Als ich vor einiger Zeit für ein anthropologisches Forschungsprojekt im zentralindischen Chhattisgarh unterwegs war, rettete mich eine neu gebaute Toilette. Das Dorf Bada Korenja ist so abgelegen, dass ich mir eigentlich sicher war, auf die Felder gehen zu müssen, um mich zu erleichtern. Aber zu meiner Überraschung entdeckte ich mehrere Toiletteneinheiten, aufgereiht standen sie vor den rissigen Lehmhäusern der Dorfbewohner. Auf jedes Häuschen waren drei große rote Buchstaben gepinselt: SBM, eine Abkürzung für Swachh Bharat Mission, Mission sauberes Indien

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Ich kam mit einer Frau ins Gespräch, die am Straßenrand saß. Als ich die vielen Toiletten im Dorf lobte, entgegnete sie, dass die Dorfbewohner sie kaum benutzten. Eigentlich nur, wenn Verwandte aus der Stadt zu Besuch seien. Ich war etwas amüsiert von der Aussage und fragte nach. Sie sagte, dass sie lieber am frühen Morgen oder am späten Abend in die Felder ginge anstatt zur Toilette. Die Häuschen hätten die Dorfbewohner nur gebaut, weil sie dazu gezwungen worden seien. Es stellte sich heraus, dass die Frau – Saraswati Toppo, 30 Jahre alt – mit dem Dorfvorsteher verheiratet war. Auch er sagte mir, die Toiletten seien nur entstanden, weil die SBM-Beamten darauf bestanden. "Sie drohten, wir müssten Strafe zahlen und die Hilfszahlungen der Regierung würden gestoppt, wenn wir nicht kooperierten. Dabei braucht hier niemand die Toiletten, die Dorfbewohner benutzen sie vor allem als Lagerraum."  

Und wirklich: Viele der Toilettenhäuschen waren verschlossen, als ich näher hinsah. Und ich fragte mich, ob die Strafen und Schamkampagnen der SBM etwas nützen, wenn die Landbevölkerung nichts mit den Toiletten anfangen kann? Die Mission sauberes Indien geht auf Premierminister Narendra Modi zurück. Kurz nachdem er im Frühjahr 2014 ins höchste Amt Indiens gewählt worden war, schob er die Kampagne an. Sein wichtigstes Ziel: Bis 2019 soll es landesweit keine Defäkation im Freien mehr geben. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe das Programm bislang mehr als 300 Millionen Indern, vor allem auf dem Land, den Zugang zu einer Toilette ermöglicht. Was die Statistik nicht zählt, ist, wie viele Menschen die sanitären Anlagen auch tatsächlich nutzen.

Weltweit, so lauten die Schätzungen, wird jeder siebte Mensch auf der Welt seinen Urin und Kot auf Feldern, an Flüssen oder neben den Bahngleisen los. Ein katastrophaler Zustand, weil die Bakterien und Viren aus dem Darm in den Boden gelangen und damit ins Grundwasser. Auf diese Weise werden Hepatitis, Cholera, Typhus und andere Krankheiten übertragen. In Indien, wo sich jeder zweite draußen hinhockt, wenn er muß, sterben allein an Durchfallerkrankungen mehr als eine halbe Million Menschen im Jahr. Ein Drittel davon sind Kinder.

Eine Dorfbewohnerin läuft an einer neu gebauten SBM-Toilette vorbei. © Shraddha Ghatge / Zeit Online