1. Die Ekstase

Mit ein paar Luftmatratzen fing es an. In einer Nacht, in der in San Francisco alle Hotels ausgebucht waren, vermieteten Brian Chesky und Joe Gebbia ein paar Schlafplätze in ihrem Wohnzimmer. So entstand die Idee zu Airbnb (Airbed and Breakfast), einer Plattform für budgetbewusste Gäste, die Hotelkomfort lieber gegen ein echtes Zuhause tauschen wollten.

Zehn Jahre später scrollen sich Millionen Nutzer durch eine scheinbar endlose Liste aus gutfrisierten Angeboten. Etwa 4,5 Millionen Anzeigen in mehr als 80.000 Städten gibt es. Das Künstlerloft in Brooklyn, das Baumhaus in Spanien, das Hausboot in Amsterdam.

Romantisch der Gedanke, beim Urlaub gleichzeitig zuvor unbekannte Menschen zu treffen. Sinnvoll der Grundsatz, kurzfristig leer stehende Zimmer denen zur Verfügung zu stellen, die sie dringend suchen. Ökonomisch logisch, dem Gast die Hotelkosten und dem Gastgeber die Miete zu ersparen.

Der Pionier, der 2008 seinen Urlaub auf Airbnb buchte, wusste nicht, was ihn erwarten würde. Im schlechtesten Fall stand er vor verschlossener Tür, im besten Fall versackte er am Abend gemeinsam mit dem Gastgeber am Küchentisch. Auch für Hosts barg jede Buchung zumindest theoretisch die Gefahr, das Heim als Crackbude wiederzufinden. Das verlangte von beiden Seiten Vertrauen. Der Kundenservice der Plattform war holprig, wie die Straßen in der portugiesischen Küstenstadt, in der es sich für 20 Euro die Nacht in einem ausgedienten Kinderzimmer schlafen ließ.

Und genau darin lag der Reiz. Der Tourist, der keiner sein will, ist Airbnbs Kapital.  Er reist losgelöst von klobigen Reiseführern, ohne Kamera, aber mit iPhone-Filter, nur mit dem liebevoll gestalteten Stadtplan der Gastgeber. Mit Slogans wie "Don’t Go There, Live There" oder "Live Like A Local" preist Airbnb sein Verkaufsargument: Im Zeitalter der Billigairlines geht es nicht mehr darum, am Ort zu sein, sondern zum Teil des Ortes zu werden. Mit Airbnb soll die Reise zum Blick durchs Schlüsselloch werden, jeder, der sich darauf einlässt, zum offenen Weltbürger. Dieses Selbstbild kann das kalifornische Start-up zum Kampfpreis anbieten.

2. Das Erwachen

So ist Airbnb zu einem internationalen Giganten geworden, der nachhaltig verändert hat, wie Menschen verreisen: öfter, günstiger, lokaler. Den Begriff der Authentizität hat Airbnb nicht nur kommerzialisiert, sondern auch monopolisiert. Leben wie ein Einheimischer: Welches Hotel kann da mithalten?

"Die Tourismusindustrie wurde durch Airbnb auch aufgeweckt", sagt Burkhard von Freyberg, der an der Fakultät für Tourismus der HS München lehrt. "Die Hotels müssen sich gegen Airbnb behaupten. Sie können nicht mehr nur die Basis anbieten, sondern müssen dem Reisenden Erlebnisse ermöglichen." Dass die Touristen kommen, ist auch an beliebten Reisezielen nicht mehr selbstverständlich. So finden sich heute auch in vielen großen Häusern persönliche Stadtführer. Der Trend, so von Freyberg, ginge einerseits zu persönlicherem Service, andererseits zu Apartmenthotels. Vorbild: Airbnb.