In einer kalten Nacht im Winter 2017 nahm sich die 21-jährige Ha Yena (Name geändert) ein günstiges Motelzimmer in der Innenstadt von Seoul. Sie war mit Freunden aus gewesen, hatte Soju getrunken, und die U-Bahn fuhr nicht mehr. Sie bezahlte das Zimmer, ließ sich dort aufs Bett fallen und schlief augenblicklich ein.

Mitten in der Nacht schreckte sie hoch, sie spürte etwas an ihrem Bein. Als sie die Augen öffnete, sah sie einen Mann vor sich, ganz nah, er war vielleicht Mitte 20. Was sie gefühlt hatte waren seine Hände, er versuchte, ihre Beine auseinanderzudrücken. Ein weißes Licht schien ihm ins Gesicht, sein Smartphone. Ha war wie erstarrt. Sie stotterte: Wer bist du?, mehr bekam sie nicht heraus.

Was Ha in dieser Nacht erlebte, war die Produktion eines sogenannten Spycam-Pornos. Und sie selbst war die ungefragte Darstellerin. Solche heimlich aufgenommenen Filme sind ein wachsendes Problem in Südkorea, jener Hightech-Nation, die so stolz ist auf ihre digitale Hegemonie. Südkorea hat das schnellste Internet der Welt und mehr Smartphones als die meisten anderen Länder. Die südkoreanische Polizei schätzt, dass es in den vergangenen fünf Jahren im Schnitt mehr als 6.000 Spycam-Fälle jährlich gab. Fast 90 Prozent der Opfer sind Frauen.

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Keine Geschmackssache

Offiziell sind pornografische Websites – genau wie nordkoreanische – in Südkorea illegal. Versucht ein Nutzer eine solche Website aufzurufen, ploppt ein Warnhinweis der Regierung auf. Inoffiziell gibt es Pornografie im Übermaß. Man kann die Schranken der Regierung technisch umgehen oder man besorgt sich pornografische Filme und Fotos auf Filesharing-Plattformen. Spycam-Porno ist eine der beliebtesten Kategorien auf solchen Websites. Die Filme sind leicht herzustellen, mit der Smartphonekamera – oder mit Kameras in Form von USB-Sticks, Feuerzeugen, Kugelschreibern, sogar Wasserflaschen. Daher der Name Spycam, wörtlich übersetzt Spionagekamera. In Südkorea kann man sie problemlos kaufen.

"Pornos, die mit versteckter Kamera entstanden sind, werden einfach als Geschmackssache abgetan", sagt Ha Yena. Sie wollte nicht nur Opfer sein, also gründete sie Digital Sexual Crime Out (DSO), eine NGO, die Spycam-Material online sichtet und die Opfer solcher Attacken berät. "Viele Männer, die ich kenne, sagen, dass sie ungestellte Pornos mögen. Am besten mit Koreanerinnen."

Aufklärungsarbeit: Ein Lehrer zeigt Schülern eine Spycam in Form eines Autoschlüssels. © Kim Hong-Ji / Reuters

Inzwischen wird das Phänomen auch erforscht, etwa von der Kriminologin Chang Dahye. Sie sagt: "Spycam-Porno umfasst nicht nur Filmmaterial von Geschlechtsverkehr, es gibt auch Aufnahmen aus öffentlichen Toiletten, von Frauen in Bikinis oder in kurzen Röcken auf der Straße. Auf einer einschlägigen Website luden Männer Nacktbilder ihrer Freundinnen und Ehefrauen hoch und baten die anderen Nutzer, die weiblichen Körper zu bewerten." 

8.000 Angestellte sollen Toiletten überprüfen

"Unser Leben ist nicht euer Porno": Teilnehmerinnen eines Frauenmarschs gegen Spycam-Pornos in Seoul. © Ed Jones / Getty Images

Die Website hieß Soranet, hatte mehr als eine Million Nutzer und war ein Treffpunkt von Frauenhassern. Nachdem Nutzer dort mehrfach zu Vergewaltigungen aufgerufen hatten, wurde die Seite 2016 verboten. Ohne den Druck von Frauenrechtsaktivisten wie Ha Yena wäre das aber wohl nicht passiert. Außerdem sind andere Websites entstanden, die Soranet einfach kopiert haben.    

