Read the English version of this article here.

Dieser Text ist Teil unserer neuen Serie "Heimatmysterium". Hier suchen wir nach dem, was Menschen in Deutschland verbindet – Religion, Beruf, Hobby, Herkunft oder Lebenssituation. Dem, was deutsche Heimaten ausmacht.

© ZEIT ONLINE

Wenn sie morgens aus dem Haus geht, riecht es auf der Straße nach Mohinga, nach Fischsuppe mit Reisnudeln und Zitronengras. Sie mag den Geruch, aber sie isst die Suppe, anders als ihre Nachbarn, lieber am Abend statt zum Frühstück. Der Suppenverkäufer kennt sie schon. "Mingalabar", ruft er ihr zu und winkt und sie ruft und winkt im Vorbeigehen zurück. "Guten Tag", das kann sie. Und "Wie geht's?" Und: "Ich komme aus Deutschland." Manchmal wünscht sie sich, der Verkäufer und sie könnten mehr miteinander sprechen, sich richtige Fragen stellen und Antworten geben. Aber dafür ist ihr Burmesisch nicht gut genug.

Damals in Vietnam war das anders. Da setzte die Euphorie, endlich woanders als in Deutschland zu leben, so viel Energie frei, dass sie die neue Sprache mühelos lernte. Aber dieses Damals liegt 16 Jahre zurück. Sie ist älter geworden, Burmesisch ist nicht so leicht wie Vietnamesisch und Myanmar nicht ihre erste, sondern ihre dritte Station. Und das Heimatgefühl, das dieses kurze Begrüßungsritual mit dem Suppenverkäufer jeden Morgen in ihr auslöst, ist auch schon was wert. Es hilft dabei, sich in dieser fremden Stadt wohlzufühlen und am Ende eines langen Arbeitstages nach ein paar Monaten sagen zu können: "Ich gehe jetzt nach Hause."

Christiane Schultz ist 57 Jahre alt. Seit 2016 wohnt sie in Yangon, der wirtschaftlichen Metropole und größten Stadt von Myanmar. Ihr Viertel heißt San Chaung. Hier leben fast ausschließlich Burmesen und nur wenige Ausländer. Sie hat sich bewusst für diesen Teil der Stadt entschieden. Unpersönliche Nachbarschaften, in denen ausschließlich zugereiste Europäer leben, mag sie nicht. Sie will am Leben des Landes teilhaben. Als sie herzog, in diese kleine Wohnung im siebten Stock eines unscheinbaren Wohnhauses, war ihr vor allem die Nähe zu ihrem Büro wichtig.

Christiane Schultz auf dem Balkon ihrer Wohnung im 7. Stock © Chiara Luxardo für ZEIT ONLINE

Rund 3,4 Millionen deutsche Staatsbürger leben derzeit im Ausland. Etwa 1,9 Millionen von ihnen sind erwerbstätig. Oft sind sie gut ausgebildet und haben verantwortungsvolle Positionen. Christiane Schultz ist eine von jenen, die den Schritt tatsächlich gegangen sind. 15 Prozent der Deutschen, das zeigen Umfragen, würden gerne im Ausland leben, aber nur etwa vier Prozent setzen diese Absicht auch um.
Christiane Schultz ist in Aachen aufgewachsen. Nach dem Abitur zog sie nach Hamburg und studierte in der berühmten Armgartstraße Modedesign. Nach ihrem Abschluss 1986 arbeitete sie für verschiedene Unternehmen in den Bereichen Design, Produktentwicklung und Einkauf. Richtig wohl fühlte sie sich dabei nie. Sie störte sich an "den hierarchischen Arbeitssystemen und Bedingungen in Deutschland", wie sie es nennt. "Ewige Konkurrenzkämpfe und soziale Kälte" habe sie in dieser Zeit erlebt.

Im Jahr 2002, nach mehr als 15 Jahren in der Mode- und Bekleidungsindustrie, hatte sie schließlich genug. Sie war 42 Jahre alt und dachte: "Jetzt muss noch mal etwas passieren." Durch Zufall entdeckte sie eine Stellenausschreibung, in der Experten in der Bekleidungs- und Textilindustrie für Entwicklungsarbeit in Vietnam gesucht wurden. Sie bewarb sich, bekam den Job und ging mit dem CIM-Programm für Fach- und Führungskräfte, einer Arbeitsgemeinschaft der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit, nach Hanoi.