Wo Steine zu neuem Leben erwachen – Seite 1

Es war dem herzzerreißenden Miauen einer Katze direkt unter dem Hotelfenster zu verdanken, dass es nicht nur beim schönen Vorsatz geblieben ist, frühmorgens durch das menschenleere Matera zu spazieren. Die Katze streckte sich genüsslich auf der niedrigen Steinmauerbrüstung, näherte sich vorsichtig der Fremden, stolzierte aber gleich weiter, immer wieder bedacht, rückwärts zu blicken, als wollte sie einen auffordern, ihr zu folgen, über die Mauerbrüstung in das eigentlich gesperrte Areal der Höhlensiedlungen. Und: Man folgte ihr. Das Gras war noch nass vom Morgentau, die Sonne lugte aber schon in die Höhlen hinein. Hier also, in diesen tief in das Kalkgestein hineingegrabenen Behausungen, haben bis Mitte des 20. Jahrhunderts an die 15.000 Menschen, oft zusammen mit den Tieren, ohne Wasser und Strom gelebt. Diese menschenunwürdigen Zustände hielten sich schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Doch erst nachdem sie der Schriftsteller Carlo Levi in seinem 1945 veröffentlichten Buch Christus kam nur bis Eboli offenlegte, sah sich die Politik gezwungen, einzugreifen und die "Schande Italiens", wie es damals hieß, so schnell wie möglich zu beseitigen.

In vielen der mittlerweile unbewohnten und mit Gerümpel übersäten Höhlenbauten sind noch der Ofen, die gemeißelten Ablagestellen und ganz hinten der Platz für den Maulesel zu erkennen. Und erst jetzt, bei diesem eigentlich verbotenen Rundgang, überkommt einen das Gefühl der Einzigartigkeit. Erst in diesen den Witterungen und Gezeiten schutzlos ausgesetzten Höhlen spürt man sich an einem Ort angelangt, der ein "einmaliges Zeugnis einer verschollenen Zivilisation" darstellt. So stand es jedenfalls 1993 auch in der Begründung der Unesco, als Matera in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Es war eine Auszeichnung, die den Materani viel bedeutete, denn sie galt als wichtiger Schritt Richtung Rehabilitation. Weitere folgten, bis hin zur Ernennung zur italienischen Kulturhauptstadt Europas 2019 vor genau vier Jahren. Jetzt also soll der schandhafte Fleck endgültig weggewischt werden.

Die meisten Besucher Materas verbringen ihre Zeit in der Stadt damit, sich in die bis in die Jungsteinzeit zurückgehende Geschichte zu vertiefen. Sie pilgern von Felskirche zu Felskirche, bewundern die Wandmalereien, ziehen weiter zu den wieder originalgetreu eingerichteten, offiziell zugänglichen Felsbauten und klappern unermüdlich die Gassen, in denen sich die Höhlensiedlungen befinden, ab. Mittlerweile sind aus vielen dieser Höhlenbauten Geschäfte, Werkstätten, Hotels, Bed and Breakfast geworden.

Die Werkstatt von Raffaele Pentasuglia, einem sympathischen Mittdreißiger, befindet sich noch in der Civita, dem alten Stadtteil über den Höhlensiedlungen. Beim Hineintreten wird man von kleinen witzigen Figuren aus Keramik, Ton und Pappmaschee empfangen. "Eigentlich habe ich Physik studiert", erzählt Raffaele, "aber dann hat mich die Familientradition gepackt. Schon mein Großvater, der von Beruf Anstreicher war, bastelte in den Wintermonaten an Figuren aus Pappmaschee. Später folgte ihm mein Vater. Das Besondere an unseren Figuren ist, dass sie aus Wandtapetenresten – also ganz billigem Material – sind." Das gilt auch für die Figuren auf dem Festwagen Carro della Madonna della Bruna, der zu Ehren der Schutzpatronin am 2. Juli durch Matera zieht. Zu sehen sind Hexen, Räuber und Monachelli: "Das sind so etwas wie Kobolde", erklärt Raffaele. "Es heißt, sie verkörpern die Seelen der Kleinkinder, die noch vor der Taufe gestorben sind. Und wer einen zu Gesicht bekommt und es sogar schafft, ihm die rote Zipfelmütze wegzunehmen, den wird der Monachello zu dem Ort führen, wo die Räuber einst ihre Schätze versteckten."

Apulien, Italiens ehemalige Kornkammer

Die Höhlen von Matera © Andrea Affaticati

Die Bottega von Mastro Nerone liegt stattdessen mittendrin in den Sassi, wie man das einzigartig Lebenssystem der Höhlensiedlung auch nennt. Wer die Via Crocifisso hinunterschlendert, kommt unweigerlich an seiner Höhlenwerkstatt vorbei. Zusammen mit seinem jungen Lehrling Marcello meißelt er tagein, tagaus an Gipsstuckaturen und Miniaturansichten von Matera. Und wieder ein paar Windungen tiefer wartet Frau Angela vor ihrer Häkel- und Strickwarenboutique. Schon vor zwanzig Jahren sei sie als eine der Ersten hier eingezogen, erzählt sie. "Und ich habe es nie bereut. Allein schon wegen der magischen Atmosphäre. Jeden Abend, wenn die Sonne untergeht und die Sassi sich in ein buntes Lichtermeer verwandeln, packt mich eine tiefe Rührung." 