Technologien verändern menschliche Beziehungen, auch die Sexualität – und die Art der Sexualdelikte. Laut einer Studie der Vereinigung koreanischer Anwältinnen hatten 2006 rund 3,6 Prozent aller Sexualdelikte mit Spycams zu tun, 2015 waren es 24,9 Prozent. Die Strafverfolgung hinkt der Realität hinterher. "Unsere Möglichkeiten sind beschränkt", sagt ein Beamter der Spezialeinheit für Cybercrime der Bundespolizei Korea, der seinen Namen nicht nennen will. "Meldet sich ein Opfer, untersuchen wir den Fall natürlich. Ansonsten wird es schwierig. Wir können nicht das ganze Material im Netz daraufhin prüfen, ob eine Aufnahme relevant für uns sein könnte." Bei den wenigen Fällen, die vor Gericht landen, erwarten rund 90 Prozent der Täter eine Bewährungsstrafe oder einer Geldstrafe von bis zu 8.000 Euro.

Landesweite Proteste

Im Mai gab es landesweite Proteste, unter dem Motto "Unser Leben ist nicht euer Porno" versammelten sich Zehntausende Frauen im Zentrum von Seoul. Unter dem Druck der Proteste erklärten die Polizei und die Regierung den Spycams den Kampf. Der südkoreanische Präsident Moon Jae-In nannte die heimlichen Aufnahmen "ein bösartiges Verbrechen". Der Polizeichef des Landes sagte, man habe mehr als 1.000 Verdächtige aus der Spycam-Pornoindustrie ins Visier genommen (von denen letztlich gerade einmal 63 für weitere Befragungen in Untersuchungshaft kamen). Die Stadt Seoul verkündete, sie wolle 8.000 Leute anstellen, um öffentliche Toiletten auf versteckte Kameras zu untersuchen. Frauenrechtlerinnen halten die Maßnahmen für wenig hilfreich. Sie fordern, dass die Regierung den Verkauf von Spycams beschränkt und das heimliche Filmen härter bestraft.

Kurz nach den Verlautbarungen der Regierung ging ein weiteres Spycam-Opfer an die Öffentlichkeit. Unter ihrem Familiennamen Choi berichtete die junge Frau, dass sie nackt in ihrer Wohnung in einem Hochhaus gefilmt wurde. Eine Nachbarin hatte einen Mann mit Kamera im Haus gegenüber beobachtet und war daraufhin zur Polizei gegangen. Die Beamten befragten den Mann, und ließ ihn wieder gehen. Erst nach einer Woche durchsuchten sie seine Wohnung. Choi musste befürchten, dass er die Aufnahmen in der Zwischenzeit online stellte oder Kopien anfertigte.

"Die Filme verschwinden nicht. Das ist grausam"

Die Polizisten teilten Choi weder den Namen des Verdächtigen mit noch wie die Untersuchungen liefen. Dafür sagten sie ihr, dass der Mann sich mit seiner Freundin gestritten habe, nachdem er Choi gefilmt habe. Und dass er bald heiraten werde. Es schien, als wollten sie ihr ihren Ärger ausreden. "Ich führte ein längeres Telefonat mit einem Polizisten. So wie er über das Vergehen des Mannes sprach, klang es, als sei es nur eine Kleinigkeit. Als ich eine halbe Stunde später auflegte, hatte er mich beinahe davon überzeugt."

Aber so einfach konnte die Polizei den Fall nicht abhaken. Nicht jetzt, wo die Demonstrationen ihren Höhepunkt erreichten und der Fall Choi landesweit in den Nachrichten war. Die Proteste hatten im Mai begonnen, nachdem eine Frau ein Nacktfoto eines Männermodels in einem Onlineforum postete. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie verhaftet. Viele Frauen waren schockiert darüber, mit welcher Härte die Polizei vorging – nun, da das Opfer ein Mann war.

Er flehte sie an

Als Ha Yena den Fremden letzten Winter in ihrem Motelzimmer stellte, stolperte er aus der Tür und entkam. Aus ihrem Zimmer fehlte nichts, weder Smartphone noch Portemonnaie. Der Mann war kein Dieb, er hatte sich zu ihr geschlichen, um sie zu filmen. Weil ihn die Überwachungskameras des Motels aufgenommen hatten, wurde er noch in der selben Nacht gefasst. Dennoch dauerte es sieben Monate, bis es zu einer Einigung kam. Der Mann schrieb Ha einen drei Seiten langen Entschuldigungsbrief, in dem er sie anflehte, den Fall nicht vor Gericht zu bringen. "Wie soll ich mich je wieder in die Öffentlichkeit trauen", schrieb er, "wenn die Welt erfährt, was ich getan habe?"

Ha bekam eine Entschädigung, ging aber nicht vor Gericht. Sie zeigte Nachsicht mit dem Mann. Eine Nachsicht, die keine der Frauen erfahren hatte, deren Nacktbilder online geteilt wurden. "Diese Filme verschwinden nicht", sagt Ha. "Sie bleiben für immer im Netz. Das ist grausam."

Aus dem Englischen übersetzt von Alexander Krex