Die Polizisten teilten Choi weder den Namen des Verdächtigen mit noch, wie die Untersuchungen liefen. Dafür sagten sie ihr, dass der Mann sich mit seiner Freundin gestritten habe, nachdem er Choi gefilmt habe. Und dass er bald heiraten werde. Es schien, als wollten sie ihr ihren Ärger ausreden. "Ich führte ein längeres Telefonat mit einem Polizisten. So wie er über das Vergehen des Mannes sprach, klang es, als sei es nur eine Kleinigkeit. Als ich eine halbe Stunde später auflegte, hatte er mich beinahe davon überzeugt."

Aber so einfach konnte die Polizei den Fall nicht abhaken. Nicht jetzt, wo die Demonstrationen ihren Höhepunkt erreichten und der Fall Choi landesweit in den Nachrichten war. Die Proteste hatten im Mai begonnen, nachdem eine Frau ein Nacktfoto eines Männermodels in einem Onlineforum postete. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie verhaftet. Viele Frauen waren schockiert darüber, mit welcher Härte die Polizei vorging – nun, da das Opfer ein Mann war.

Er flehte sie an

Als Ha Yena den Fremden letzten Winter in ihrem Motelzimmer stellte, stolperte er aus der Tür und entkam. Aus ihrem Zimmer fehlte nichts, weder Smartphone noch Portemonnaie. Der Mann war kein Dieb, er hatte sich zu ihr geschlichen, um sie zu filmen. Weil ihn die Überwachungskameras des Motels aufgenommen hatten, wurde er noch in derselben Nacht gefasst. Dennoch dauerte es sieben Monate, bis es zu einer Einigung kam. Der Mann schrieb Ha einen drei Seiten langen Entschuldigungsbrief, in dem er sie anflehte, den Fall nicht vor Gericht zu bringen. "Wie soll ich mich je wieder in die Öffentlichkeit trauen", schrieb er, "wenn die Welt erfährt, was ich getan habe?"

Ha bekam eine Entschädigung, ging aber nicht vor Gericht. Sie zeigte Nachsicht mit dem Mann. Eine Nachsicht, die keine der Frauen erfahren hatte, deren Nacktbilder online geteilt wurden. "Diese Filme verschwinden nicht", sagt Ha. "Sie bleiben für immer im Netz. Das ist grausam."

Aus dem Englischen übersetzt von Alexander Krex