Mitchell: Er heißt Au bar du Lutetia und wurde von Jacques Dutronc geschrieben. Mitchell und Dutronc erinnern sich darin an ihren Freund und Weggefährten Serge Gainsbourg, der auf seinen nächtlichen Eskapaden durch Saint-Germain-des-Près immer irgendwann in der Bar des Hotel Lutetia landete. Er setzte sich dann, so singt es Mitchell, einfach ans Klavier, stimmte As time goes by oder einen Boogie an, der Kellner brachte ihm, je nachdem, ob er gut oder schlecht gelaunt aussah, einen "102" (doppelter Pastis) oder einen Bloody Mary. Die hübschen Frauen scharten sich um ihn, die schicken Gäste lächelten über diese verstrubbelte Gestalt – und irgendwie plätscherten die Nächte so dahin.

Seit vergangener Woche könnten sie das wieder tun. Denn da eröffnete das berühmte Hotel Lutetia nach vier Jahren Umbau, vier Jahren, in denen diese Ecke durch gigantische Werbeplanen verdeckt war, neu. Es hat immer etwas Aufregendes, wenn ein großes, historisches Hotel nach Jahren des Umbaus wiedereröffnet: Man will schnell hin, sehen, ob sie es mit Luxuskitsch vernichtet oder seine Seele halbwegs erhalten haben, einen der sündhaft teuren Drinks an der Bar trinken und danach nur sehr selten wieder kommen, weil diese Palace-Hotels eben für reiche Gäste gemacht sind.

Im Falle des Lutetia war die Neugierde doppelt groß. Schon allein, weil dieses Hotel, im Gegensatz zu anderen Palace-Hotels der Stadt, dem Ritz, dem Crillon, dem Bristol, mitten in einem sehr lebendigen Wohnviertel, im Herzen von Saint-Germain-des-Près, liegt. Man musste nur an diesem sonnigen Donnerstagmorgen dort hingehen, um das Spektakel zu beobachten: Draußen standen stämmige Portiers in dunklen Anzügen und wiederholten etwas mechanisch "Bienvenue au Lutetia!", drinnen, in der großen Eingangshalle, wuselte es in allen Ecken.

Überall liefen Menschen herum, die sicher nicht im Hotel schliefen. Sie steckten die Köpfe in den Salon Saint Germain, in dem hellbeige Ledersessel und hellblaue Hortensien standen, runzelten beim Anblick des von Künstler Fabrice Hyber bemalten Glasdaches kurz die Stirn und gingen weiter in den neuen kleinen Innenhof. Im durch den Umbau dazugekommenen Spa (bei Zimmern ab 800 Euro muss das sein!) ließen sie sich zeigen, aus welcher Ecke man das beste Instagram-Foto schießt, und setzten sich dann auf einen Kaffee in die neue Bar Josephine, an deren Decke eine wiedergefundene Art-Nouveau-Freske ragt. Sie schauten froh, aber auch unschlüssig in den Raum, und manchmal, wenn sie den Ort davor zu gut kannten, sagten sie beim Herausgehen zu ihrer Begleitung: "Vorher war es schon besser. Findest du nicht?"

Pierre Assouline, Schriftsteller und gefürchtetes Jurymitglied des Prix Goncourt, Verfasser eines sehr schönen Romans über das Hotel (Lutetias Geheimnisse, Heyne), findet das überhaupt nicht: "Ich finde die Renovierung wirklich gelungen, es war höchste Zeit, dass man das Lutetia ein bisschen auffrischt. Natürlich gibt es immer die Nostalgiker, nur hatte das Hotel ja so, wie es zuletzt war, sowieso nichts mehr mit dem Ursprung zu tun. Es war wahnsinnig dunkel, Fresken waren übermalt, Glasüberdachungen zugemauert, und diese Dekoration, die Sonia Rykiel in den Achtzigerjahren gemacht hatte, das war doch wirklich ein großes n’importe quoi! Es wirkte langsam wirklich heruntergekommen." Und das sei doch zu schade, bei einem so historischen Ort. Denn das Hotel Lutetia, das den Namen des antiken Paris trägt, ist ja nicht einfach nur ein Hotel. Es hat, so meint Pierre Assouline, einen besonderen Platz im Herzen der Pariser: "Das Lutetia ist ein historisches Monument Frankreichs. Es hängt sehr eng mit der Geschichte von Paris zusammen."

Tauchen wir kurz ein: Es war am 28. Dezember 1910, einem besonders kalten Abend, da versammelte sich das sogenannte Tout-Paris an der Ecke des Boulevard Raspail und der Rue de Sèvres, um mit einem großen Ball die Eröffnung des ersten (und bis heute einzigen) Palace-Hotels der Rive Gauche zu feiern: des Lutetia. Erdacht von den Erben des schräg gegenüber liegenden Kaufhauses Bonmarché sollte es vor allem dazu dienen, die elegante Kundschaft aus der Provinz ihren Ansprüchen gerecht zu beherbergen, und zwar auf dieser linken Seite der Seine, nicht etwa weit entfernt wie in dem bereits existierenden Ritz. Außerdem, so dachte man sich das in der Familie Boucicaut, sollte der vom Architekten Louis-Charles Boileau entworfene Bau, der Art Nouveau und Art Déco vereinte, den Esprit der Rive Gauche widerspiegeln: schick, aber ohne viel Bling Bling. 

Und offenbar glückte das. Es dauerte nicht lange, da war das Lutetia, dessen rankende Fassadendekoration übrigens Paul Belmondo, Vater von Jean-Paul, entworfen hat, bereits Kult. Es wurde zum Quartier Général einer internationalen Kulturelite, vor allem das vieler Schriftsteller: André Gide, der nur ein paar Straßen weiter wohnte, kam immer, wenn er seine Ruhe haben wollte. Albert Cohen diktierte seiner Sekretärin dort viele Seiten von Die Schöne des Herrn. Und das Ehepaar Saint-Exupéry (Der kleine Prinz), das nicht nur in getrennten Zimmern, sondern auch in verschiedenen Stockwerken schlief, stritt und versöhnte sich hier theatralisch vor den Augen aller Gäste. 

Auch die Kunst war zu Gast: Die Kunstmäzenin Peggy Guggenheim zum Beispiel wechselte in Zimmer 428 mit sportlicher Regelmäßigkeit die Liebhaber – Samuel Beckett wurde irgendwann durch James Joyces Sohn Giorgio ersetzt. Matisse, der Maler, ärgerte das Personal, indem er mit seinem Zigarillo kleine Löcher in die Laken brannte und dann forderte, dass man sie mit einem ganz besonderen Stich flicke. Und wenn es mal an Berühmtheiten mangelte, so erzählt das Pierre Assouline, dann rief ein Angestellter laut durch den Salon: "Charlie Chaplin wird am Telefon verlangt! Charlie Chaplin!", oder, je nach Tageslaune, auch "Pablo Picasso!", einfach nur, damit es schien, als sei hier immer ein Star vorhanden.