Doch irgendwann heißt es von Matera und der Monachello-Katze, die einen zu so manch verborgenen Schatz geleitet hat, Abschied zu nehmen und sich aufs Rad zu schwingen. Denn Matera ist ja erst der Ausgangspunkt einer Radtour, die in sechs Tagen über Gioia del Colle, Alberobello, Locorotondo und Martina Franca bis zum Küstenort San Pietro in Bevagna führt und schließlich in der für ihre Barockbauten berühmten Stadt Lecce endet.

Südwestlich von Matera beginnt die Region Apulien, Italiens ehemalige Kornkammer. Und noch heute liefert die Region 22 Prozent der Mehlproduktion. Es geht über ruhige Nebenstraßen und Schotterwege in eine Landschaft hinein, die der Mensch zu einem beeindruckenden Tableau vivant gestaltet hat. Hier war der Latifondo, der Großgrundbesitz, bis in das 20. Jahrhundert weitverbreitet. Davon zeugen noch die Muretti a secco, nur aus Naturstein errichtete niedrige Mauerwerke, die große Ackerlandportionen einrahmen. Von der Straße gesehen erinnern sie an Fluchtlinien, die sich dem leichten Auf und Ab der Felder anmutig anpassen. Da und dort weiden Schafe und Kühe. Von diesen Gehöften kommt die Milch, mit der man den renommierte Mozzarella in der nahe gelegenen Stadt Gioia del Colle herstellt, und hier wird auch die besonders geschätzte Hartweizensorte Senatore Cappelli angebaut.

Nebst der Landschaft sind es die Fassaden der Gutshäuser und die Wappenschilder, die einen neugierig machen. Freilich, es muss auch bessere Zeiten für sie gegeben haben. Auf den zum Teil eingestürzten Dächern und aus den Öffnungen in den Hausmauern wuchert Unkraut. Masseria heißen sie und gelten als typisches Merkmal der Region. Ihre trutzburgähnlichen Mauern gehen auf das Jahr 1000 zurück. Damals versuchten die Landherren so, ihr Hab und Gut vor der Invasion der Normannen zu schützen.

Wer weiß, was da noch für Schätze verborgen sind! Oder sind das nur Hirngespinste? Nicht unbedingt. Zumindest was die Masseria in der Nähe von Santeramo betrifft. Auf der Gedenkplatte in der angrenzenden Familienkapelle steht, dass hier einst die Fürsten Caracciolo zu Hause waren. Diese aus Neapel stammende Adelsfamilie zählt zu den ältesten Italiens. "Nur: Hier lässt sich seit 15 Jahren keiner mehr blicken", bedauert Herr Giovanni Nuzzola, ein redseliger älterer Herr, der gleich gegenüber wohnt. Er kenne die Masseria in- und auswendig, erzählt er weiter. "Ich bin nämlich dort geboren und habe mit meinen Eltern und 16 Geschwistern auch dort gewohnt. Das waren noch Zeiten, als ich mit den Kindern des Principe spielte." Er habe gehört, der Sänger Albano sei an dem Grundstück interessiert. "Vielleicht nur ein Gerücht. Sicher ist aber, dass der Keller noch voll mit Weinflaschen ist." Na also, doch ein Schatz – nach so vielen Jahren aber wahrscheinlich ein eher ungenießbarer.

Die Route Richtung Alberobello und Locorotondo verläuft mitten durch die Valle d'Itria, auch Valle dei Trulli, Tal der Trulli, genannt. Die Trulli sind kleine, kalkweißgetünchte Rundbauten mit witzigen, aus grauen Felssteinplatten zusammengebastelten Dachmützen. Ursprünglich diente der Trullo als Unterkunft für die Tiere. Später wurden weitere hinzugestellt und die ganze Familie zog ein. Die ersten Trulli sollen hier um das 17. Jahrhundert errichtet worden sein. Es wird erzählt, der Graf Giangirolamo II Acquaviva, der hier seine Ländereien hatte, sei es leid gewesen, dem Königshaus für jeden noch so kleinen Unterschlupf Steuern zahlen zu müssen. Also befahl er seinen Bauern, von nun an Unterkünfte zu bauen, die im Falle einer Inspektion auch schnell abmontiert werden konnten.

