Es kann einen ganz unvermittelt treffen. Wenn man zum Beispiel gerade am Stadtstrand sein Calippo-Cola-Eis aussaugt – plötzlich bellt einem Rapper Bonez MC entgegen, dessen Stimme vollends aus Bass besteht und der das musikalische Erbe von Jugendhelden wie Bushido (früher) und Britney Spears (ganz früher) angetreten hat: "PALMEN AUS PLASTIK!"

In unseren Alltag platzen diesen Sommer auffallend viele Teenager mit tragbaren Boxen, aus denen sie uns, nun ja, ihren Musikgeschmack mitteilen. Palmen aus Plastik etwa ist ein deutscher Rapsong von Bonez MC & Raf Camora aus dem Jahr 2016. Bei Spotify und YouTube kommt der Song auf 160 Millionen Aufrufe. Schätzt man mal ganz mutig, stammen sicherlich die Hälfte davon aus tragbaren Bluetooth-Boxen.

So eine Box kann man mitnehmen, sie wiegt wenig und klingt nach viel. Man verbindet sie mit dem Smartphone und hat, dank Spotify und YouTube, Zugriff auf fast jeden Song. Mit der Box tragen Teenager auf die Straße, was man früher zu Hause oder wenigstens im ersten eigenen Auto gemacht hat: Musik hören, so laut es geht. Und wie früher erhält man auf den Vorschlag, die Lautstärke vielleicht ein klitzekleines bisschen runterzuregeln, als Antwort meist ein äußerst bestimmtes "NÖ!" Das nervt, klar. Einerseits. Andererseits haben Erwachsene das verdient. Schließlich sind sie zu dem geworden, was sie niemals sein wollten: meckernde, kopfschüttelnde Alte, die diese jungen Leute nicht mehr verstehen, mit ihren komischen Klamotten und ihrer Musik aus der Dose.

Aber die Box ist viel mehr als ein dröhnender Soundtracklieferant zur Pubertät. An der Box lässt sich ein komplexes soziologisches Phänomen beobachten, dem man sich mit einer leicht übersteuert klingenden These nähern kann: Die Bluetooth-Box ist das Beste, was unseren Freibädern, Stadtstränden, Marktplätzen und U-Bahnen passieren konnte. Teenager mit Bluetooth-Boxen sind die Einzigen, die gentrifizierte Innenstädte vor der vollständigen Mumifizierung retten können.

Innenstädte sehen heute nämlich exakt gleich aus: Überall sprenkeln die gleichen Wasserspiele den gleichen anthrazitfarbenen Beton, reihen sich die gleichen Zaras, Starbucks und Buddha-Bowl-Hipness-Cafés aneinander. Die Erwachsenen, die sich Architektur, Einzelhandel und Gastronomie ausdenken, haben Innenstädte in die langweiligsten Orte der Welt verwandelt. Das ist die eine Seite der Innenstadtentwicklung: alles wird teurer, hipper, irgendwie lebloser.

Die andere Seite der Entwicklung erforscht der Ethnologe Dr. Wolfgang Kaschuba von der Humboldt-Universität Berlin. Es wird lauter in den Städten, es gibt mehr "Akustikverschmutzer", wie Kaschuba sie nennt. Besonders auffällig: Teenager mit Bluetooth-Boxen. Diesen überwiegend männlich geprägten Gruppen, die Kaschuba beobachtet hat, ginge es jedoch nicht darum, Störenfriede zu sein. Sie wollten gar nicht mit Lärm provozieren. Wenn sie Musik in die Öffentlichkeit fluten, nennt Kaschuba das eine "Behauptungsstrategie". Wie Griller, die sich ihr Revier mit Fleischgeruch markieren oder Radfahrer, die Fußgänger vom Radweg klingeln, sagen Teenager auch: Die Stadt gehört uns. Geht man wie Kaschuba davon aus, dass Lärm ein Ausdruck von Raumpolitik ist, vertonen die Teenager nur einen Demokratiegrundkurs im städtischen Zusammenleben.