Das Internet ist ein geheimnisloser Ort, bis in die letzte Ecke ausgeleuchtet von Suchmaschinen und Metacrawlern. Was einmal hineingeworfen wurde, holt niemand mehr zurück. Das heißt auch: Früher oder später wird ein Hobbykoch Ihren Lieblingsitaliener bei Yelp in den Himmel loben, eine Bloggerin das verschlafene Dorf zum perfekten weekend-getaway hypen, in das Sie sich so gern zurückziehen, ein Influencer Ihre Badestelle am Baggersee auf Instagram posten, samt GPS-Koordinaten versteht sich.

Wir sollten uns daran gewöhnen, dass wir der digitalen Öffentlichkeit nichts verheimlichen können, was uns nicht exklusiv gehört. Dass Google vor zehn Jahren reihenweise Rauputzfassaden verpixeln musste, weil 244.000 Deutsche nicht wollten, dass ihr Wohnhaus auf Street View zu sehen ist, war nur ein Rückzugsgefecht. Wir werden lernen müssen, unsere Lieblingsorte mit diesem Internet zu teilen. Einen "Geheimtipp" kann es dort nicht mehr geben.

Aber was bedeutet es wirklich, wenn "mein See" plötzlich online steht? Wer findet ihn? Die Familie, die am Sonntagnachmittag mit ihren wohlerzogenen Kindern angeradelt kommt, wortlos lesend im Halbschatten liegt und ihren Müll wieder einsammelt? Die Jugendlichen, die auf stinkenden Mopeds durch den Zuckersand preschen, Discounterwodka im Schilf kühlen und die Bassboxen aufdrehen, dass die Fichten zittern? Der Investor, der den Uferstreifen aufkauft, eine exklusive Therme baut und den Zugang zum See sperrt? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich kommen ganz normale Leute. Wenn sie denn überhaupt kommen.

Tatsächlich ist es ja so: Je mehr Menschen einen See, eine Eisdiele oder sonst etwas empfehlen, desto eher geht die einzelne Empfehlung in der Masse unter. Da imitiert das Netz die Unübersichtlichkeit des sogenannten Real Life. Wird ein Ort eingespeist, aber von den ordnenden Algorithmen links liegen gelassen, entdeckt man ihn auch im Digitalen nur durch Zufall. 

Die Masse bewegt sich auf den immer gleichen Wegen, am Bildschirm wie an der frischen Luft. Insofern unterscheidet sich heutiges Verhalten nicht so sehr von dem der papiernen Reiseführer-Ära. Die Spielregeln der Aufmerksamkeitsökonomie sind dieselben. Ein Blick auf die bei TripAdvisor beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Deutschland zeigt: alles beim Alten. 1. Reichstag, 2. Brandenburger Tor, 3. Holocaustmahnmal, 4. Kölner Dom, 5. Münchner Marienplatz. Die Top fünf könnten erwartbarer kaum sein.

Irreführung als Widerstandsform

Natürlich gibt es Sonderfälle. Mit derselben Dynamik, mit der ein Dreijähriger, der von seinem Bruder in den Finger gebissen wird, zum Millionen Mal geteilten Meme wird, kann aus einem Nebenschauplatz eine Attraktion werden. Über die sozialistisch anmutende, weil sehr lange Warteschlange vor Mustafa's Gemüse Kebap in Kreuzberg ist viel geschrieben worden. Aber es ist kein Wunder, dass ausgerechnet diese Dönerbude zum wahrscheinlich bestbesuchten Imbiss Berlins wurde. Denn sie liegt erstens an einer ohnehin stark frequentierten Straßenecke in einem ohnehin beliebten Stadtteil, zweitens befindet sich nur wenige Meter entfernt eine seit ewigen Zeiten populäre Currywurstbraterei, drittens wurde Mustafas Imbiss professionell beworben (sogar im Kino) und viertens schmeckt der Kebab einfach. Nicht das Internet hat die Bude groß gemacht, es waren harte Standort- und Marketingfaktoren, Empfehlungsplattformen dienten nur als Katalysator.

Die populärste, weil einfachste Form des Widerstands gegen den Hype ist Irreführung: Je blumiger der Lieblingssee empfohlen wird, desto vehementer wird im selben Forum vor einem Besuch gewarnt. Da verwandelt sich der glasklare Waldsee mit dem sanft abfallenden Strand in eine blaualgenverseuchte Kloake, in die sich nicht mal die Pitbulls der örtlichen und natürlich drogensüchtigen Schulschwänzer trauen. Es ist derselbe Trick, mit dem Leute ihre Lieblingspizzeria schlechtreden, damit sie auch künftig ihre Capricciosa essen können, ohne die Ellenbogen beim Teigsägen an den Körper pressen zu müssen. Doch der Algorithmus der Bewertungsplattformen ist längst schlauer. Weicht ein Kommentar stark vom Durchschnitt ab, wird dieser oft gar nicht mehr angezeigt, bevor nicht geprüft ist, wie er zustande kam. Schlecht für die, die ihre Ruhe haben wollen. Gut für die, die unterwegs sind.

Die Welt ist bis in die letzte Einbahnstraße abfotografiert und in Klarsichtfolie gepackt. Man kann bedauern, dass die blinden Flecken auf der Landkarte verschwinden, besser gesagt die Landkarten selbst. Dass man nicht mehr Pionier sein kann, nur noch Wiederentdecker. Dafür ist es heute so einfach wie nie, einen Ausflug zu planen. Also los, auf zum Badesee, der auf Google Maps so toll aussieht und auf TripAdvisor so gelobt wird. Wollen wir doch mal sehen, ob das Internet recht hat.