"Ich wollte, dass die Welt zu mir kommt"

Die süditalienische Stadt Alberobello © Andrea Affaticati

Die Trulli auf den Feldern sind eine Art Vorboten Alberobellos, einer Stadt, die nicht nur Kinder an eine Märchenwelt erinnert. Insgesamt sind es 1.500 Trulli, die das Stadtbild prägen und die Unesco 1996 dazu veranlassten, auch Alberobello in ihre Liste aufzunehmen. Leider hat die Stadt aber im Laufe der Jahre viel von ihrem Charme eingebüßt. Aus einem Großteil der Trulli sind Souvenirgeschäfte geworden, die die Touristenscharen im Sommer mit billigen Mitbringseln ködern. Die Verlockung, schnell wieder weiterzufahren, ist groß, aber der Eintritt in eines der Geschäfte, vor dem das Schild "Free Panorama View" steht, lohnt sich doch: Von der Terrasse aus genießt man einen einmaligen Blick auf dieses Meer aus Trullidächern.

Genauso wie die Sassi in Matera wurden auch diese Rundbauten bis vor nicht allzu langer Zeit als Armenunterkünfte verschmäht. Heute sind sie wieder sehr begehrt, besonders bei den jüngeren Generationen, die sie oft geerbt haben. Wie im Fall von Rosalba Cantone, eine temperamentvolle und herzliche Frau Mitte Dreißig. "Ehrlich gesagt, habe ich mich in dieses Abenteuer gestürzt, weil die Familiengeschichte mit im Spiel war", erzählt sie während eines Spaziergangs. Leonardo war ein älterer Cousin ihres Vaters. "Als Kind liebte ich seine Geschichten aus den Kriegsjahren. Er diente beim italienischen Roten Kreuz in Udine. Und was mich besonders fesselte, war die Liebesgeschichte mit der Tochter eines Generals, die er jeden Sonntag ins Kino begleitete. Als er dann alt war, zog er bei uns ein. Leonardo war nicht gerade großzügig, brachte aber immer große Körbe mit Obst und Gemüse aus seinem Gut mit. Umso größer war also die Überraschung, als wir nach seinem Tod erfuhren, dass er meinen Vater als alleinigen Erben benannt hatte." Doch was sollte man mit den vier schon vom Verfall bedrohten Trulli machen? Sie hatte die Idee, ein kleines Ferienressort daraus zu machen, und setzte sie trotz Bedenken der Familie stur durch. "Früher bin ich in der Welt herumgereist", erzählt Rosalba. "Nach der Heirat und dem ersten Kind war das nicht mehr möglich. Also wollte ich, dass die Welt zu mir kommt." Doch wie verwandelt man einen Trullo in eine Vier-Sterne-Unterkunft? "Gute Frage. Es kommt auf den Trullaro an. Die Bauten stehen nämlich unter Denkmalschutz", antwortet sie. Leider gibt es nur noch wenige Handwerker, die die alte Zunft beherrschen. Domenico Raguso ist einer. "Bei einem Trullo kann man sich nicht mit Zement und Mörtel an die Arbeit machen", erklärt er. "Die Struktur muss genau geprüft werden, denn nur ein falscher Griff und alles stürzt ein." Wie es der Graf Giangirolamo einst befohlen hatte.

In den Giardini di Pomona hat der Fotograf Paolo Belloni an die 800 vom Aussterben bedrohte Obstgattungen angebaut. © Andrea Affaticati

Rosalba ist aber nicht der einzige Sturkopf. Keine zehn Kilometer von Locorotondo, gleich außerhalb der Ortschaft Cisternino, wohnt noch einer. Wer ihm begegnen möchte, muss nur den Wegpfeilern zu den Giardini di Pomona, auch als Conservatorio Botanico bekannt, folgen. Hier, auf zehn Hektar Land, hat der vor 25 Jahren aus Mailand weggezogene Fotograf Paolo Belloni mit der conservazione, der Erhaltung, von Pflanzen und Obstbäumen begonnen. An die 800 vom Aussterben bedrohte Obstgattungen hat er hier angebaut. "Daher auch der Name Pomona, das war die römische Göttin der Baumfrüchte", erklärt Paolo. Sein ganzer Stolz gilt jedoch den Feigenbäumen. "Mittlerweile habe ich 640 Sorten aus aller Welt zusammengetragen. Es ist die größte Sammlung im ganzen Mittelmeerraum." Und dann ist da noch sein Kleinod. Es handelt sich um ein eher schmächtiges Kakibäumchen inmitten eines Lavendellabyrinths. "Das ist ein Nagasaki-Kaki und stellt so etwas wie ein Wunder dar", erklärt er. "Der Samen stammt nämlich von einem Baum, der den amerikanischen Atombombenabwurf vom 9. August 1945 auf die japanische Stadt überlebt hat."

Während man sich mit dem Fahrrad dem unter der Sonne glitzernden Meer nähert, denkt man zurück an die Höhlensiedlungen, an die monachelliähnlichen Trulli – und hofft im Stillen, dass es noch viel mehr von der Sorte Paolo Belloni gibt. Von Menschen, die sich der Einzigartigkeit dieses Tableau vivant bewusst sind und es wohlerhalten an die zukünftigen Generationen vererben werden.